Afrikanischer Elefant, Illustration von Johann Christian Daniel von Schreber (17391810). 
Foto: Getty Images

BerlinJa, das Thema ist ein Elefant, Madame. Und das nicht nur, weil es seit Jahrzehnten im Raum steht, ohne gesehen zu werden. „Berlin dekolonisieren – was heißt das?“, fragen die meisten, und die deutsche Kolonialgeschichte ist in den Schulen ja auch nur Stoff für eine Doppelstunde. Das hat sich auf dem Nachhauseweg durchs Afrikanische Viertel dann oft schon wieder versendet. Oder beim nächsten Besuch im Naturkundemuseum, wenn man vor dem Brachiosaurus-Skelett steht (seit 2009 eigentlich: Giraffatitan), von dem entscheidende Teile vor 110 Jahren im heutigen Tansania ausgegraben wurden, als das Land gerade Deutsch-Ostafrika hieß.   

Aber der Kolonialismus hat sich auch ins Denken eingegraben. Er zeigt sich in der kontextlosen Aneignung kultureller Konzepte wie dem Afrofuturismus, um ein Beispiel zu nennen, das anlässlich einer Ausstellung im Künstlerhaus Bethanien vergangenen Sommer debattiert wurde. Oder letztlich in jedem Rassismus, der sich damit verteidigt, etwas „nicht so gemeint“ zu haben. Anzunehmen, die eigene Sicht sei das Entscheidende im Umgang mit anderen, ist der Kern der Kolonisierung. Der Elefant also. Wie nimmt man ihn wahr, wie bekommt man ihn vom Fleck, wie isst man ihn womöglich am Ende auch auf, um ins Sprichwort zu wechseln?

Erstes Netzwerktreffen im Berlin Global Village

„Stück für Stück“ beruhigte und ermutigte ShaNon Bobinger  am Mittwochabend die Hundertschaft Dekolonisierungsfreudiger, die sich zu einem ersten Netzwerktreffen im Berlin Global Village traf, der ehemaligen Kindl-Brauerei in Neukölln. Neben allgemein Interessierten und Mitgliedern zahlreicher Gruppierungen wie der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, des Vereins Berlin Postkolonial oder des Verbandes Berliner Entwicklungspolitischer Ratschlag waren auch Politiker der Regierungsparteien gekommen sowie Verwaltungsmitarbeiter des Landes Berlin.

Bobinger, die Moderatorin des Abends, forderte anfangs zum Aufstehen und aktiven Kennenlernen vor allem der Verwaltungskollegen auf, denn man wird in den nächsten Jahren miteinander zu tun haben. Im August 2019 beschloss das Abgeordnetenhaus die „Entwicklung eines gesamtstädtischen Aufarbeitungs- und Erinnerungskonzepts zur Geschichte und zu den Folgen des Kolonialismus“, und im Haushalt 2020/21 sind jährlich 250.000 Euro dafür eingestellt. Beauftragt, dieses Konzept gemeinsam mit Politik, Verwaltung und der Zivilgesellschaft zu erarbeiten, ist der Verein Decolonize Berlin, ein plurales Bündnis, das aus den oben genannten und weiteren Gruppen besteht (u.a. Each One Teach One und Afrotak TV cyberNomads) und dieses erste Treffen zur Elefantenortung und -umzingelung überaus entspannt, maximal integrativ und erstaunlich effizient gestaltete.

Außerdem fördert Berlin mit insgesamt zwei Millionen Euro und in Kooperation mit der Kulturstiftung des Bundes, die auch noch eine Million hinzugibt, eine auf fünf Jahre hin angelegte "Initiative für ein postkoloniales Erinnern in der Stadt", bei  der einzelne Organisationen von Decolonize Berlin gemeinsam mit Berliner Einrichtungen konkrete Maßnahmen des Konzepts  umsetzen werden. Die wichtigste Plattform dabei soll die Stiftung Stadtmuseum werden, Kooperationen mit bezirklichen Museen, Einzelakteuren und natürlich Partnern aus ehemaligen Kolonien sind erwünscht.  

Dekolonisation ist keine Aufarbeitung, sondern andauernde Erinnerungspolitik.

