Das „Schloss“: 1859 als Gutssitz erbaut, 1919 ausgebrannt
Foto: Archiv Haslau

BerlinEine Tramfahrt mit der M4 vom Alexanderplatz zum Weißen See dauert 16 Minuten. Vor 140 Jahren brauchte die Pferdebahn nur neun Minuten länger. Es gab noch keine Ampeln und weniger Stationen. Die Line 62 wurde 1877 von der Neuen Berliner Pferdebahn-Gesellschaft (NBPfG) eingeweiht und von den Berlinern, die am Wochenende zur Erholung ins Umland wollten, dankbar angenommen. Auch Fontane nutzte sie, als er 1878 nach Malchow zu seiner einzigen „märkischen Weihnachtswanderung“ aufbrach. Für die Fahrt nach Weißensee zahlte er 20 Pfennig.

„Wanderungen“

Beauftragt hatte ihn die Berliner Zeitschrift Der Bär, teilte er seinem „Wanderungen“-Verleger Wilhelm Hertz am 16. Dezember 1878 mit. Und er könne „nicht gut ‚Nein‘ sagen“. Weil sich Fontane drei Tage später bei Hertz „von Malchow [...] zurück“ meldete, ist davon auszugehen, dass er seinen Ausflug am 18. oder 19. Dezember unternahm. Zunächst wurde der Beitrag im Januar 1879 im Bär und dann 1882 im Band „Spreeland“ unter dem Titel „Malchow. Eine Weihnachtswanderung“ veröffentlicht. Seinen Weg hat der berühmte Wanderer detailliert beschrieben: „Omnibusfahrt bis auf den Alexanderplatz, Pferdebahn bis Weißensee, und per pedes apostolorum [zu Fuß wie die Apostel] bis nach Malchow selbst.“

Nachdem Fontane am Alex den Pferdebahnwagen bestiegen hatte, kam es ihm so vor, „als wäre der Weihnachtsmann mit oder vor mir eingestiegen und gedenke seinen Einzug in Weißensee zu halten. Alle Plätze voller Kinder mit ihren Schulmappen auf dem Rücken, und hinten und vorn im Wagen und vor allem obenauf ganze Büsche von Weihnachtsbäumen.“ Das sei „viel vergnüglicher als die Vergnügungslokale, die mit ihren grasgrünen Staketenzäunen halbverschneit am Wege lagen“. Welche Lokale Fontane genau meinte, lässt er offen. Sein Ziel war ja Malchow, wo er – Hallelujah – vor allem in die Kirchengruft wollte.

Die Autoren


Gabriele Radecke ist Literaturwissenschaftlerin sowie Herausgeberin der Großen Brandenburger Fontane-Ausgabe und der Fontane-Notizbücher. Zugang zum kostenlosen Notizbuch-Portal: https://fontane-nb.dariah.eu/index.html

Robert Rauh ist Historiker sowie Autor diverser Fontanebücher und der Website „Neue Wanderungen“. http://fontanes-wanderungen.de/

Gemeinsam sind Gabriele Radecke und Robert Rauh Herausgeber von Theodor Fontanes „Wundersame Frauen. Weibliche Lebensbilder in den ,Wanderungen durch die Mark Brandenburg’“, erschienen im Manesse-Verlag.

Unbekanntes über Weißensee

Genaueres erfährt man in Fontanes Notizbüchern, die mehr Informationen über seine Tour nach Malchow enthalten als der gedruckte Text. Weil die Handschrift unruhig und an einigen Stellen etwas verschmiert ist, sind die Aufzeichnungen vermutlich unterwegs, vielleicht sogar im Fahren entstanden. Ein weiteres Indiz ist ein unplanmäßiger Halt. „Stillstand“, notiert Fontane, „Die Kummet [Perdegeschirr] war gerissen.“ So beobachtet Fontane im Wagen nicht nur „frisch aussehende Jungen mit spitzen Schaffellmützen“, sondern auch weniger Vergnügliches auf der Fahrbahn: „Eine Trauerkutsche, vom Kirchhof zurück, ein junges Elternpaar darob. Sie hatten ihr Kinde begraben, vielleicht ihr erstes.“

Erwähnt werden auch die „Vergnügungslokale“, die im Notizbuch nun Namen erhalten. Zunächst sind es Gaststätten wie „zum Greifswalder Schlößchen“, die er als „wunderbare Schöpfungen der Kunst und des Gefühls für Comfort“ charakterisiert. Dann, nachdem es „[e]ndlich mit Hülfe einer Eisenkette“ wieder vorwärts geht, folgen „Kaffeküche“, „Tanzsaal“, „Jägerhaus“ und am Schluss – deutlich größer geschrieben – das „Schloss-Restaurant“. Hier, am Schloss Weißensee, befand sich die Endstation der Pferdebahn. Der heutige Weg, der neben dem Kulturhaus Peter Edel zum See führt, bildete die Wendeschleife.

Märkisches Las Vegas

Dort, am Südufer des Weißen Sees, stand auch ein repräsentatives Gutshaus, das der Naturwissenschaftler und Politiker Friedrich Wilhelm Lüdersdorff 1859 errichtet hatte und das im Volksmund „Schloss“ genannt wurde. Wenig später verlor es seine Funktion als Residenz und wurde ab 1874 als Lokal genutzt. Drei Jahre später pachtete der Unternehmer Rudolf Sternecker das Schloss-Restaurant. Ob es Fontane bei seinem Zwischenstopp besuchte, schreibt er nicht. Die folgende Notizbuchseite bleibt – bis auf den Schriftzug „Weißensee“ am oberen Rand – leer.

Auch Sterneckers Kassen füllten sich nicht, sodass er seine Pläne, am Weißen See einen Vergnügungspark zu etablieren, zunächst aufgab, Richtung Hasenheide zog und dort 1880 die Neue Welt eröffnete.

Fünf Jahre später kehrte er mit genügend Kapital zurück und gründete das Welt-Etablissement Schloss Weißensee – ein märkisches Las Vegas der Jahrhundertwende. Um das Schloss entstanden eine „Conditorei“, ein „Bal champêtre“ (Ländliches Ballhaus) für 2500 Personen, eine Konzertmuschel, die 100 Musikern Platz bot, ein Zigarrenkiosk mit orientalischen Bauelementen und ein Pavillon im Stil einer Gerichtslaube, wo Weißbier ausgeschenkt wurde.

1883 eröffnete Sternecker in der Königschaussee (heute: Berliner Allee) seine eigene Brauerei. Es wurden Ballonfahrten angeboten und auf dem Weißen See historische Seeschlachten inszeniert.

Davon ist heute nichts mehr zu erleben. Das Schloss brannte 1919 ab, die Brauerei schloss drei Jahre später. Schankbetrieb gibt es nur noch im Strandbad und im Milchhäuschen. Und um den Weißen See ist es in den Wintermonaten dunkler als damals. Fontane wurde auf dem Rückweg seiner Weihnachtswanderung „eine gute Strecke“ von einem Malchower Wirt begleitet, „bis die Lichter von Weißensee hell auf meinen Weg fielen“.