Angela Brockmann in der rbb-Dokumentation „Wir Ostdeutsche“.
Foto: rbb/Hoferichter & Jacobs

Immer wenn der 3. Oktober mit einem runden Jubiläum naht, veranstaltet das öffentlich-rechtliche Fernsehen eine Art Themenwoche. Ob Porträts von Katarina Witt und Margot Honecker, ob Dokus über die Prostitution in der DDR oder über die Heimcomputerszene – alles kommt noch mal ins Programm. Diese Flut von Filmen mit DDR-Bezug wirkt so, als wollten ARD und ZDF etwas gutmachen. Denn die Perspektive Ost war bis zum Aufkommen von Pegida und AfD selten gefragt. Als ich anno 2009 die neuen Chefin des ZDF-Magazins „Frontal 21“ im Ostberliner Studio fragte, wie viele ihrer Redakteure eigentlich aus den neuen Bundesländern stammten, wunderte sie sich über die Frage und zählte dann nach: Es war genau einer von knapp zwei Dutzend.

Die neuen TV-Dokumentationen ergeben meist eine feste Kette von Namen und Orten. Die Assoziationen Währungsunion & Treuhand, Rohwedder & Breuel, Hoyerswerda & Bischofferode belegen, wie stark die ersten Jahre der deutschen Einheit bis heute nachwirken. Inzwischen wirkt der Ton fordernder, aber auch fragender, abzulesen schon an Filmtiteln wie „Wir Ostdeutsche“ (ARD), „Meine Wende – unsere Einheit?“ (ZDF) oder „Einheitsland – oder doch nicht?“ (NDR). In diesen drei Filmen ziehen Menschen mit Ostbiografie Bilanz.

Formal reicht das Spektrum weit. Die elf Berichte im ZDF werden mit Animationen in Szene gesetzt. So skizzieren Christian Michelmann und Mario Hill in „Maul aufmachen“ die Erfahrungen einer Frau, die sich im Westen so stark angepasst hatte, dass ihre Erklärung, sie stamme aus dem Osten, ihre Nachbarn immer noch schockt. Die Porträtierte moniert, dass die Geschichte der Ostdeutschen bisher immer von den anderen erzählt wurde - „und wenn man sich lustig machen wollte, auch noch auf Sächsisch!“

Birgit Wärnke besucht ihre Lehrerin, die als SED-Parteisekretärin tätig war

Der NDR hat mit Birgit Wärnke eine ostdeutsche Reporterin in ihre alte Heimat geschickt. Sie besucht unter dem Titel „Einheitsland – oder doch nicht?“ ihre Deutschlehrerin, die als SED-Parteisekretärin an ihrer Schule tätig war und sich bis heute mit ihrer Rolle auseinandersetzt. Sie fragt nach, was aus den Mitarbeitern einer Schweriner Lederfabrik geworden ist und verfolgt die Karriere eines Mannes, der als DDR-Systemkritiker vom Westen freigekauft wurde und als Banker so reich wurde, dass er nach der Wende ein Hotel an der Ostseeküste aufkaufte. Heute streitet er in der AfD dafür, dass Usedom frei von „kulturfremden“ Menschen bleibt. Birgit Wärnke nimmt Werner Molik auf dessen Jagdsitz in ein Kreuzverhör und zeigt zugleich, dass die AfD im Osten längst nicht nur auf Abgehängte und Wendeverlierer baut.

Ganz anders setzt sich Lutz Pehnert, Autor des von RBB und MDR verantworteten ARD-Essays „Wir Ostdeutsche“, mit einem AfD-Mann auseinander. René Springer berichtet von seinen Erfahrungen in Afghanistan, in der Lokalpolitik und auf dem Arbeitsamt und erklärt, warum er von der SPD enttäuscht wurde. Heute ist er sozialpolitischer Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion und muss sich selbst beim Referieren von Arbeitslosenzahlen im Parlament die Beschimpfung „Nazi“ anhören.

