Antje Fretwurst-Colberg: Grüne Fassade am Spreeufer, Öl/Lw, 1993
Foto: Galerie der Berliner Graphikpresse/Fretwurst-Colberg/VG BIldkunst Bonn 2020

Berlin -Mehr unromantische, berlintypisch ruppige Poesie geht wohl kaum: Der Berliner Maler Werner Heldt schrieb um 1950: „Unter dem Asphaltboden Berlins ist überall der Sand der Mark. Und das war früher einmal Meeresboden.“

Das heißt, ein wenig überzogen, die Ostsee reichte einst bis zu den Stellen, wo heute Kudamm oder Unter den Linden entlangführen. Die Stadt ist auf Sand gebaut, das Meer hatte der Maler dazuerfunden, frei und spielerisch im Umgang mit Erdgeschichte und Geografie. Daran denkt man unweigerlich vor den Gemälden von Antje Fretwurst-Colberg, die jetzt zusammen mit ihrem Mann Friedrich Wilhelm Fretwurst in der Galerie der Berliner Graphikpresse ausstellt.

Die gebürtige Hamburgerin studierte an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, zählte in Ost-Berlin zu den markanten Malerinnen, ein prägender Lehrer war Arno Mohr. 1997 zog sie mit ihrem Mann, der vom Darß stammt und ebenfalls in Weißensee studierte, nach Dändorf/Dierhagen. Das Paar brauchte Meeresluft und Möwengeschrei, Wind, Brandungen, Wellenberge, Fischerboote. Aber da scheint in den Bildern beider auch die Erinnerung an Berlin auf, wo ihr Weg in die Kunst begann. Sie schafft mit leiser spröder Poesie, er mit expressivem, dynamischem Schwung der Linien und Konturen Motive von der Großstadt und von der Küste, als wäre auf den Leinwänden kurz mal die Zeit angehalten. Das sind Kompositionen bar jeder Hektik und Nervosität. Still, zeitlos, geheimnisvoll geben die Farben den Dingen Form.

Friedrich Wilhelm Fretwurst: Hafen Dierhagen, Öl/Lw, 2018
Foto.Galerie der Berliner Graphikpresse/Fretwurst/VG Bildkunst Bonn 2020

Alles lebt wieder auf in den Bildern, jene Wege, die diese beiden Maler in Berlin gingen. Sie malte die Oberbaumbrücke, die heute wieder nach Kreuzberg führt, die Frankfurter Allee im Regen, den Zionskirchplatz, die grünblaue Gründerzeit-Eisenkonstruktion der Brücke am Siemenssteig. Und die Spree-Kähne. Und er malte ein großes, abenteuerlich aussehendes Segelschiff im Hafen von Dierhagen, wo die maritimen Motive in rauen Mengen vorhanden sind, bei jedem Seglerwetter, zu jeder Jahreszeit.

Den Bootssteg und auslaufende Schiffe hat Fretwurst offensichtlich nach dem Erleben einer ziemlich steifen Brise gemalt. Im Berliner „Humboldthafen“ von Anfang der Neunzigerjahre, den er und auch seine Frau verewigten, ging es windstiller zu. Da faszinierten den Maler die geschickten Fahrmanöver des Bootsmannes, mit der hohen Kajüte unter der Eisenbrücke durchzukommen. Aus der gleichen Zeit stammen auch die Vorstadtbilder, der verschneite Stadtrand, ungewohnte Stille. Seine - und ihre Motive von Berlin und vom Meer sind Bilderzählungen von Nähe und Ferne. Und von der schwindenden Zeit.

Galerie der Berliner Graphikpresse, Silvio-Meier-Str. 6 (Friedrichshain). Bis 17. Juli, Mi-Fr 13.18.30/Sa 11-15 Uhr.