Das Verlagshaus der „SZ“ in München-Steinhausen.
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BerlinBei der Süddeutschen Zeitung (SZ) hat die Redaktion bei der Berufung eines neuen Chefredakteurs ein gewisses Mitspracherecht. Nicht jedes einzelne Redaktionsmitglied darf mitreden, aber – immerhin – die leitenden Redakteure. Konkret handelt es sich um die etwa 35 redaktionellen Führungskräfte, die im Impressum der Zeitung aufgeführt werden, die sogenannten „Impressionisten“.

Erst kürzlich trafen sie sich zu einer Sitzung. Da der seit 2011 amtierende Chefredakteur Kurt Kister ab Sommer nur noch als Autor arbeiten mag, galt es seine Nachfolge zu bestimmen. Die leitenden Redakteure mussten darüber abstimmen, ob die vom Verlag vorgeschlagene Journalistin Judith Wittwer, die bisher Chefredakteurin des in Zürich erscheinenden Tages-Anzeigers ist, auf Kister folgen sollte. Zu diesem Zweck ging – nach Angaben aus Redaktionskreisen – eine Wahlurne von Hand zu Hand der etwa 20 anwesenden Impressionisten. Die übrigen leitenden Redakteure waren zugeschaltet.

Rückzug ins Homeoffice für alle Mitarbeiter

Mit der Schweizerin Wittwer hatte im Vorfeld kaum jemand als Kandidatin gerechnet. Dennoch wurde die 42-Jährige von dem Gremium als neue Chefredakteurin bestätigt. Aber wenn SZ-Redakteure heute über die gut zwei Wochen zurückliegende Wahl sprechen, geht es nicht um deren Ausgang, sondern vielmehr um die Umstände der Abstimmung. War es Mitte März – in Deutschland waren bereits zahlreiche Menschen mit dem Coronavirus infiziert - noch zu verantworten, eine Wahlurne in einem 20-köpfigen Gremium von Hand zu Hand gehen zu lassen? War das Risiko einer Schmierinfektion nicht schon damals viel zu groß? Mal ganz davon abgesehen, dass ein Träger des Coronavirus seine Kollegen auch per Tröpfcheninfektion hätte anstecken können.

Kommt aus Zürich: die designierte SZ-Chefredakteurin Judith Wittwer.
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Nun hat sich herausgestellt, dass eine leitende Redakteurin, die an der Impressionisten-Sitzung teilgenommen hatte, offenbar schon damals mit dem Coronavirus infiziert war. Ob sie seinerzeit jemanden angesteckt hat, lässt sich momentan nicht sagen. Dennoch sah sich die SZ jetzt zu einer drastischen Maßnahme gezwungen: Wie viele andere Redaktionen hatte die Zeitung einen Großteil ihrer Redakteure bereits vor etwa zwei Wochen nach Hause geschickt. Nur ein Kern von zehn, zumeist leitenden, Mitarbeitern steuerte in der Redaktion die Produktion. Doch auch für sie wurde nun der Rückzug ins Homeoffice angeordnet.

Seit Donnerstag arbeitet kein SZ-Redakteur mehr im Verlagshaus in München-Steinhausen. Das bestätigte ein Verlagssprecher auf Anfrage. Er bestätigte auch, dass die Maßnahme im Zusammenhang mit dem Coronavirus steht. Zu weiteren Details, die zu dieser Maßnahme führten, will er sich „aus Gründen des Persönlichkeits- und Datenschutzes“ nicht äußern.

Damit dürfte die Süddeutsche Zeitung – mit gut 330.000 verkauften Exemplaren immerhin die größte täglich erscheinende deutsche Abonnementzeitung - eines der ganz wenigen deutschen Blätter sein, das komplett in Heimarbeit produziert wird. Denn die meisten Redaktionen anderer Tageszeitungen arbeiten, so wie auch die SZ bis einschließlich Mittwoch, mit einer Notbesetzung in ihren Verlagshäusern.