Berlin - Schnell und scharf: Eine Curry mit Gysi. Der wöchentliche Interview-Imbiss mit den Chefredakteuren Elmar Jehn und Jochen Arntz und Politiker Gregor Gysi. Heute: Brauchen wir noch Helden?

Für viele Menschen in den neuen Ländern war der verstorbene Sigmund Jähn ein Held ihrer Kindheit. Für Sie auch?

Sein Weltraumflug als erster Deutscher war 1978, da war meine Kindheit doch schon ein bisschen vorbei. Aber sein Flug war auch für mich als damals 30-Jährigen etwas sehr Beeindruckendes. Inzwischen hat man sich daran gewöhnt, dass immer einige Menschen hoch über uns die Erde umkreisen – ich finde nach wie vor die Möglichkeit, die Erde als Planeten sehen zu können, jede Stunde einen Sonnenauf- und -untergang zu sehen, zutiefst beeindruckend.

Hatten Sie überhaupt einen Kindheitshelden?

Ich hatte als Kind nicht die eine Heldin oder den einen Helden, die für mich völlig ohne Fehl und Tadel waren. Vielleicht hängt das mit dem Leben meiner Eltern zusammen, die in Nazi-Deutschland gegen die Nazis arbeiteten. Natürlich gab es Heldengeschichten, zum Beispiel von Überlebenden aus den KZs, aber für mich nicht eine bestimmte einzelne Person.

Sigmund Jähn wollte gar nicht als Held gesehen werden. Können Sie das verstehen?

Sigmund Jähn war der politische Rummel, der um seinen Flug gemacht wurde, immer eher suspekt. Ich werde nie vergessen, wie er nach der, wie wir heute wissen, ziemlich harten Landung dem Fernsehreporter antwortete, der ihn nach seinem Mut bei der unvergleichlichen Heldentat zum Ruhme der DDR fragte. Sigmund Jähn antwortete, dass, wenn man in der Rakete säße, diese einen mitnähme, unabhängig davon, ob man nun besonders mutig sei oder nicht. Eine bescheidene Top-Antwort.

Braucht eine Gesellschaft Helden oder kann das weg?

Ohne Menschen, die über die gegebenen Zustände hinaus denken und handeln, kommt eine Gesellschaft ebenso wenig voran, wie sie auf Menschen verzichten kann, die selbstlos in der größten Not für andere da sind. Was sicher weg kann, ist die Überhöhung eines heldenhaften Verhaltens in Richtung der Unfehlbarkeit. Auch Heldinnen und Helden dürfen Fehler machen und haben und sollten dennoch für ihr Tun gepriesen werden können.

Sind die Menschen, die im Herbst 1989 in der DDR auf die Straße gingen, Helden?

Im eben beschriebenen Sinne durchaus, vor allem am Anfang, als noch nicht klar war, wohin sich das Blatt wenden wird. Dazu gehörte Mut. Die meisten wollten ihr Land besser, demokratischer, freier, offener machen. Dieser urdemokratische Impuls täte uns auch heute gut gegen die Versuchungen des nationalen Egoismus.

Besonders Männern scheint die Sehnsucht innezuwohnen, ein Held zu sein. Brauchen wir mehr Heldinnen?

Ich denke, die gibt es schon, die Öffentlichkeit muss sie nur als Heldinnen wahrnehmen wollen. Mit Aminatou Haidar, Guo Jianmei und Greta Thunberg werden in diesem Jahr gleich drei Frauen mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt.

Ist Greta Thunberg eine Heldin für Sie?

Sie wird das selbst gar nicht sein wollen. Aber sie hat Millionen nicht nur junger Menschen bewegt und den Klimawandel in einem Maße in den Fokus des Zeitgeistes gerückt, dass nicht einmal Donald Trump daran vorbeikam, ihr zuzuhören. Es ist eine beachtliche Leistung, wie sie uns Alte unter Druck setzt – als 16-jährige. Wenn ich ihr Vater wäre, würde ich sie jetzt versuchen, von einem Monat Erholungsurlaub zu überzeugen.

Welche Frauen und Männer fallen Ihnen sonst noch ein?

Ich möchte vor allem einen nennen: Nelson Mandela. Nach so langer unschuldiger, politischer Haft seinem Land einen Weg jenseits von Rache und Hass weisen zu können, ist eine wahrhaft historische Leistung.