Der Philosoph Achille Mbembe
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BerlinDie Debatte um den Philosophen Achille Mbembe benötigt dringend Moderation im doppelten Sinne – Mäßigung hinsichtlich der Abstellung einer Hermeneutik des Verdachts, die beim Streitgegner nach anrüchigen Zitaten und unterstellten Absichten sucht, um ihn moralisch unmöglich zu machen. Und Moderation im Sinne einer neutralen Gesprächsführung, die einen ernsthaften Austausch von Argumenten erst ermöglicht, worum es im Fall Mbembe geht oder noch gehen könnte: das Verhältnis der Schoah zu anderen Großverbrechen wie der Sklaverei, dem Kolonialismus, der mit Annexionen arabischen Landes verbundenen Staatsgründung Israels in Palästina, der südafrikanischen Apartheid, dem armenischen Genozid, der Holodomor in der Ukraine in der sowjetischen Zeit, dem Neokolonialismus und Rassismus von heute – und so weiter. 

Damit betreten die Kontrahenten ein unendlich weites Feld, wo ungeheuerliches, schwer vor dem Richterstuhl der Geschichte objektivierbares Unrecht verübt und Leid erfahren wurde, in dem es so viel unabgegoltene Verbrechen gibt, die nach Anerkennung und Kompensation rufen. Auch in einem solchen Feld muss man Meinungen und Vergleiche, die womöglich unangebracht und überzogen sind, zunächst einmal zur Sprache zu bringen dürfen, damit sie auch widerlegt werden können. Und dazu ist erforderlich, sich von oberflächlichen Privattheorien frei zu halten, die sich oft einer Selbst- oder Fremdzurechnung zu einer tatsächlichen oder vermeintlichen Gruppe oder Kollektiv verdanken.

Nicht anders als bei einer Pandemie, muss man dabei auf Menschen vertrauen, Experten also, Historikerinnen, die die genannten Fälle in all ihrer Differenziertheit und Widersprüchlichkeit studiert haben. Dabei irritiert, wenn den Startschuss eine Art Regierungsbehörde gegeben hat und ein Antisemitismusbeauftragter sozusagen ein Prüfsiegel abgibt, auch wenn die Monita inhaltlich berechtigt waren, wie nüchterne Bestandsaufnahmen der Aussagen und Schriften Mbembes belegt haben (zum Beispiel von Jürgen Kaube in der FAZ).

Achille Mbembe hat tatsächlich in unklarer Begrifflichkeit und unscharfer Moralisierung eine missliche, ja verheerende Opferkonkurrenz provoziert, und seine Verteidigerinnen haben darüber großzügig hinweggesehen, weil sie ihn als Opfer einer Hexenjagd, ja rassistischen Verfolgung sehen wollten.

Auf der anderen Seite stehen BDS-Aktivisten, die – wie viele Diskussionsversuche mit ihnen gezeigt hat, die erfolglos abgebrochen werden mussten – wie Partisanen ihre Mission verfolgen und dabei zuallerletzt auf Differenzierung aus sind. Wobei die pauschale Inschutznahme der Regierung Israels – right or wrong, my country – ebenso zu denken geben muss, denn die Politik Israels in den besetzten Gebieten ist ohne Zweifel hochproblematisch und auch vor dem historischen Hintergrund des Holocaust nicht zu rechtfertigen, wie kritische Geister in Israel selbst nicht müde werden zu betonen. Sie kommen auch mit Mbembes grobschlächtigen Argumenten klar. Es wäre gut, wenn vor dem Hintergrund dieser Dauerpolitisierung der Kern der Debatte sichtbar würde – die Frage nach dem Stellenwert der Shoah in einer langen Geschichte von Verfolgungen und Staatsverbrechen, die vorher begann und damit nicht endete.

Vergleichen heißt nicht gleichsetzen

Es geht um den bereits zu Beginn der 50er-Jahre von Hannah Arendt in ihrem Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ thematisierten Zusammenhang von Kolonialismus und dem Mord an den europäischen Juden – und mögliche Kontinuitäten im heutigen Antisemitismus und Rassismus. Die einen beharren auf der Einzigartigkeit der jüdischen Verfolgung, also der völligen Inkommensurabilität des Holocaust, was unter Historikern und Komparatisten ausgeschlossen ist, da sich Singularität überhaupt erst im Vergleich erweisen könnte. Vergleichen heißt nicht gleichsetzen, das gilt auch für den ebenfalls zulässigen, aber lange aus politischen Gründen vermiedenen Vergleich von Hitler- und Stalin-Diktatur, zwischen Genoziden aus Rassen- und Klassengründen.

Auf der anderen Seite findet statt der Singularisierung eine Subsumtion statt, womit die Shoah (nur) ein rassistisches Verbrechen unter anderen war und die Überlebenden der Shoah in Israel den Palästinensern eine ebensolches Unrecht antun. Derartige Reduktionen lösen sich bei genauem Hinschauen blitzschnell im Säurebad eines methodisch sauberen Vergleichs auf, den dann auch Intellektuelle wie Achille Mbembe oder Judith Butler anerkennen sollten – schon aus Respekt vor den Leidtragenden.

Vorläuferschaft des Holocaust

In der „Genau wie...“-Gleichsetzung oder „Schlimmer noch als...“-Hierarchie steckt eine die Opfer missachtende Konkurrenz, die vor allem den unbeteiligten Nachlebenden zu oft tagespolitischen Zwecken dient. Und die dabei die tatsächlichen Gemeinsamkeiten verkennt, um deren Identifizierung und Bekämpfung es heute doch wohl geht. Arendt nahm die Burenherrschaft in Südafrika ins Visier, wobei es nicht nur um die damals schon eingerichteten Konzentrationslager ging. Die Kernaussage von Hannah Arendt, die im Blick auf die Wahrnehmung des kolonisierten Afrika durchaus noch von zeitgemäßen Vorurteilen beherrscht war, lautet: „Hier (...) verlor die Idee der Menschheit und des gemeinsamen Ursprungs des Menschengeschlechts (...) zum ersten Mal ihre zwingende Überzeugungskraft, und der Wunsch nach systematischer Ausrottung ganzer Rassen setzte sich (...) fest.“

Unter diesem Vorzeichen können Menschen ganz „grundlos“, also nicht aus Habgier, Sadismus oder anderen bekannten niedrigen Motiven ausgerottet werden. Wo immer sich diese Logik der Extermination wieder abzeichnet – und das ist bei den völkischen Nationalisten heute der Fall – kann man nach genauer Prüfung von einer Vorläuferschaft des Holocaust im Kolonialismus und seinen Nachwirkungen in heutigen Kontexten sprechen. Und am Ende in eine Gegnerschaft zum heutigen weißen Suprematismus einmünden, der bei aller Streitlust im linken und liberalen Lager, wo man gerne den Narzissmus der kleinsten Differenz feiert, doch den zweifelsfreien Hauptgegner darstellen sollte.

Claus Leggewie ist Mitherausgeber der „Blätter für deutsche und internationale Politik“. Er war Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen. Zuletzt erschien: „Jetzt! Opposition, Protest, Widerstand“