Wenn man den Fakten ins Auge blickt, sollte man vor den Kunstakademien vielleicht Warnschilder aufstellen: „Achtung! Sie betreten den wohlstandsfreien Sektor. Jegliche Erwartungen an ein zukünftiges Auskommen sind einzustellen. Frauen genießen weniger Rechte.“

Und das ist offenbar keine Übertreibung. Die repräsentative „Umfrage zur Situation der Künstler*innen in Berlin“, die am Dienstag im Max-Liebermann-Haus am Brandenburger Tor vorgestellt wurde, zeichnet ein mehr als prekäres Bild: Nur 20 Prozent der Betreffenden verdienen mehr als 90 Prozent der Ausgaben, die sie durch ihre Arbeit haben.

"Wir arbeiten alle ehrenamtlich"

Das heißt: 80 Prozent der Künstler und Künstlerinnen gibt die durchschnittlich 9000 Euro, die sie durch ihre Kunst brutto im Jahr verdienen, vollständig für die Ermöglichung derselben wieder aus. „Wir arbeiten alle ehrenamtlich“, fasst Cornelia Renz vom Berufsverband Bildender Künstler*innen Berlin (bbk) die Ergebnisse des Instituts für Strategieentwicklung (IFSE) zusammen.

Dabei gibt es auf dem Weltmarkt ja genügend Geld für Kunst, man denke nur an die 368 Millionen Euro für da Vincis „Salvator Mundi“. Und neulich kam die Meldung, dass die Expressionistin Joan Mitchell (1925-1992) letztes Jahr 25,2 Millionen Euro Auktionsumsatz erzielte. Wobei die eigentliche Nachricht war, dass sie als gefragteste Frau damit lediglich Platz 51 des Welt-Rankings einnimmt. Die ersten 50 sind Männer.

Und das ist der zweite Aspekt des aktuellen Berliner Umfrageergebnisses: Künstlerinnen verdienen ein Drittel weniger als ihre männlichen Kollegen, werden ein Viertel weniger ausgestellt (beim bevorstehenden Gallery Weekend liegt der Gender Show Gap sogar bei 40 Prozent!) und leiden signifikant unter „sexualisiertem Machtmissbrauch“.

Jede dritte Frau hat sexuelle Übergriffe erlebt

31 Prozent der Frauen und 9 Prozent der Männer unter den 1745 Befragten haben schon einmal sexuelle Belästigung erlebt. Wobei nur 7,5 der Betroffenen den Fall öffentlich gemacht haben. Dass eine Stelle geschaffen werden muss, der man Übergriffe melden kann, war bei der Vorstellung der Studie denn auch eine vordringliche Forderung der Anwesenden.

Einige Personen seien von den Befragten in diesem Zusammenhang immer wieder genannt worden, erwähnte Hergen Wöbken vom IFSE. Gegen diese könne man vorgehen, wenn die Fälle aktenkundig würden.

Wöbken ermittelte mit seinem Team auch, dass Berlin mit circa 8000 Künstlern und Künstlerinnen den nach New York zweithöchsten Anteil an Künstlern unter der Bevölkerung habe – und sich dieses Image durch eine internationale Ausstellungstätigkeit auch weltweit kommuniziere.

Eine Rentenerwartung von 357 Euro im Monat

Wo ist die Konzeptförderung für Bildende Kunst, mit der sich die Stadt dafür bei den Künstlern bedankt? Wo der Fonds gegen Altersarmut bei Künstlern, von der 90 Prozent von ihnen akut bedroht sind? Die durchschnittliche Rentenerwartung liegt bei 357 Euro im Monat.

Wöbken verwies auf einen New Yorker Kulturentwicklungsplan, der hier Vorbild sein könnte. Ein anwesender Künstler indessen schlug einen Streik vor. Mehr als Witz, aber überraschend viele, auch vom bbk, fanden diese Idee eigentlich sehr gut.