Fünf wertvolle Gemälde wurden damals gestohlen. Darunter auch dieses „Selbstbildnis mit Sonnenblume“. Rathgen-Forschungslabor 
Foto:  Rathgen-Forschungslabor/dpa  

BerlinEs war ein besonderer Moment, als sich am Freitag im Magnus-Haus in Berlin-Mitte der Vorhang öffnete. Auf schlichten Staffeleien standen dort auf einer Bühne fünf jahrhundertealte Gemälde, die 40 Jahre lang als verschollen galten, nachdem sie im Dezember 1979 aus Schloss Friedenstein im thüringischen Gotha geraubt worden waren. Sie sind wieder da und kehren heim, sagte ein überwältigter Stiftungsdirektor von Schloss Friedenstein und fügte hinzu: „Die Rückkehr der Bilder ist für Gotha das wahrscheinlich wichtigste Ereignis seit der Wiedervereinigung.“

Erstmals wurden der Öffentlichkeit am Freitagmittag die so lange vermissten Gemälde präsentiert, deren heutiger Marktwert auf vier Millionen Euro geschätzt wird. Die Bilder, die in den vergangenen drei Monaten im Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen aufwendig auf ihre Echtheit untersucht wurden, sind in einem relativ guten Zustand. Allerdings müssen sie restauriert werden, bevor sie wahrscheinlich im Juni 2021 wieder in die Gothaer Sammlung eingegliedert werden können. Davor kann man sich die Bilder in der kommenden Woche sieben Tage lang in Schloss Friedenstein ansehen – dort, wo sie hingehören.

Täter bis heute unbekannt

Der Ort, an dem die Gothaer Bilder erstmals wieder gezeigt wurden, war nicht zufällig gewählt: Das Magnus-Haus am Kupfergraben ist das neue Domizil der Ernst von Siemens Kunststiftung. Ihr war gemeinsam mit dem Gothaer Oberbürgermeister Knut Kreuch (SPD) und der Berliner Rechtsanwältin Friederike Gräfin von Brühl der Coup gelungen, die geraubten Bilder zurückzuholen. Und zwar vor allem dank der Sturheit und Coolness des Thüringer Politikers, wie der Generalsekretär der Kunststiftung, Martin Hoernes, sagte. Kreuchs Verhandlungsgeschick sei eine diplomatische Meisterleistung gewesen, lobte er.

In der Nacht zum 14. Dezember 1979 waren Einbrecher über einen Blitzableiter am Westflügel des Gothaer Schlosses geklettert und in die Räume der Gemäldesammlung Alte Meister eingedrungen. Dort stahlen sie die fünf wertvollsten Bilder mitsamt Rahmen. Es war der größte Kunstraub der DDR-Geschichte. Die Täter sind bis heute unbekannt, und auch von den Bildern fehlte bis vor knapp zwei Jahren jede Spur.

Im Sommer 2018 aber meldete sich ein Anwalt bei Kreuch und legte ihm Farbfotos der Gemälde vor. Der Anwalt habe angegeben, im Auftrag einer Erbengemeinschaft zu handeln, die für die Rückgabe eine hohe Millionensumme von der Stadt Gotha verlangte. Auf den Fotos sei ihm aufgefallen, dass die Bilder an einer mit Raufaser tapezierten Wand hingen, sagte Kreuch. „Offensichtlich waren sie also in einer Wohnung untergebracht und nicht in irgendeinem Keller verborgen. Später erfuhren wir auch, dass zumindest eines der Gemälde im Esszimmer der Familie hing.“

Kreuch schaltete die Siemens Kunststiftung ein, im Hintergrund beriet Rechtsanwältin von Brühl den Oberbürgermeister bei seinen Beratungen mit dem Anwalt der Familie. Kreuch sei in den Verhandlungen bis an die Grenze dessen gegangen, was „fachlich geboten und rechtlich erlaubt“ sei, stellte die Juristin klar. Mit Erfolg: Am Ende habe man die freiwillige Übergabe der Bilder an Schloss Friedenstein erreicht. Dass nun auch eine Abschlussvereinbarung mit der Familie ohne jegliche finanzielle Gegenleistung erzielt wurde, nannte von Brühl eine „Sensation“. Eine Entschädigung für die Familie oder die Zahlung eines Finderlohns schloss die Anwältin gleichwohl aus: „Dann hätte sie sich von Beginn an anders verhalten müssen, als sie es getan hat.“

Ein Fall für die Staatsanwaltschaft

Das Verhalten der Erbengemeinschaft, die die Gemälde von ihren verstorbenen Eltern erhalten hatte, ist derweil auch ein Fall für die Berliner Staatsanwaltschaft. In deren Auftrag ermittelt das Landeskriminalamt wegen des Verdachts der Erpressung, da die Familie und der von ihr mandatierte Anwalt die Rückgabe der Bilder an Gotha zumindest zeitweilig an die Zahlung eines hohen Geldbetrages knüpften. Der zuständige Ermittlungsführer im LKA, René Allonge, sagte am Rande der Pressekonferenz, es seien noch viele Fragen ungeklärt. Fest stehe allerdings, dass die Familie an dem Diebstahl nicht direkt beteiligt gewesen sei.

Wie es hieß, seien die Gemälde erst in den 80er-Jahren „durch einen privaten Transport“ in den Westen gelangt. Auf welchem Weg dies geschah, ist unklar. Martin Hoernes von der Kunststiftung wollte keine Details nennen. Er stellte jedoch klar, man habe keine Erkenntnisse, dass DDR-Stellen wie etwa die Stasi oder das Devisenimperium Kommerzielle Koordinierung seinerzeit in den Vorgang involviert gewesen seien.

Nach den mit der Untersuchung im Rathgen-Labor einhergehenden kunsthistorischen Analysen müssen übrigens bei einigen der fünf Gothaer Werke die Zuschreibungen korrigiert werden. So wird ein Porträt, das vor 40 Jahren noch als eine Arbeit aus der Werkstatt von Frans Hals eingeordnet wurde, nun als Original des niederländischen Meisters eingeschätzt. Umgekehrt ist ein Landschaftsbild, das in der Gothaer Sammlung als Original von Jan Brueghel dem Älteren galt, in dessen Werkstatt entstanden.