Ein Tritt und – zack – ist der Außenspiegel weg. So beginnt Jakob Lass’ neuer Film. Maggie (Maria Dragus) will einparken, doch eine ältere Dame in einem dicken Wagen schnappt ihr den Platz weg und wird von der Parkplatzwächterin (Der Wahnsinn: Ella Rumpf) wie beschrieben abgemahnt. Sie ist das „Tiger Girl“ im gleichnamigen Film des Regisseurs.

Prügelnde Frauen

Man könnte sagen, dass der da anfängt, wo sein Film „Love Steaks“ aus dem Jahr 2013 aufgehört hat – mit einer Prügelszene. Nur dass Frauen, die Gewalt anwenden, ziemlich ungewöhnlich sind.

Der Film spielt in Berlin, aber es ist kein Berlin-Film. Von der Stadt kriegt man nicht viel zu sehen. Der Wiedererkennungswert ist gering, wenn man zum Beispiel nicht gerade selbst in Neukölln wohnt. Wie auch Jakob Lass. Seine Filmheldin wohnt in einem alten Bus. Gefallen lässt sie sich nichts, gegen Vorschriften ist sie allergisch.

Ophüls-Preis

Hier könnte man eine Parallele zu Jakob Lass erkennen. An der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, die damals noch Hochschule für Film und Fernsehen hieß, drehte er schon im ersten Studienjahr gegen den Willen seiner Dozenten den Achtzigminüter „Frontalwatte“. Und dann, immer noch Student, 2013 „Love Steaks“, ohne Förderung und nicht als Diplomarbeit, sondern als Sonderprojekt – so konnte keiner reinreden.

Der Film bekam dann den Förderpreis Neues Deutsches Kino in allen vier Kategorien, den Max- Ophüls-Preis und eine Nominierung für den Deutschen Filmpreis. Für jemanden, der mit seinen Bewerbungen vier Jahre lang bei sämtlichen Filmhochschulen der Republik gescheitert ist, war das möglicherweise eine Genugtuung. Seitdem jedenfalls gilt der 1981 in München geborene Lass als Hoffnung. Vor einem steht aber kein grimmiger Umstürzler, sondern ein freundlicher, interessierter Mensch. Nur der Rauschebart erinnert an einen Revolutionär.

Wachheit im Moment

Wenn Lass von der Arbeit spricht, redet er von „wir“. Vor „Love Steaks“ hat er mit seiner Produzentin Ines Schiller und seinem Bildgestalter (Kameramann) Timon Schöppi ein halbes Jahr lang darüber nachgedacht, wie sie arbeiten wollen. Herausgekommen ist ein Regelwerk namens Fogma, ein Anspielung auf den dänischen Dogma-Film. „Fogma ist die Wachheit der Gruppe im Moment“, lautet eine Prämisse. „Fogma akzeptiert keine Nettigkeit aus sozialer Faulheit“ oder „Fogma ist Filmemachen und Leben“.

Das klingt einerseits idealistisch, andererseits ein bisschen schwammig, weil man sich alles Mögliche darunter vorstellen kann. Aber sie haben sich alles genau überlegt. Es bedeutet, dass sie keine faulen Kompromisse machen wollen, dass das Leben nicht vom Filmemachen aufgefressen werden soll und dass sie beim Arbeiten in einen Flow kommen wollen, einen spielerischen Fluss, in dem man aufgeht in dem, was man tut.

Auch für „Tiger Girl“ haben sie auf diese Regeln zurückgegriffen. Und auf die Schauspieler aus den Filmen zuvor. Wer sie gesehen hat, kommt sich vor wie in einem Ensemble-Theater. „Das sind starke Künstler“, sagt Jakob Lass. „Die trage ich mit, so lange das geht.“ Bei ihm gibt es keine Dialoge für die Schauspieler, auch das gehört zu seinem Anti-Konventionsprogramm. Es bedeutet aber nicht Chaos. Sein Credo: Freiheit gibt es nur auf der Basis von Strukturen.

Roh und anders

Bei Lass ersetzt ein „Skelettbuch“ mit einem dramaturgischen Gerüst das Drehbuch. „Es ist der Versuch, Schauspielern Szenen abzuringen, die überraschend sind, dadurch eine andere Ebene der Glaubwürdigkeit zu erreichen“, sagt er. Das funktioniert in „Love Steaks“ noch besser als in „Tiger Girl“, aber auch dieser Film wirkt roh und anders. Und stellenweise schwer zu ertragen – das ist eine Qualität. Wieder kommen Laien zum Einsatz, es sind Mitarbeiter und Azubis von Sicherheitsfirmen.

In so einer Firma lässt sich Maggie ausbilden, nachdem sie bei der Aufnahmeprüfung der Polizei durchgefallen ist. Anfangs ist sie noch das schüchterne, unbeholfene Mädchen, in der Freundschaft mit Tiger wird sie erst aufmüpfig und dann zur Schlägerin, zu „Vanilla the Killa“, wie Tiger sie tauft. Zum Entsetzen der Freundin gerät Vanilla außer Kontrolle, doch der Versuch des Films, Gewalt in gute und böse Gewalt einzuteilen, geht nicht ganz auf. Und dennoch: Man kommt aus dem Kino und hat plötzlich Lust, gegen den nächsten Laternenpfahl zu treten, weil man so aufgeladen ist mit positiver Energie. Das muss ein Film erstmal schaffen.

Familie mit Regie-Gen

Mit seinem jüngeren Bruder Tom, der selbst auch Filme dreht, hat Jakob Lass 2006 die Produktionsfirma LassBros gegründet. Gibt es in der Familie ein Regie-Gen? Die Antwort lässt eher auf Konditionierung durch Umwelteinflüsse schließen. Sie hatten zu Hause keinen Fernseher, durften aber jeden Sonntag ins Kinderkino.

Über den deutschen Film sagt Jakob Lass: „Es gibt zu viel Mittelmaß.“ Filme, die nichts wagen, findet er fürchterlich. Warum es so wenig Mut zum Risiko gibt, versteht er nicht. „Wir haben in Deutschland doch die idealen Bedingungen mit Markt und Kulturförderung.“ Nach dem Erfolg von „Love Steak“ sagten ihm viele, sie hätten den Film nie gefördert, wenn ihnen die Idee vorgetragen worden wäre. Sein Fazit: „Man sollte Filme fördern, gerade weil sie bescheuert klingen.“