Daniel Wesener (Bündnis 90/Die Grünen)

Großes also steht bevor.  Im Erdgeschoss des Global Village ging man den ersten partizipativen Schritt hin zum Konzept. Eingangs umrissen die anwesenden Politiker ihre jeweiligen Prämissen und Ziele. So freute sich Maja Lasic (SPD) darüber, dass das jahrelange Betröpfeln heißer Steine durch eine dekolonisierungsbestrebte Berliner Graswurzelbewegung nun konkretes Programm der Landesregierung geworden sei. Auch Regina Kittler (Die Linke) feierte den „historischen Schritt“, dass bei einem gesamtgesellschaftlich wichtigen Thema alle Akteure am gleichen Strang zögen.

Daniel Wesener (Bündnis90/Die Grünen) betonte, dass es sich bei Dekolonisierung seinem Verständnis nach keinesfalls um eine „Aufarbeitung“ handle, die „irgendwann abgeschlossen“ sei, sondern um „andauernde Erinnerungspolitik“.  Und zwar, wie sein Parteikollege Sebastian Walter ergänzte, als Bewegung von unten, aber mit „politischer Verantwortung“. Was diskret die Grenzen des Partizipativen verdeutlichte: Decolonize Berlin darf Inhalte vorschlagen, aber darüber entschieden wird dann im Abgeordnetenhaus.

Materielles, Immaterielles, Akteure, Orte

Gleichwohl: Warum sollten sie dort gute Ideen abweisen! Und dass es zumindest wirklich viele Ansätze gibt, zeigte das Ergebnis der drei Arbeitsgruppen, in die sich die Anwesenden ohne große Umstände  im Weiteren aufteilten sollten. Zur Diskussion standen die Themenfelder Kunst und Kultur, Bildung und Wissenschaft sowie Stadtgesellschaft und Gerechtigkeit. Christian Kopp vom Verein Berlin Postkolonial und Nadja Ofuatey-Alazard vom (Empowerment-)Verein Each One Teach One leiteten das Gespräch über das Kulturelle.

Sie schrieben auf eine Stellwand die Begriffe „Materielles“, „Immaterielles“, „Akteure“ und „Orte“, verteilten Stifte und Klebezettel und los ging es mit den Vorschlägen, die laut vorgelesen, von den Urhebern gegebenenfalls präzisiert und dann einer der Rubrik zugeordnet wurden. Und zwar hierarchiefrei, weitgehend ohne Bewertung und nur manchmal kommentiert, wenn das Gewünschte vielleicht schon im Entstehen ist oder sich mit einem bereits vorhandenen Vorschlag überschnitt oder ihn ergänzte.

Für eine kurze Kontroverse sorgte der Einwurf, dass es doch notwendig wäre, die koloniale Vergangenheit Berlins von der kolonialen Vergangenheit des ehemaligen Deutschen Reiches zu trennen, dass es also eine Bundesverantwortung gäbe, die man nicht allein Berlin überhelfen dürfte. So recht war das nicht zu verstehen, weil Berlin doch eben nun einmal die Hauptstadt des Deutschen Reiches war und es ja sowieso nicht um einzelne Schuldpunkte geht, die eine bestimmte Stadt gesammelt haben könnte. Aber abgewiesen wurde der Vorschlag nicht – Fragezeichen dran und eins im Sinn!  

ShaNon Bobinger im Gespräch mit Mnyaka Sururu Mboro und Christian Kopp vom Verein Berlin Postkolonial  

Quelle: YouTube

Zu konkreten Vorschlägen der Kultur-Gruppe für Projekte oder Maßnahmen zählen Hörstationen in der Stadt, eine Forschung darüber, welche neue Formen des Begehrens helfen könnten, koloniales Begehren zu zerschlagen oder auch  – wenn schon, denn schon! – die  Erklärung des gesamten Humboldt-Forums zu einer Gedenkstätte des deutschen Kolonialismus.

Auch die Stellwände der anderen Gruppen waren am Ende bunt und voll. Eine Dokumentation davon kann angefordert werden, das Versprechen, dass mit den Ergebnissen weitergearbeitet wird, steht im Raum, und zum Schluss streichelte ShaNon Bobinger die Seelen nicht nur mit dem Spruch über den Elefanten, sondern auch mit dem Aufruf, sich vor allem an zwei Dingen zu versuchen: Erstens, das Muster des Gelingens von Dingen zu erkennen, und zweitens nie aufzugeben, die eigene Blase zum Platzen zu bringen und sich auch außerhalb davon umzuschauen. Das war sanft und wahr gesprochen und empfiehlt sich ohne Einschränkung im gesamten restlichen Leben auch.