„Eine Dame in Paris“: Erinnerung an die Liebe

Wenn Jeanne Moreau in Paris ein Café betritt, stehen die Gäste auf und verneigen sich vor ihr. So stand es kürzlich in einer Zeitung – als Fingerzeig auf den ungehobelten Umgang mit Stars in Deutschland. Auch in ihrem jüngsten Film „Eine Dame in Paris“ gibt es eine Szene, in der Jeanne Moreau ein Café augenblicklich erobert und alle Anwesenden zu Statisten macht.

Dabei spricht sie erst einmal kein Wort. So wie sie die Hand ausstreckt, wie sie die mehrfach geschlungene Perlenkette drapiert, wie sie ihren Geliebten mit einem Blick an ihren Tisch zwingt, bleiben keine Zweifel daran, dass diese Frau in ihren Achtzigern ein machtvolles, erotisches Wesen ist – eine Figur, wie es sie im deutschen Kino nicht gibt. Und nicht geben wird. Denn dafür bedarf es einer Kultur des Respekts gegenüber Schauspielerinnen, die sichtbar älter werden wollen. Die das Publikum mit Interesse an ihrer Entwicklung und Veränderung betrachtet und denen jemand Rollen schreibt, die ihrer Komplexität und Erfahrung entsprechen. Die nicht gutmütig sein müssen, wenn sie schon nicht mehr jung sind.

Giert nach Haut

Jeanne Moreaus Frieda in „Eine Dame in Paris“ ist keine gütige Alte. Im Gegenteil: Sie ist voller Begehren. Einmal liegt ihr einstiger Geliebter neben ihr, sie giert nach seiner Haut, schiebt ihre Hand auf seine Hose. „Für die Erinnerung“ – „Pour la memoire“ sagt sie, mit einer Stimme, in der sämtliche Lustschreie eines langen, erfüllten Liebeslebens nachhallen. Kann das jemand sonst?

Die Rolle, die ihr der Regisseur Ilmar Raag zugedacht hat, ist zunächst eine bestürzend grausame: Eine Despotin im Seidenpyjama, immer gut frisiert, die Lippen nachgezogen, die Wimpern getuscht. Wenn es noch irgendetwas gibt, weshalb sie morgens aufsteht, dann nur wegen des Geschmacks von frischen Croissants, so lässt sie es ihre Pflegerin wissen, die ihr aus Unwissenheit Croissants aus der Plastiktüte serviert hat.

Häusliche Pflege als Sklavenhaltung, so sieht es anfangs aus. Friedas ehemaliger Liebhaber hat eine Frau aus Estland für sie angeheuert, in der Hoffnung, die Begegnung mit einem Menschen aus dem Land ihrer Kindheit könne ihr gut tun. Aber Frieda will nur den Mann, der sich entzieht, keine Frau, die sich gegen sein Geld um sie kümmert. Die ebenfalls längst nicht mehr junge Pflegerin Anne wischt den Tee, den ihr Madame vor die Füße schüttet, schweigend auf. Aber sie begreift schnell, welche Lektion ihr die Herrin erteilen will: nämlich die, das Dienen endlich sein zu lassen. „Wann fängst du an, dich zu lieben“, sagt sie einmal zu der dreißig Jahre jüngeren Frau. Annes Entpuppung dauert ein paar Tage, dann hat sie jenes wissende Lächeln, mit dem sie später vielleicht nach Estland zurückkehren wird. In Paris hat sie etwas gewagt, was sie sich zu Hause nicht zugestanden hätte.

Wechselspiel voller Großzügigkeit

Jenseits ihrer Jungmädchen-Fantasien über Paris ist die Stadt zu einem emotionalen Wendepunkt für Anne geworden. Dafür brauchte sie sich gar nicht weit zu bewegen. Metro, Eiffelturm, Café, die Wohnung in ihrer selbstverständlichen Eleganz. Anne genügt Paris als Duftnote, sie träumt die Stadt mehr, als sie Paris sieht. Laine Mägi lässt ihre Anne dabei subtil aus ihrer Unscheinbarkeit herauswachsen. Dafür braucht es keinen Mann, aber es hilft. Natürlich ist Frieda nicht ganz unbeteiligt an dieser Begegnung. Wo sie selbst nicht mehr verführen kann, lenkt sie andere zu ihrem Glück.

Es ist ein Vergnügen, die beiden großen Schauspielerinnen miteinander agieren zu sehen, im Wechselspiel, voller Großzügigkeit, denn Jeanne Moreau kann als Schauspielerin auch anderen die Bühne bereiten. So wie sie sich in „Die Zeit, die bleibt“ als stille Verbündete ihrem todkranken Enkel zur Verfügung stellte, so tut sie es hier als Fährfrau, die einer anderen hinüber ins Leben hilft.

Eine Dame in Paris (Une Estonienne à Paris) Frankreich/Estland/Belgien 2012. Regie: Ilmar Raag, Drehbuch: Ilmar Raag, Agnès Feuvre & Lise Macheboeuf, Kamera: Laurent Brunet, Darsteller: Jeanne Moreau, Laine Mägi, Patrick Pineau u. a.; 94 Minuten, Farbe. FSK o. A.