Black-Lives-Matter-Demonstration in Berlin.
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BerlinDie Amadeu-Antonio-Stiftung sagt es so: „Wenn Menschen nicht nach ihren individuellen Fähigkeiten und Eigenschaften oder danach, was sie persönlich tun, sondern als Teil einer vermeintlich homogenen Gruppe beurteilt und abgewertet werden, dann ist das Rassismus.“ Das ist ein sehr weit gefasster, aber gerade darum zutreffender Begriff von Rassismus. Meist wird er enger gefasst und als die Vorstellung beschrieben, die Menschheit bestehe aus biologisch voneinander unterscheidbaren Rassen, unter denen die eigene an der Spitze der Hierarchie steht.

Als er im September 2007 seine Entzifferung des menschlichen Genoms bekanntgab, erklärte Craig Venter: „Der menschliche genetische Code bestimmt keine Rasse. Die ist ein rein gesellschaftliches Konstrukt. Es gibt mehr Unterschiede zwischen Menschen schwarzer Hautfarbe als zwischen Menschen schwarzer und heller Hautfarbe, und es gibt mehr Unterschiede zwischen den sogenannten Kaukasiern als zwischen Kaukasiern und Nicht-Kaukasiern.“

Welche Unterschiede wir wahrnehmen, ist selbst ein gesellschaftliches Konstrukt. Tim Whitmarsh, Professor für altgriechische Kulturgeschichte an den Universität Cambridge, weist im digitalen Magazin Aeon unter dem Titel „Black Achilles“ darauf hin, dass die Griechen Homers Frauenarme gerne als „weiß“ anpriesen, niemals aber wurde ein Mann als „weiß“ beschrieben. Die Griechen sahen sich nicht als Weiße. Sie wären sich „weibisch“ vorgekommen. Es gibt rassistische Äußerungen über dunkelhäutige Inder und Afrikaner, aber auch die hellhäutigen Nordeuropäer waren in ihren Augen Barbaren. Unterschiedliche Hautfarben wurden wahrgenommen, aber sie wurden mehr als Varianten in einem Kontinuum betrachtet, nicht als klar voneinander zu trennende „Rassen“.

Die früheste Erwähnung eines Pygmäen findet sich in einem altägyptischen Text, der etwa 2400 v. Chr. entstand. Es ist ein magischer Zauberspruch, in dem der tote Pharao erklärt: „Ich bin der tanzende Pygmäe, der den auf seinem Thron sitzenden Gott amüsiert.“ Man denkt an die erst wenige Jahrzehnte vergangene Epoche, da den Schwarzen in den USA einzig und allein das Showbusiness die Chance zu einer wirklich großen Karriere bot. Josephine Baker musste dafür in den 20er-Jahren noch nach Paris ausweichen, während Sammy Davis Jr. es mit der Hilfe seines Freundes Sinatra in den 50er-Jahren schon in den USA gelang.

Um 1400 v. Chr., schreibt Jean Vercoutter im ersten Band von „The Image of the Black in Western Art“, habe sich in Ägypten jenes Bild vom Schwarzen durchgesetzt, das seitdem immer wieder die westliche Wahrnehmung bestimmt: dunkle Haut, kurzes, gekräuseltes Haar, flache Nase, eine Schnauze mit dicken Lippen. Ein rassistischer Blick. Rassistisch ist er nicht etwa, weil es keine Menschen gäbe, die so aussehen. Rassistisch ist er, wenn man die Menschen darauf reduziert und glaubt, mit dieser Karikatur den Einzelnen erfasst zu haben.

Augustinus (354–430) erklärt in „Genesis ad litteram“ (Über den Wortlaut des Buches Genesis), Gott habe Pflanzen und Tiere alle „nach ihrer Art“ geschaffen. Dieses „nach ihrer Art“ fehlt aber bei der Erschaffung des Menschen. Er schuf nämlich nur einen einzigen Menschen: Adam. Alle Menschen stammen von ihm ab. „Nicht viele Arten von Menschen sind entstanden wie von Pflanzen, Gehölzen, Fischen, Vögeln, Schlangen, Haustieren und wilden Tieren, sodass wir auf solche Weise das ‚nach Art‘ auffassen müssten, oder wenn es geheißen hätte: stammweise, damit unter sich Ähnliche und zu einem Samenursprung Gehörige von andern unterschieden werden sollten.“ Der Heilige Augustin mag viele schlimme Auffassungen verbreitet haben, ein Rassist war er nicht.

Der Rassismus ist übrigens, anders als wir angesichts des Geschehens im 20. Jahrhundert oft annehmen, keine notwendige Voraussetzung dafür, ganze Völkerschaften zu beseitigen. Es genügen kleine Differenzen darüber, wie man Gott oder den Göttern zu dienen hat. Nicht selten sind sie einem einfach nur im Wege bei der Landnahme.

