Constanze Neumann im Aufbau-Verlag.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinConstanze Neumann räumt in ihrem Büro erst einmal den Tisch frei, auf dem einige Bücher so verteilt sind, dass sie sofort ins Auge fallen. Sigrid Nunez’ Buch „Der Freund“ mit der Dogge auf dem Cover ist dabei, ein Roman über Leben und Sterben, Liebe und Literatur, auch Oyinkan Braithwaites  „Meine Schwester, die Serienmörderin“. Es sind zwei Titel, die in diesem Jahr viel gekauft und viel gelobt wurden, nun finden sie Platz auf einem Stapel. Constanze Neumann holt Gläser mit Wasser und setzt sich aufrecht auf einen Stuhl, sie hat die gerade Haltung von Menschen, die vernünftig Sport treiben. Von ihrem Arbeitsplatz ertönt immer wieder das Ding-Dong ankommender E-Mails, sie zuckt nicht einmal, ist ganz aufs Gespräch eingestellt.

Auf den Fluren im vierten Stock des Aufbau-Hauses ist auch bei offener Tür kaum ein Geräusch zu hören. Einige Kollegen arbeiten noch im Homeoffice wegen der Pandemie, andere, wie die Pressechefin, die das Zimmer neben der Verlagsleiterin hat, sind im Urlaub. Constanze Neumann ist gerade zurück, unter normalen Umständen würde sie jetzt letzte Details für das Geburtstagsfest planen, denn am 16. August vor 75 Jahren wurde der Aufbau-Verlag gegründet.

Aber die Umstände sind nicht normal. In der Buchbranche sorgt das Coronavirus für Nervosität, seit im März die Leipziger Buchmesse wenige Tage vor Beginn abgesagt wurde. Und die Gesellschaft ist von Debatten aufgestört, die alte Verletzungen wieder sichtbar machen und neue Risse zeigen. In einer solchen Zeit verantwortet Constanze Neumann, die qua Biografie gelernt hat, zwischen zwei Welten zu leben, mit zwei Welten zu leben, das literarische und das Sachbuch-Programm dieses Verlages an der Schnittstelle zwischen Ost und West.

Vor fünf Jahren wurde gefeiert. Der 70. Geburtstag begann mit Reden und Lesungen unten im offenen Theatersaal des TAK, setzte sich am windigen Abend auf der Terrasse fort und endete nachts mit Tanz im Sitzungsraum. Einer der Redner war Gregor Gysi, Sohn eines der vier Verlagsgründer, selbst Autor des Hauses.

Damals war Constanze Neumann noch nicht dabei. Zwar stand ein Praktikum im Lektorat bei Aufbau 2001 am Anfang ihres Berufslebens, doch bis sie hier Verlagsleiterin wurde, lebte sie in Frankfurt am Main, München, Palermo und Hamburg. Geboren ist sie in Leipzig, in der DDR. Als sie eingeschult wurde, wohnte sie schon in Aachen, was damals natürlich alles andere als selbstverständlich war. Ihre Eltern, beides klassisch ausgebildete und lehrende Musiker, kamen in der DDR ins Gefängnis, nachdem ihr Fluchtversuch gescheitert war. Sie gehörten keiner Bewegung an, sie wollten nur der Gängelung entfliehen und ihre Meinung frei sagen können. Constanze Neumann lebte dann bei den Großeltern, auch dann noch eine Weile, als die Eltern vom Westen freigekauft worden waren.

Ihre Eltern galten als Staatsfeinde

„Das war deshalb schwierig, weil es von Amts wegen die Idee gab, dass ich in der DDR bleiben sollte, zumal mein Großvater in der Partei war und den Behörden als zuverlässiger Kandidat galt.“ Sie spricht langsam und wartet auf Fragen, als wollte sie signalisieren: Es geht hier nicht um mich. Wie es dann war, als sie endlich bei den Eltern wohnen konnte? „Eine ganz normale Existenz zwischen zwei Welten“, sagt sie, als wüsste sie nicht, welche Symbolik darin steckt. „Um uns her war Westen, aber zu Hause gab es andere Themen. Dinge, die draußen keine Rolle spielten, waren bei uns wichtig. Meine Eltern durften als sogenannte Staatsfeinde nicht mehr einreisen in die DDR, die Großeltern durften nicht ausreisen, sie waren ja noch nicht Rentner.“ Ein-, zweimal im Jahr fuhren sie in die Tschechoslowakei, nach Bulgarien oder Ungarn, in sogenannte Drittländer, um die Familie zusammenzuhalten. Und sie selbst durfte die Großeltern besuchen, wurde in Köln in den durchgehenden Zug gesetzt, in Leipzig von der Oma empfangen. Constanze Neumann ist mit dem Ost-West-Konflikt aufgewachsen, er war ihr als Kind präsent. Zum Mauerfall war sie 17.

