Isabelle Huppert als Patience und Rachid Guellaz als Scotch in einer Szene des Films „Eine Frau mit berauschenden Talenten“.
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Ihre Geschäftspartner nennen sie „La Daronne“, was sowohl „Mutter“ als auch „Alte“ heißen kann, je nach Kontext. Als Übersetzerin weiß die Frau mit dem sprechenden Namen Patience Portefeux um die Unschärfen der Wörter, die Bezeichnung „Alte“ jedenfalls gefällt ihr nicht. Sie wird den Jungs, die sie in den abgehörten Gesprächen so titulieren, schon zeigen, was die Alte kann, denn sie ist es selbst.

Isabelle Huppert spielt als Polizeidolmetscherin ein Doppelspiel. Offiziell übersetzt sie die von Zoten strotzenden Dialoge kleiner und größerer Krimineller aus dem Arabischen, inoffiziell dealt sie in großem Stil mit dem Stoff, den sie durch einen geschickten Eingriff in die Konversation der abgehörten Klientel aus dem Verkehr gezogen hat. Damit ist nicht zu viel verraten. Es ist die Ausgangslage, die der Regisseur Jean-Paul Salomé in seiner Komödie „La Daronne“, wie sie im Originaltitel heißt, zügig herbeiführt. Nicht ohne Madame Portefeux, die einst Arabisch studiert hat, zuvor einen hinreichenden Grund für ihr gesetzeswidriges Handeln zu geben.

Das Altenheim, in dem ihre hochbetagte Mutter in Mädchenträumen vor sich hindämmert, will diese in die Geriatrie abschieben, weil die Tochter die Pflegekosten nicht pünktlich überweist. Die Dolmetscherin ist eine Frau unter Druck. Schulden des früh verstorbenen Ehemanns, zwei Töchter allein großgezogen, miserable Bezahlung. All das Schwere lässt sich durch einen Coup aus der Welt schaffen. Man wünscht es ihr, wie sie mit so blanken, warmherzigen Augen auf ihre so gar nicht mütterliche Mutter guckt und wie sie der arabischen Pflegerin Respekt und Dankbarkeit erweist. Eine liebenswerte Frau, eigentlich.

Isabelle Huppert hätte die Rolle nicht gespielt, wenn es dabei geblieben wäre. Sie muss das multiple Naturell dieser Person gereizt haben. Die Tag- und Nachtseite, das Anarchische, die Energie und Gewitztheit, mit der sich diese Frau ihrer Lasten entledigt, um sich das schöne Luxusleben ihrer Vergangenheit zurückzuholen. Es mag auch die Melancholie gewesen sein, die über einem fast schon zu Ende gelebten Leben liegt.

Für die Rolle eignete sich Isabelle Huppert das Arabische phonetisch an. Die Sprache ist in diesem Film Geheimcode, nicht Identität, mit der sie ohnehin virtuos spielt: Die Verwandlung in eine arabische Großdealerin mit doppelt gekreuztem Hijab, Sonnenbrille, Goldkette und großen karierten Plastikeinkaufstaschen nimmt sie ebenso zielstrebig in Angriff wie die Verschlüsselung ihrer Telefongespräche mit den Kleindealern durch Videospiele. Natürlich beherrscht sie diese besser als ihre tölpelhaften Vasallen, zu echten Komplizinnen taugen ihr nur zwei Frauen, ähnlich bedrängt und, wenn es sein muss, ebenso skrupellos wie sie: die arabische Pflegerin und die chinesische Hauswirtin.

Es ist Isabelle Hupperts Film

Jean-Paul Salomés facettenreiche, nur selten knallige Gaunerinnenkomödie ist dennoch Isabelle Hupperts Film, kaum eine Szene kommt ohne sie aus, und selbst wo sie nicht zu sehen ist, dreht sich alles um die von ihr gespielte „Daronne“ – das Phantom. Wie sie allen, die sie dingfest machen wollen, immer wieder entgleitet und in all ihrer Auffälligkeit unsichtbar bleibt, das ist fast ein Gleichnis für das Spiel der Isabelle Huppert. In manchen Momenten erinnert sie in diesem Film an die Glücksspielerin in Chabrols „Rien ne va plus“, die ihr Vermögen ebenfalls durch die Kunst der Täuschung ergaunert. Salomé ist weitaus gnädiger als Chabrol, er liebt seine Heldin, die nur ihr eigenes Geschöpf ist. Es ist ein Vergnügen, dieser Alten beim Jungwerden zuzusehen.

Eine Frau mit berauschenden Talenten Frankreich 2020, Regie: Jean-Paul Salomé, Darsteller: Isabelle Huppert, Hippolyte Girardot, Farida Ouchani, Jade Nadja Nguyen u. a., 104 Min.