Filmszene aus "Eine Geschichte von drei Schwestern".
Foto: Grandfilm

BerlinEin Film wie ein russischer Roman, angesiedelt in einem abgelegenen Tal in Zentralanatolien, in dem einige Gehöfte liegen und nicht mehr viele Menschen leben, und in dem doch die ganze komplizierte Welt zu Hause ist: Sevket, verwitweter Vater dreier Töchter, hatte seine Mädchen als Haushaltshilfen in die Stadt geschickt, um ihre Chancen auf gesellschaftlichen Aufstieg zu verbessern und damit sie zumindest Lesen und Schreiben lernen.

Doch die 20-jährige Reyhan kam aus dem Haushalt des angesehenen Arztes Dr. Necati alsbald schwanger zurück und wurde eilig mit dem Dorfhirten Veysel verheiratet. Dann kehrt die 13-jährige Havva heim ins Dorf, weinend, weil es Allah gefallen hat, ihren kleinen Schützling zu sich zu holen und ihr so die Aufgabe zu nehmen. Und schließlich wird kurz darauf auch noch die 16-jährige Nurhan wieder zurückgeschickt, die Reyhans Platz bei den Necatis eingenommen hatte, es aber an Geduld mit deren bettnässendem Sohn fehlen ließ.

Groß ist der Kummer von Vater Sevket, der seine Pläne zerschlagen und seine Hoffnungen enttäuscht sieht und der ob dieses Unglücks hadert und zetert. Was soll nun aus den Mädchen werden? Was tun? In einem Dorf der alten Männer, in dem nur noch die Närrin Hatice Purzelbäume schlägt. Dieses narrative Gerüst aus Verwicklungen und Verpflichtungen, das das Fundament des sich nunmehr entwickelnden Dramas bildet, ergibt sich nach und nach und eher nebenher. Denn der türkische Filmemacher Emin Alper, der mit „Eine Geschichte von drei Schwestern“ ein eigenes Drehbuch in Szene setzt, hält nicht viel davon, sein Publikum an der Hand zu nehmen. Vielmehr pfeift er auf Exposition und wirft es einfach mitten hinein in eine offenbar bereits seit längerem bestehende problematische Lage, die sich mit der Rückkehr der zänkischen Nurhan nunmehr zuspitzt.

Die Herbstsonne lässt die Landschaft golden erstrahlen, das Panorama ist von beeindruckender Schönheit, doch eine schöne Landschaft hat mit einem schönen Leben rein gar nichts zu tun – das ist eine der eher beiläufigen Erkenntnisse, die der Film in der Folge bereithält. Im Verlaufe eines Nachmittags, der Nacht und dem Morgen des folgenden Tages ergibt sich aus einer Reihe von Gesprächen, Auseinandersetzungen, Raki-befeuerten Streitigkeiten und resultierenden fatalen Ereignissen ein vielschichtiges Bild der sozialen Strukturen in der abgelegenen Region.

Nicht nur die familiären Beziehungen, auch die gesellschaftlichen Verhältnisse werden aufgefächert – und bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass die Macht und die Schuld nicht so ebenmäßig verteilt sind, wie zunächst angenommen. Denn weder fehlt es den Schwestern an Temperament noch den Männern an Sentiment – also ist an Gefühlsausbrüchen und großen Szenen kein Mangel. Dabei wird dann auch kein Blatt vor den Mund genommen und an den Konventionen, die die fein abgestimmten Hierarchien regeln, beständig quietschend entlang geschrammt. Ohne doch das Gebäude, das aus Sicht der drei Schwestern eher einem Gefängnis gleicht, ernsthaft ins Wanken zu bringen, immerhin bebt es an so mancher Stelle des öfteren gehörig.

Schließlich stellt sich auch die Frage, ob es Zufall sein kann, dass die Probleme der Töchter von Söhnen verursacht werden? Söhne, die sie, eine nach der anderen, auf unterschiedliche Weise verlieren. Und kann es Zufall sein, dass ein weiterer Sohn zur eigentlichen tragischen Gestalt der Erzählung wird? Der Hirt Veysel nämlich, der sich seiner bescheidenen Abkunft wegen immer wieder von allen gedemütigt sieht. Liegt es da nicht nahe, „Eine Geschichte von drei Schwestern“ als eine Geschichte zu lesen, die vom Unglück des Lebens der Töchter als auch der Söhne des Patriarchats handelt? Allerdings ebenso von deren Gegenwehr.

Nach „Tepenin Ardi“ (Beyond the Hill, 2012) und „Abluka“ (Frenzy, 2015) ist dies der dritte Film des 1974 in Ermenek, Zentralanatolien, geborenen Filmemachers und Drehbuchautors, und weiterer Beleg für dessen meisterliche Fähigkeit zu kraftvoller Bildgestaltung, metaphorischer Zuspitzung und narrativer Verdichtung.

Der zweite Teil des Films handelt, neuerlich auf eine kurze Zeitspanne konzentriert, im Winter: Das Dorf ist eingeschneit, der Pass unpassierbar, die Wolken hängen tief – so, wie die Konturen sich in Schemen auflösen, lösen sich auch die entwickelten Konflikte auf, allerdings nicht in Wohlgefallen. Und wie zu Beginn vertraut Alper auch am Ende auf die Bereitschaft des Publikums, seiner offenen Inszenierungsweise zu folgen. Der Vater hebt an, seinen drei Mädchen eine Geschichte über drei undankbare Töchter zu erzählen - wie mag sie wohl ausgehen?

Kiz Kardesler – Eine Geschichte von drei Schwestern Türkei/D/NL/GR 2019. Regie, Drehbuch: Emin Alper, Darsteller: Cemre Ebuzziya, Ece Yüksel, Helin Kandemir u.a., 108 Min., in Farbe