Der Aufbau-Verlag war mit rund 365 Titeln im Jahr der bedeutendste Buchverlag der DDR. Zum Vergleich: Bei Volk und Welt mit dem internationalen Programm erschienen etwas mehr als hundert Titel, beim Mitteldeutschen Verlag, wo zum Beispiel Volker Braun verlegt wurde, aber auch Erik Neutsch, gab bis zu 150 Neuerscheinungen pro Jahr, bei Hinstorff, dem Verlag etwa von Franz Fühmann und Jurek Becker, waren es weniger als hundert.

Bei Aufbau veröffentlichten mehrere der Gegenwartsautoren aus der DDR, die von den Lesern besonders verehrt wurden, wie Christa Wolf und Christoph Hein, Eva und Erwin Strittmatter, Helga Schubert und Helga Königsdorf. Aufbau brachte Exilliteratur heraus wie von Anna Seghers und Heinrich Mann, pflegte eine in Leinen gebundene „Bibliothek deutscher Klassiker“ (die kaum in den Läden zu finden war), verlegte auch fremdsprachige Autoren wie James Baldwin, Gabriel García Márquez und Imre Kértesz. Hielt zum 40. Jahrestag der Gründung Stephan Hermlin, der berühmte Bohemien aus dem Osten, die Festrede, sprach zum 50. Geburtstag Marcel Reich-Ranicki, der berüchtigte Großkritiker aus dem Westen.

Engagiert hatte ihn Bernd F. Lunkewitz aus Frankfurt am Main, der den Verlag 1991 von der Treuhandanstalt gekauft hatte. Besser wäre die Formulierung: dachte gekauft zu haben. „Die Privatisierung des Aufbau-Verlages“, schreibt Christoph Links in seinem Buch „Das Schicksal der DDR-Verlage“, „gehört zu den kompliziertesten Vorgängen bei der Umgestaltung der ostdeutschen Verlagslandschaft überhaupt und beschäftigt bis in die Gegenwart zahlreiche Gerichte unterschiedlicher Ebenen.“ Links hatte für seine Dissertation recherchiert, was aus den Produzenten im Leseland geworden ist, von den 78 staatlich lizenzierten Verlagen in der DDR existierten zwanzig Jahre nach deren Ende kaum noch ein Dutzend. 

Der Verkauf durch die Treuhandanstalt

Bei Aufbau hatte sich mit Bernd F. Lunkewitz, der als Immobilienhändler reich geworden war und sich zu den Künsten hingezogen fühlte, jemand gefunden, der den Verlag erhalten und weiterentwickeln wollte. Die Mitarbeiterzahl sank zwar erheblich, es gab Umsatzeinbrüche, große Belastungen durch die zu Unrecht in der DDR gedruckten Plusauflagen von Titeln aus westlicher Lizenz. Doch auch Bestseller wie die Tagebücher des jüdischen Philologen Victor Klemperer und jene der viel zu jung gestorbenen Schriftstellerin Brigitte Reimann fallen in die Ära mit Lunkewitz an der Spitze. 2008 meldete der Verlag Insolvenz an. Lunkewitz’ Geschichte hier ist dennoch nicht zu Ende; sein Buch „Der Aufbau-Verlag und die kriminelle Vereinigung“ befindet sich in ständiger Überarbeitung. Die Treuhand hatte den Verlag veräußert, obwohl er weder Volks- noch Parteieigentum war, sondern dem Kulturbund gehörte. Im November steht der nächste Gerichtstermin an.

Angesprochen auf diese Chronik, könnte Constanze Neumann eine süffisante Bemerkung über den Mann machen, der keine Ruhe gibt, doch verweist sie auf dessen echte Kränkung durch Politik und Gerichte. Empfehlen möchte sie aber lieber die Verlagsgeschichte, die sie selbst zum Jubiläum in Auftrag gegeben hat, verfasst von Konstantin Ulmer: „Man muss sein Herz an etwas hängen, das es verlohnt“. Der Titel ist ein Zitat von Hans Fallada. Es wird erst spät im Buch aufgelöst, wenn es um den neuen Eigentümer des Verlags geht, Matthias Koch. Der Studienrat aus Mülheim an der Ruhr ließ das Aufbau-Haus am Moritzplatz bauen, wenige Schritte von der alten Grenze entfernt, mit den Läden darin und der Galerie veränderte sich das Gesicht des Kiezes.

Constanze Neumann mag das Haus. Sie führt zur kleinen Bibliothek mit den Büchen von Aufbau, Blumenbar und Rütten & Loening, sie zeigt die verschiedenen Ausblicke auf den Platz und wie der Bau gleichzeitig offenes und zurückgezogenes Arbeiten ermöglicht. „Hier ist es eher hierarchiefrei, im Umgang miteinander sind wir sehr auf Augenhöhe“, sagt sie. Seit ihrem Praktikum habe sie sich dem Verlag verbunden gefühlt und sei glücklich gewesen, als sich die Möglichkeit bot, zurückzukehren. Etwa 400 Verlage gibt es in Berlin, Aufbau gilt mit seinen knapp über 30 Mitarbeitern als mittelgroß – bei an die 300 Neuerscheinungen im Jahr, gedruckt und digital. Matthias Koch, 1943 geboren, überführt den Verlag nach und nach in eine Stiftung, um dessen Bestand auch künftig zu sichern.

