Berlin - Tracy Letts’ Stück „August: Osage County“ wurde 2008 unter anderem mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet und 2013 von John Wells mit Meryl Streep und Julia Roberts verfilmt. Seit sechs Jahren kursiert es auch im deutschsprachigen Stadttheater unter dem Titel „Eine Familie“: Mannheim, Wien, Bochum, Basel, Potsdam. Das nach erprobten Mustern von Molière über Tschechow und O’Neill bis Hollywood gebaute Familiendrama verfügt über psychoanalytische Sachkenntnis und derart abgründige Pointen, dass man es nicht der Boulevardbühne und seinem Publikum überlassen muss. Aber man kann. Am Donnerstag wurde seine Premiere im Theater am Kurfürstendamm mit Jubel und stehenden Ovationen gefeiert.

Dabei steht der in Deutschland debütierende israelische Regisseur Ilan Ronen, der Vater von Yael und Michael Ronen, den beiden israelischen Bühnenschaffenden vom Gorki-Theater, ganz und gar nicht in dem Ruch, die Erfolgsrezepte deutschen Schenkelklopfertheaters bedienen zu wollen. Er ist seit über zehn Jahren künstlerischer Leiter des israelischen Nationaltheaters, des Habimah in Tel Aviv.

Ein Lob auf Karusseits rotzige Präsenz

Und wie überall außerhalb des deutschsprachigen Theaterraums, der so unvergleichlich wohlausgestattet und ästhetisch hochgezüchtet ist im internationalen Vergleich, gibt es dort die E- und-U-Trennung nicht. Offenbar ist es kein Problem für Vater Ronen, Theater zu machen, das sich nicht selbst reflektiert, sondern einfach nur eine Geschichte erzählt, die Balance zwischen Parodie und Tragik hält sowie den Ehrgeiz und die Spielwut aus den Akteuren kitzelt.

Letzteres ist nicht selbstverständlich, bei einem zusammengewürfelten Ensemble, das von der Produktionsfirma Santinis (die vor zwei Jahren mit „Gerüchte Gerüchte“ und dem Bühnendebüt von Maria Furtwängler in Erscheinung trat) gecastet wurde. Natürlich wurde hierbei, wie es im Boulevard Brauch ist, auf TV-Präsenz geachtet. Wer weiß, ob zum Beispiel Ursula Karusseit, Trägerin des Nationalpreises der DDR (1968) und der Goldenen Henne (2009), die zentrale Rolle der Violet Weston bekommen hätte, wenn sie nicht aus der beliebten Fernseharztserie „In aller Freundschaft“ bekannt wäre. Ihre Erfolge in den legendären Volksbühnen-Jahren unter ihrem damaligen Ehemann Benno Besson sind ja nun auch schon vier Jahrzehnte her.

Das war jetzt ein bisschen uncharmant. Aber erstens färbt der raue und der bitteren Wahrheit verpflichtete Umgangston auf der Bühne ab und zweitens wollten wir nur zu einem großen Kompliment ausholen. Mit welcher rotzigen Präsenz ihre Violet über ihre Familie (und die Karusseit über das Ensemble) gebietet! Dabei ist sie phasenweise durch Unmengen von Tabletten geistig völlig ausgeknockt. Dass dieses Schandmaul unter Mundhöhlenkrebs zu leiden hat, ist für ihren Mann, den alkoholkranken Poeten Beverly, der sich gleich nach dem Prolog ertränkt, eine giftige Pointe.

Zur Nachahmung nicht empfohlen

Nachdem der Vater verschwunden ist, kommt die Familie in Violets Haus in einem heißen Provinznest in Oklahoma zusammen: die drei Töchter nebst Noch-nicht- oder Nicht-mehr-Männern, Enkelin, Schwester, Schwager und der vermeintliche Neffe Little Charlie. Dieser Neffe entpuppt sich im Lauf der Handlung als ... Stopp! Wer wird denn den McGuffin ausplaudern.

Auf den Mund gefallen ist in diesem Narzisstenkollektiv außer Little Charly jedenfalls keiner. Man merkt es schon daran, dass viele Dialoge gleichzeitig gesprochen und wie Stimm- und Atem-Battles ausgefochten werden. Hier fechten sie mit dem großen Besteck: mit Wortabschneider, Niedermachwalze, Plauderdampfkessel, einmal auch mit der Bratpfanne − und doch ist da eine Verbundenheit zu spüren, die die Effektivität der angestrebten Verletzungen steigert.

Annette Frier, die die älteste Tochter in tiefer Menopausenkrise spielt, und Marion Breckwoldt, die lebensgierig böse und verfressene Schwester, halten der Karusseitschen Ego-Fräse, die ihre Schneisen durch das Konfliktgemenge zieht, noch am längsten Stand. Aber auch in den mittleren Schichten schneiden die Familienkriegsklingen mit viel Tempo und Zielsicherheit dort hinein, wo es wehtut. Ein knapp dreieinhalbstündiges intelligentes rücksichtsloses Gemetzel, das, nach den Stoßseufzern und den bitteren Lachattacken zu urteilen, so manchem im Publikum zu Trost und Ansporn für den Hausgebrauch gereichen wird. Bitte nicht nachmachen!

Eine Familie en suite bis 13. Februar und vom 14. April bis 3. Mai im Theater am Kurfürstendamm, Karten unter: 88591188 oder: www.komoedie-berlin.de