Die Auseinandersetzung führen nicht die Macher des Films, sondern die anderen Befragten. Und so unterschiedlich, wie deren Erfahrungen ausfallen, so verschieden bewerten sie die AfD-Wählerschaft. Während der parteilose Bürgermeister von Tangerhütte hier Protestwähler sieht, glaubt die einstige Sprecherin des Magdeburger Schwermaschinenbaukombinates, dass AfD-Wähler genau das ankreuzen, was sie auch denken. Die ehemalige Drogistin aus dem östlichsten Zipfel, zugleich der Region mit den niedrigsten Einkommen, verweist auf das hohen AfD-Potential rings um Görlitz, während der frühere Kalikumpel aus Bischofferode glaubt, in einer Regierung würde die AfD schnell abwirtschaften. Der ARD-Report ist ein faktenreicher Essay, der von einem prägnanten Kommentar, gesprochen von Anna Thalbach, begleitet wird. Online werden die Erklärungen von einem immer wieder überraschenden Datendossier untermauert. So hat sich im Osten der Anteil der Rentner in dreißig Jahren von 23 Prozent auf 45 Prozent fast verdoppelt!

Lokalpolitiker blicken auf die turbulenten Nachwendezeit zurück

Derselbe Mann aus Bischofferode taucht im ZDF wieder auf, in der Doku „Die Treuhand – Die wahre Geschichte“. In den Interviews ist „Treuhand“ immer noch das schärfste Reizwort für die allermeisten Ostdeutschen – während sich Historiker darüber wundern, wie gut es den verantwortlichen Politikern wie Bundeskanzler Kohl und Finanzminister Waigel gelang, der Behörde die Rolle des Sündenbocks zuzuschieben. Dirk Laabs listet in seiner ZDF-Doku dreiste Betrugsfälle beim Verramschen der DDR-Wirtschaft auf und zeigt den Hungerstreik der Kalikumpel von Bischofferode als Menetekel der deutschen Einheit. Auch die erste deutsche Netflix-Doku „Rohwedder - Einigkeit und Mord und Freiheit“ ist nicht dann am spannendsten, wenn sie wilde Spekulationen zum Attentat auf den Treuhand-Chef anstellt, sondern wenn sie die wandelnde Stimmung im Osten reflektiert.

Das thüringische Eichsfeld mit Bischofferode ist auch ein Schauplatz des MDR-Dreiteilers „Machtpoker um Mitteldeutschland“. Hier blicken die Lokalpolitiker auf die turbulenten Nachwendezeit zurück, als binnen weniger Wochen komplett neue Strukturen geschaffen werden mussten und wo die CDU in Mitteldeutschland zu entscheiden hatte, wem sie die Führung überlässt: Profis aus dem Westen wie Kurt Biedenkopf oder Einheimischen wie Josef Duchac. Der erste Thüringer Ministerpräsident fiel mit dem Versprechen auf, spätestens 1993 würde die Angleichung der Lebensverhältnisse vollzogen – er wurde bald vom Pfälzer Bernhard Vogel abgelöst. Im Eichsfeld aber wechselte die Führung nie: Werner Henning amtiert seit 1994 als Landrat, so lange wie kein anderer in Deutschland: Er hat mehr Ausrufezeichen als Fragezeichen gesetzt.

Die Dokumentationen im TV: Wir Ostdeutsche – 28.9., 20.15 Uhr, ARD; 2.10. 20.15  Uhr bei RBB und MDR; Einheitsland - oder doch nicht? 28.9. 22 Uhr, NDR, Ein Staat geht – Abschied von der DDR; 29.9., 20.15 Uhr, ZDF; Machtpoker um Mitteldeutschland: Die neuen Bundesländer – 29.9., 22.10 Uhr, MDR; Tatort Einheit – Verbrechen der Wendezeit, 1.10., 20.15 Uhr; ZDFinfo; Die Treuhand – Die wahre Geschichte, 4.10., 23.45 Uhr, ZDF; Die große Ost-Bilanz – Gewinner und Verlierer der Einheit, 6.10., 20.15 Uhr, ZDF; Rohwedder – Einigkeit und Mord und Freiheit, vier Teile auf Netflix