Das Bild von den zwei Welten taucht wieder auf, wenn man über die Vergangenheit spricht: Das Unternehmen agierte in einem nichtdemokratischen Staat, aber viele Bücher hatten eine große Wirkung bei den Lesern. Constanze Neumann denkt laut darüber nach, dass es im Aufbau-Verlag viele Verlagsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter, Autorinnen und Autoren gab, „die einen anderen Weg gegangen sind als meine Eltern, die in der DDR etwas versuchen wollten, wenigstens in kleinen Schritten. Wenn man sich anschaut, was etwa Walter Janka, Wolfgang Harich und Elmar Faber unternahmen, da gab es ernsthaft das Bemühen, etwas zu verändern“. Sie sei ganz vorsichtig mit Urteilen. „Es hätte uns gut getan in den vergangenen 30 Jahren, wenn viele Leute mehr Fragen gestellt hätten, als schnelle Antworten zu geben.“

In den dreißig Jahren seit Ende der DDR habe der Verlag zwar Erfolg gehabt mit Büchern, die keinerlei Bezug mehr hatten zu dem Staat, zum Beispiel auch mit Bov Bjergs „Auerhaus“, Olga Grjasnowas „Gott ist nicht schüchtern“. Und doch sei es noch schwer, Autoren mit Ost-Vergangenheit in westliche Bundesländer auf Lesereise zu schicken, zum Beispiel Helga Schütz und Kathrin Gerlof.

Constanze Neumann möchte auch zum Jubiläum lieber über die Gegenwart sprechen. Jetzt würden Bücher gebraucht für die Generation von Fridays for Future, Black Lives Matter und MeToo, sagt sie. Die Gesellschaft verändere sich, „und ich glaube, wir bei Aufbau haben für diese großen Fragen, die nicht nur die junge Generation bewegen, die Bücher, die diesen Diskurs voranbringen“. Aus dem Regal hinter ihrem Schreibtisch holt sie zwei Bücher der US-Amerikanerin Kristen Roupenian, „Cat Person“, das viel diskutiert wurde, und „Milkwishes“, das jetzt erscheint. Sie legt einen weiteren schmalen Band dazu, „Carnival“. Der deutsche Autor Philipp Winkler, Mitte dreißig, erzählt von Menschen, die heutzutage mit einem Jahrmarkt übers Land ziehen – Außenseiter mittendrin.

Es ist offensichtlich, Constanze Neumann möchte begeistern – während der Kulturbetrieb noch unter den Folgen der Corona-Beschränkungen leidet, während auch Buchhandlungen und Verlage Verluste beklagen. So kommt sie auf einen Satz aus dem Roman „Der Leopard“ von Giuseppe Tomasi di Lampedusa: „Wenn alles bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern.“ Das sei eines ihrer Lieblingsbücher. „Es hat sich sehr viel radikal verändert“, sagt Constanze Neumann, „die Digitalisierung hat einen riesigen Schub erfahren. Viele Buchhandlungen haben sich jetzt neu erfunden. Und dass die Menschen lesen wollen, hat die Zeit doch auch gezeigt. Wir werden aus der Krise gestärkt hervorgehen, auch als Buchbranche, wenn wir die Chance zur Veränderung annehmen. Einzelne Titel hatten es schwer, aber mir ist um unsere Zukunft nicht bang.“

Mit kleiner Mannschaft zur Buchmesse

Dass sie einen italienischen Autor nennt, ist kein Zufall. Zwar hat Constanze Neumann in Anglistik promoviert, doch auch Germanistik und Romanistik studiert. Nachdem sie beim Pendo-Verlag in München war, hat sie drei Jahre in Italien gelebt, als Literaturübersetzerin gearbeitet, eine „Gebrauchsanweisung für Sizilien“ geschrieben und später, nachdem sie wegen der Geburt ihrer Tochter sich noch einmal zurückgezogen hatte, den Roman „Der Himmel über Palermo“ veröffentlicht. Er erzählt von einer Stieftochter Richard Wagners, die einen sizilianischen Grafen geheiratet hat. Dazwischen lagen noch einige Jahre als Lektorin bei S. Fischer und Cheflektorin bei Hoffmann und Campe.

Zu ihrem Optimismus gehört auch die Absicht, zur Frankfurter Buchmesse zu fahren, was viele Verlage schon abgelehnt haben. Der Stand wird zwar kleiner sein als sonst, mit anderen Verlagen geteilt, aber: „Es sind die Tage, da es ein Literaturpreis bis in die ‚Tagesschau‘ schafft, da alle Welt auf das Buch schaut. Dieses physische Zusammenkommen halte ich für einzigartig.“