Eine Gedenktafel für Heinz Brandt: Von den Nazis und der Stasi verfolgt

Heinz Brandts Stimme klingt nervös und brüchig, als er am 3. Juni 1964 in Frankfurt am Main vor der Weltpresse seine Entführung durch den DDR-Staatssicherheitsdienst schildert. Eine Woche zuvor war der damals bei der IG Metall angestellte frühere SED-Funktionär nach dreijähriger Haft in Ostberlin und Bautzen in die Bundesrepublik entlassen worden.

„Mir war von der Staatssicherheit nahegelegt worden, in einem Schlusswort anzuerkennen, … korrekt behandelt worden zu sein“, sagt er. „Diese korrekte Behandlung ist insofern geschehen, als dass ich nicht misshandelt worden bin. Aber … man konnte ja das Vorspiel, den Menschenraub, nicht trennen. Ich lehnte also das Ansinnen ab.“ Noch heute, wenn man das 55 Jahre alte Tondokument aus dem SWR-Rundfunkarchiv hört, meint man daraus Brandts Fassungslosigkeit darüber herauszuhören, was ihm widerfahren ist.

An diesem Freitag, dem 110. Geburtstag des Journalisten und linken Aktivisten, wird an seinem früheren Wohnhaus in der Pankower Neumannstraße 50 eine Gedenktafel des Berliner Senats enthüllt. Brandt lebte hier von 1950 bis 1958. In Anwesenheit seines Sohnes werden Festredner an das wechselvolle Schicksal Brandts erinnern, der ein kommunistischer Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus war, in der DDR erst Parteikarriere machte, später dort in politische Haft kam und schließlich im Westen zu einem Gründungsmitglied der Grünen wurde.

Brandt, der aus einer jüdisch-bürgerlichen Familie in Posen stammt, hatte sich als junger Mann den Kommunisten angeschlossen. Dort eckte er bald als „Versöhnler“ an, weil er sich für ein Bündnis mit der SPD im Kampf gegen die Nazis aussprach. 

Ketzerische Gespräche

1934 wurde er verhaftet, weil er bei Siemens in Berlin eine illegale Betriebszelle der KPD anführte. Elfeinhalb Jahre lang dauerte sein Leidensweg, der ihn durch die Gefängnisse und Konzentrationslager des NS-Staates bis in das Außenlager Budy von Auschwitz und schließlich nach Buchenwald führte. Dort beteiligte er sich am 11. April 1945 an der Selbstbefreiung der Lagerinsassen und kehrte nach Kriegsende umgehend nach Berlin zurück.

Im sowjetischen Sektor der Stadt meldete er sich bei der KPD zurück, die ihn zum Leiter ihrer Abteilung Agitation und Propaganda machte. In seiner Arbeit war Brandt voll auf Parteilinie, in der Freizeit führte er auch mal ketzerische Gespräche mit seinen Freunden Robert Havemann und Wolfgang Leonhard, die schon bald zu entschiedenen SED-Gegnern wurden. Brandt schadeten solche Kontakte jedoch nicht.

Agitpropchef von Berlin

1952 stieg er zum Agitpropchef in der Berliner SED-Bezirksleitung auf. In dieser Funktion erreichte er am 16. Juni 1953, dass die von der Partei geplanten Normerhöhungen teilweise wieder zurückgenommen werden. Den Volksaufstand am nächsten Tag jedoch vermochte auch er nicht zu verhindern. Bei der sich an den 17. Juni anschließenden Säuberungen im Parteiapparat kam Brandt glimpflich davon. Er verlor zwar seinen Posten in der SED-Bezirksleitung, musste aber nicht ins Gefängnis und wurde in einen Verlag versetzt.

Mitte der 1950er Jahre nahm er Kontakt zum Westberliner Ostbüro der SPD auf, was in der DDR zu seinem Glück unbemerkt blieb. 1958 entschloss sich Brandt dann aber doch, sich mit seiner Familie in den Westteil der Stadt abzusetzen. In einem heute in der Stasi-Unterlagenbehörde nachzulesenden Brief an einen Bekannten schrieb er: „Ich bin ganz einfach deswegen gegangen, weil ich nach zehn Jahren Nazikerker keine Lust verspürte, in Mielkes Stasi-Keller zu landen.“

Vergifteter Whisky

Drei Jahre nach seiner Flucht landete er aber doch dort. Die Stasi hatte den „Verräter“ nie aus dem Blick verloren, auch nicht, als Brandt um die Jahreswende 1958/59 nach Frankfurt am Main umsiedelte, wo er als Redakteur bei der Gewerkschaftszeitung „Metall“ anfing. Dort brachte der DDR-Geheimdienst seinen Agenten Hans Beyerlein in Stellung, der Sachbearbeiter war in der Betriebsräte- und Vertrauensleuteabteilung der IG Metall und vor allem Brandts Nachbar – in der Frankfurter Rohlederstraße wohnte die Familie Beyerlein ein Stockwerk über den Brandts.

Agent Beyerlein war es auch, der Brandt Eva Walter vorstellte, eine attraktive Blondine aus der „Daddy-Bar“ unweit des Kudamms. Die junge Frau arbeitete als Bardame im Westen und war daneben der Stasi zu Diensten. Am 16. Juni 1961 lud sie Heinz Brandt in die Steglitzer Wulffstraße 6 ein. Als der Abschied nahte, goss sie ihm noch einen Whisky ein, der mit einem starken Narkosemittel versetzt war. Auf der Straße vor dem Haus sackte der Betäubte zusammen. Vier Männer sprangen aus einem Auto, fingen ihn auf. „Wir haben schon auf dich gewartet, sagten sie“, erinnerte sich Brandt drei Jahre später auf der Frankfurter Pressekonferenz nach seiner Freilassung. 

Hetze im schweren Fall

Die Männer fuhren ihn nach Ostberlin, wo er ein Jahr lang in Isolationshaft im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen saß. Das Angebot seiner Vernehmer, ihn sofort freizulassen, wenn er erkläre, freiwillig in die DDR gekommen zu sein, lehnte er ab. Dann der Prozess und das Urteil – 13 Jahre Zuchthaus wegen schwerer Spionage in Tateinheit mit staatsgefährdender Propaganda und Hetze im schweren Fall. Nach einer weltweit geführten Kampagne der IG Metall zu seiner Freilassung, der sich Linkssozialisten, Amnesty International, der britische Philosoph und Mathematikers Bertrand Russell sowie der Autor Erich Fromm, ein Großcousin des Entführten, anschlossen, wurde Brandt im Mai 1964 in die Bundesrepublik abgeschoben. Kurz vor der Freilassung kündigte Stasi-Agent Beyerlein, der Brandts Entführung eingefädelt hatte, seine Stelle bei der IG Metall und setzte sich über Wien in die DDR ab.

Von seiner Idee eines humanen und demokratischen Sozialismus rückte Brandt nie ab. Er sprach auf Friedensforen und vor Umweltaktivisten, warb mit seinem Freund Rudi Dutschke für eine neue grüne Partei. 1980 gründete er sie mit, verließ sie aber schon bald wieder aus Enttäuschung über vermeintliche sektiererische Tendenzen. Am 8. Januar 1986 starb Heinz Brandt in Frankfurt am Main.