Schnell und scharf: Eine Curry mit Gysi. Der wöchentliche Interview-Imbiss mit den Chefredakteuren Elmar Jehn und Jochen Arntz und Politiker Gregor Gysi. Heute: Ist Özil ein Werkzeug Erdogans?

Herr Gysi, Mesut Özil hat in der vergangenen Woche sein Foto mit Erdogan vor der WM 2018 als Respektsbezeugung für den türkischen Präsidenten verteidigt. Was ist das in Ihren Augen – politische Naivität oder politisches Kalkül?

Eher eine persönliche Reaktion auch darauf, dass er fußballerisch momentan wenig eingesetzt wird und auch bei seinen Fans das Desinteresse an ihm wächst. Er versucht, anders Aufmerksamkeit zu erlangen. Allerdings ist und wurde er auch diskriminiert, er ist also verletzt.

Macht sich Özil zum Werkzeug des Autokraten, zum nützlichen Idioten?

Ob Mesut Özil es wollte oder nicht – Erdogan hat 2018 versucht, von seiner Prominenz zu profitieren. Er stand im Präsidentschaftswahlkampf, und Özil hätte sich eben überlegen müssen, dass und wie seine Respektsbezeugung von Erdogan genutzt wird. Außerdem soll Erdogan Özils Trauzeuge gewesen sein, was eher für eine Art Freundschaft spricht. Nur, seine Freunde kann man sich im Unterschied zu Verwandten aussuchen.

Auch westliche Politiker schmücken sich gern mit erfolgreichen Sportlern, in der DDR war es Programm. Wird im Fall Özil mit zweierlei Maß gemessen?

Ja und nein. Man darf die Verantwortung Erdogans für die Zuspitzung der Konflikte sowohl in der Türkei als auch im Nahen und Mittleren Osten nicht übersehen. Indirekt hat er auch den Islamischen Staat unterstützt, was jetzt auch gilt. Allerdings schmücken sich Politikerinnen und Politiker zu viel mit erfolgreichen Sportlerinnen und Sportlern. Dabei wissen die meisten, sogar ich, dass sie die sportlichen Leistungen nicht erbrachten.

Özil spricht auch von deutschem Rassismus und zieht Parallelen zu dem Anschlag in Halle. Verstehen Sie ihn in diesem Punkt?

Es ist verheerend, wenn Kritik mit rassistischen Reflektionen verbunden wird. Mesut Özil wurde in Gelsenkirchen geboren und besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft. Es ist sein Recht, auch zu den türkischen Wurzeln seiner Familie zu stehen. Wie er es getan hat, ist allerdings kritikwürdig. Halle ist ein anderer Vorgang. Der Täter wollte viele Jüdinnen und Juden in der Synagoge erschießen. Er tötete zwei unbeteiligte Passanten und verletzte andere schwer. Das zeigt, dass wir jede Form von Rassismus und Antisemitismus unterbinden müssen.

Man mag ja kaum an einen Zufall glauben, dass Özil sich mitten in die Debatte um salutierende türkische Nationalspieler hinein zu Wort meldet. Ist das eine neue Qualität der politischen Propaganda im Sport?

Schon, aber der Sport ist Teil der Gesellschaft und damit auch ihrer Konflikte. Die Frage ist, für welche Werte Sportlerinnen und Sportler eintreten. Ich erinnere mich an den Protest der afroamerikanischen Sprinter aus den USA bei der Olympiade in Mexiko 1968 gegen die Rassendiskriminierung. Er wurde weltweit begrüßt. Bei der völkerrechtswidrigen Aggression der Türkei in Nordsyrien müssten sich Sportlerinnen und Sportler schon deshalb dagegen wenden, weil der internationale Sport von seinem Ursprung, seinem Wesen und dem Charakter der Olympischen Spiele her der Völkerverständigung dienen soll.

Ist es richtig, so etwas zu verbieten oder gar einen Spieler zu feuern, wie es St. Pauli getan hat?

Cenk Sahin hat sich offen zur türkischen Aggression in Nordsyrien bekannt, was den Grundregeln des internationalen Sports, aber auch den Grundsätzen des FC St. Pauli widerspricht. Es traf dessen Fans besonders hart, da ihre Bedeutung unter anderem darin besteht, prononciert gegenteilige Ziele zu verfolgen. Deshalb unterstützten sie den ehemaligen Pauli-Spieler Deniz Naki, als er wegen angeblicher PKK-Propaganda in der Türkei vor Gericht stand. Auch die Uefa wird sich der Frage stellen müssen, wie sie mit einem Mitgliedsland umgeht, das einen völkerrechtswidrigen Krieg führt. Nur mal zu Erinnerung: 1992 wurde Jugoslawien von der EM-Endrunde wegen des Balkankonfliktes ausgeschlossen, die Nato-Länder, als sie völkerrechtswidrig Belgrad bombardierten, allerdings nicht.