Neapel, die größte Stadt Süditaliens, ist für viele Dinge bekannt: Pizza, Limoncello, Camorra, Maradona, die Ruine Pompeji, der schlafende Vesuv. Reiseführer warnen Touristen: Entweder man verliebt sich ins chaotische Napule, wie Einheimische gern sagen, oder man hasst es hier. Die drittgrößte Metropole des schönsten Stiefels der Welt hat jedoch ein Manko: der öffentliche Nahverkehr.

Während den Pendlern in Berlin schon bei einer Verspätung von fünf Minuten der Kragen platzt oder das erste Neun-Euro-Ticket-Wochenende deutschlandweit mit Platzangst endet, sitzt an der U-Bahn-Station Chiaiano, am Stadtrand von Neapel, ein über 80-jähriger Herr am Gleis und wartet auf die Bahn stadteinwärts. In der brütend heißen Mittagssonne bei 35 Grad genießt er seinen Kaffee to go. Ein klassischer Dolce-Vita-Alltag. Gemeinsam werden wir zwölf Minuten auf die Bahn Richtung Piazza Garibaldi warten. Eine für neapolitanische Verhältnisse noch angemessene Zeit.

Die 1993 eingeweihte Metropolitana di Napoli und das stadtweite Busnetz sind nicht unbedingt touristische Hingucker wie ihre Pendants in Moskau oder Tokio. Das hat zum Teil mit der geografischen und archäologischen Beschaffenheit Neapels zu tun. Die Stadt ist nämlich von Hügeln, dem Vesuv und den kraterförmigen Phlegräischen Feldern umgeben. Diese haben zwar einen weitaus geringeren Bekanntheitsgrad als der Vesuv, jedoch verzeichnen die Felder eine höhere vulkanische Aktivität als der „schlafende Riese“. Alles in allem eine traumhafte Kulisse, die jedoch im Konflikt mit einem gut funktionierenden Nahverkehr steht.

Hinzu kommt die antike Geschichte Neapels. So werden bei geplanten Bauverlängerungen der Metrolinien regelmäßig Reste der historischen Stadtmauern entdeckt. Der letzte Fund war so groß, dass in den nächsten Jahren im Zentrum von Neapel sogar ein kleines Pompeji 2.0 entstehen soll.

Die (Weiter-)Bebauung von Stationen zieht sich so jedoch auf Jahrzehnte in die Länge. Anstatt weiter zu bauen, dürfen zunächst Archäologen die neuen Fundstücke begutachten. Das Infrastrukturministerium in Italien moniert die zögerlichen Baumaßnahmen, während Archäologen aus aller Welt begeistert ihre neuesten Funde freigraben. Ein Wettbewerb, den meistens die Archäologen gewinnen. Der Preis dafür ist ein 15-Minuten-Takt der wichtigsten Metrolinie 1, die vom Stadtzentrum kringel- und ringförmig in die Außenbezirke führt.

An Feiertagen haben zum Teil auch die U-Bahn- oder Seilbahnfahrer frei

Hinzu kommt der authentisch gelebte Lifestyle der Neapolitaner, der den öffentlichen Nahverkehr jedoch stark beeinträchtigt. An Feiertagen in Süditalien haben zum Teil auch die U-Bahn- oder Seilbahnfahrer frei. So fährt die letzte Metro des Jahres an einem Silvesterabend schon um 19 Uhr los, während die erste Bahn im neuen Jahr erst am späten Nachmittag Einheimische und Touristen von A nach B bringt. Beim durchgehenden Wochenendverkehr der Berliner S- und U-Bahnen ein skurriler Unterschied.

Im Übrigen plant Neapel, genauso wie Berlin, die U-Bahn bis zum Flughafen zu erweitern. Doch da fragt man lieber einen Archäologen, wie lange die Ausgrabungen dauern werden. In der Zwischenzeit nutzt der Neapolitaner lieber den kleinen Fiat oder die traditionelle Vespa.