Der Rassismus, lesen wir jetzt oft, sei eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Da empfiehlt sich ein Blick in das Spanien des 16. Jahrhunderts. Dort wurde kräftig Ahnenforschung betrieben. Der Übertritt zum Christentum genügte nicht, denn es ging um die „Reinheit des Blutes“. Die Entdeckung und Eroberung Amerikas warf neue Probleme auf. Die dort lebenden Menschen passten in keine biblische Genealogie. Spielten sie keine Rolle im Heilsplan? War Jesus für sie nicht gestorben? Darüber wurde viel gestritten. Vor und nach den Gemetzeln und erst recht mitten drin. Unter ihren Mördern waren fromme Christen und ebenso unter ihren Verteidigern. Andere waren human aus geschäftlichen Gründen, die nächsten mordeten darum. Der Dominikanermönch Bartolomé de Las Casas (1484–1566), der die Indios vor der Vernichtung retten wollte, veranlasste den Import von Afrikanern nach Lateinamerika.

Die spanischen Schiffe waren vollauf damit beschäftigt, das Silber von dort wegzuschaffen, sodass englische Gesellschaften den Transport der Sklaven besorgten. Einer der bedeutendsten Köpfe der englischen Aufklärung, John Locke (1632–1704), der viel über den Zusammenhang von Gleichheit, Freiheit und Eigentum nachdachte, war felsenfest davon überzeugt, dass es gute Gründe für die Sklaverei gebe. Eine Rolle mag dabei gespielt haben, dass er Sekretär von Anthony Ashley Cooper, des ersten Earls von Shaftesbury, war. Locke kümmerte sich um dessen Investitionen in den Sklavenhandel und um die Carolina-Kolonie, die Charles II. acht englischen Adligen – darunter Lord Shaftesbury – als Dank dafür, dass sie ihn auf den Thron von England gebracht hatten, übereignet hatte. Die europäische Aufklärung ist ohne den Kolonialismus nicht zu denken. Voltaire verdiente viel Geld mit seinen Büchern, aber weit mehr noch durch glückliche Investitionen, u. a. in Sklavenschiffe.

Kants (1724–1804) Kosmopolitismus war weiß. Auch Frauen kamen darin nicht vor. Je stolzer Europa auf die eigene Aufklärung wurde, desto verächtlicher sah es auf die anderen, die Unaufgeklärten, herab. Der Mangel an Aufklärung wurde ein weiteres Indiz für die Zurückgebliebenheit ganzer Völkerschaften. Dass es sich bei vielen von ihnen um „tribes without rulers“ handelte, machte sie nicht interessant für die europäischen Philosophen, sondern bewies ihren Mangel an Zivilisation. Ernst genommen wurden nur staatlich organisierte Gesellschaften und auch nur so lange, bis man sie sich unterworfen hatte. Natürlich gab es immer auch andere Auffassungen: Georg Forster zum Beispiel kritisierte Kants Rassismus. Der aus dem heutigen Ghana stammende Anton Wilhelm Amo (1703–1753) war als Sklave nach Wolfenbüttel gekommen, studierte Philosophie unter anderem in Halle bei dem Aufklärer Christian Wolff, unterrichtete dort und in Wittenberg und Jena Philosophie, bis er vor Pietismus und Rassismus das Feld räumen musste. 1747 ging er wieder zurück in seine Heimat. Er war für zwei Jahrhunderte der einzige schwarze Philosophiedozent in Europa.

Man darf nicht vergessen: Augustins Antirassismus hing an der biblischen Schöpfungsgeschichte. Der Mensch war kein Tier und stammte auch nicht von einem ab. Kant aber schrieb: „Die menschlichen Handlungen sind ebenso wohl als jede andere Naturbegebenheit nach allgemeinen Naturgesetzen bestimmt.“ Die Aufklärung, die den Menschen immer tiefer in die Naturgeschichte einbettete, lernte und lehrte, auch auf Menschen „nach ihrer Art“ zu blicken. Wie Pferde- und Hunderassen gab es auch Menschenrassen. Wissenschaft bestand zu einem Gutteil darin, deren Verschiedenheit zu erkennen, ja anzuerkennen. Das bedeutete nicht, sie alle gleich zu schätzen. Es bedeutete, an diesen Unterschieden festzuhalten. Kant war gegen die „Vermischung“. Die aber fand überall unentwegt statt. Kant war kein Kosmopolit. Aber er war auch kein Demokrat und erst die Frauen …! Er ist kein Vorbild. Aber wer, bitte schön, taugt schon als Vorbild? In all seinen Äußerungen, in all seinen Taten? So jemanden hat es nie gegeben, wird es nie geben.

Also weg mit Kant? Dieses „weg mit!“ ist immer falsch. Wer das ruft, möchte nicht beschmutzt werden von widerlichen Ideen, möchte nicht erinnert werden an grässliche Taten. Aber: Es gibt keine Reinheit. Sie einzufordern ist selbst Rassismus. Es gibt die „Reinheit des Blutes“ so wenig wie die der Gedanken. Denken zeigt uns die Widersprüche, und es lehrt uns, mit ihnen zu leben. Das ganz und gar Eindeutige und nun gar der Wunsch, es Tat werden zu lassen, ist immer mörderisch. Wir müssen mit der Unsicherheit ständig neuer Ambivalenzen leben. Wir sollten anfangen damit, das zu mögen. Sonst hören wir nicht auf mit den Mauern und den Säuberungen. Um noch einmal Kant zu zitieren: „Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.“