Zu sagen, ich sei unter Dürers Feldhasen aufgewachsen, wäre eine Anmaßung. Zwar hing eine billige Reproduktion des berühmten Aquarells im elterlichen Wohnzimmer. Ich kann mich aber nicht daran erinnern, stundenlang davor gehockt zu haben. Es war da, weil etwas an die Wand gehörte. Dürer galt als unverfängliche Wahl, er stand für ein bürgerliches Kulturbewusstsein, vielleicht saß der Hase sogar da, um jegliche avantgardistische Überforderung abzuwehren.

In den 1960er-Jahren, in denen Dürers Studie uns Gesellschaft leistete, galt es nicht als Makel, eine Kopie als Gebrauchskunst an der Wand hängen zu haben. Das einzige Original, das wir besaßen, war ein Ölgemälde, das die sauerländische Heimatstadt meiner Mutter zeigte.

Mit dem komplexen Verhältnis von Original und Reproduktion wurde ich später durch die Lektüre von Walter Benjamins „Das Kunstwerk in Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ konfrontiert. Meine naive Begeisterung für den Text rührte nicht allein daher, dass er die bürgerliche Vorstellung vom Wert des Originals torpedierte. Benjamins formelhafte Zuspitzung, der zufolge der Ästhetisierung des Politischen, die während der NS-Herrschaft auf obszöne Weise allgegenwärtig war, eine Politisierung der Kunst entgegenzusetzen sei, schien zu Beginn der 1980er-Jahre, als ich den Text zum ersten Mal las, noch immer plausibel.

Die Massenkultur des Pop kam da gerade recht, bot sie doch die Chance auf intime Kennerschaft für eben erst Entstehendes, und es spielte in den frühen Jahren keine Rolle, ob ein neues Album als Trophäe in Vinyl nach Hause getragen oder mithilfe eines Kassettenrekorders gebannt wurde. Originalähnliche Verfeinerungen waren natürlich möglich. Wer auf sich hielt, spielte ein neues Album lediglich einmal auf dem Plattenspieler ab, um es aus Schutzgründen mit der hochwertigen Bandmaschine von Revox aufzunehmen.

Dylan hat die Branche schon oft revolutioniert

Etwas Ähnliches muss es wohl sein, was den Musiker und Produzenten T Bone Burnett nun dazu bewogen hat, seinen in Würde gealterten Kollegen Bob Dylan für ein technisches Experiment zu begeistern. Am 7. Juli soll im Londoner Auktionshaus Christie’s eine Neuaufnahme des Dylan-Klassikers „Blowin In The Wind“ versteigert werden. Aufgenommen hat Dylan es in dem von Burnett neu entwickelten Audio-Format Ionic Originals, das qualitativ besser sein soll als alle digitalen Tonträger, aber auch als das noch immer wertgeschätzte Vinyl. Der Clou der Versteigerung besteht darin, dass die Aufnahme ein Unikat bleiben soll. Mal abgesehen davon, dass es einer besonderen technischen Abspielmöglichkeit bedarf, werden also nur wenige diese Version des milliardenfach gespielten Liedes, das am 9. Juli 1962 erstmals erschien, zu hören bekommen. Der erwartete Preis liegt zwischen 700.000 und 1,2 Millionen Euro.

Für Dylan, der die Musikbranche wiederholt revolutioniert hat, stellt die Kreation einer einzigartigen Kopie eine besondere Pointe dar. Für über eine halbe Milliarde Dollar hat er unlängst die Rechte an seinen Kompositionen und Aufnahmen verkauft. Was Originalität ist, bestimmt er aber immer noch selbst.

Dürers ängstlich hockenden Hasen übrigens, den ich lange als bürgerliches Zierstück verkannt habe, betrachte ich heute als einen, der immer schon auf dem Sprung ist.