Anna Calvi verführt wie die Sirenen. Betört wie in der Oper. Ist begehrlich wie im Pop. Klingt fremd wie ein Theremin. In wortlosen Schwaden erhebt sich ihr Alt in die Berghainhalle, schwebt, schmilzt, bebt, mit sinnlichem Ton, in körperlosem Falsett. Und die Gitarre klingt nicht weniger erhaben als der Gesang.

Schöner als ihre Musik zu hören ist nur, ihr beim Spielen zuzusehen. Ein Konzert der 37-jährigen Britin gehört zum Eindringlichsten, was man an popmusikalischer Performance erleben kann. So auch in der Dienstagnacht, wo sie in Berlin ihr neues, Ende August erscheinendes Album „Hunter“ vorstellte – zum ersten Mal überhaupt, und zum einzigen Mal in Deutschland.

Man konnte spüren, dass es auch für Calvi selbst ein spezieller Moment war. Immerhin fünf Jahre liegt der Vorgänger „One Breath“ zurück, vier die letzte EP „Strange Weather“, mit dessen „Ghost Rider“ als Zugabe sie das natürlich längst ausverkaufte Konzert beendete – die Coverversion des Suicide-Klassikers aus den Siebzigern brachte mit dem fiebrigen, düsteren Elektrowummern, Calvis erhitztem Flüstern und den grellen Gitarrenausbrüchen noch einmal alle Temperaturen des Konzerts auf den Punkt – und die Unterschiede zu ihrem bisherigen Schaffen.

Ominöse Harmonien

Im Repertoire ersetzt der Titel die Coverversion des alten Rock’n’Roll-Flamencos „Jezebel“, deren überirdisch-verführerische Kraft sich wie bei der Marvelfigur „Ghost Rider“ dem Teufel verdankt. Aber Suicides „Ghost Rider“ verbündet sich im Beat mit der elektronischen Moderne und in der Figur mit der schillernden Moral der Postmoderne.
Calvis neue Tracks zielen nicht mehr allein auf komplexe Rockästhetik; man hat eher den Eindruck, dass ihre ominösen Harmonien ineinanderströmen wie verschiedene Gase.

Formal mag man es unter Rock sortieren; aber tatsächlich formen sich die rhythmischen Strukturen, gewaltigen melodischen Bögen und machtvollen Gitarreneinbrüche mit den Gesangswogen zu einer ungeheuer kompletten Musik: Großartig, wie der Drummer mysteriöse, archaische Rock-Trommeln mit Neo-R&B-Beats zusammenführt; wunderbar, wie die Keyboarderin, die gelegentlich an den Bass wechselt, seltsame Nebel in die Tracks schiebt.

Calvi hat sich einen kleinen Steg ins Berghain-Volk legen lassen, den sie in ihrem schwarzen Anzug, leuchtend roten Bustier und den hochhackigen weißen Schuhen ausgiebig nutzt – und dann steht sie vorn im Volk, hebt in klar überwältigender Absicht aus raunendem Gesang plötzlich in ein spaciges Heulen ab, verwirrend und gefährlich, oder beugt sich als Rockgestik weit zurück, bringt die Gitarre in kurzen Einschüben zum Kreischen, Dröhnen oder Winseln, schabt am Schaft, kniet sich über sie, und schleift sie wie ein erlegtes Stück Wild am Hals den Steg zurück zur Bühne.

„Hunter“ sei, erklärt sie zu ihrem Album, zugleich queeres Manifest und „kathartischer Akt“, mit dem sie Sexualität, Gender und Körper von allen normierenden Regeln befreien wollte. In den Texten fordert sie „Don’t Beat the Girl Out of My Boy“, ein Elternratschlag als erste Single, sie singt von Lust und Körper „As a Man“ und seufzt in „Chain“: „I’ll be the boy/ you’ll be the girl/ I’ll be the girl you’ll be the boy“, bis ihre Spiegel zerbrechen. Und im entrückten „Swimmingpool“ lässt sie sich von den „Wogen des Begehrens“ hinwegtragen.

Stichwortgeber Jimmy Hendrix

Dazu spült sie gleich noch ein paar musikalische Regeln fort. Als studierte Geigerin und Gitarristin – sie hat auch längere Zeit gelehrt – kennt sie diese gut, und zitiert gerne Debussy oder Messiaen als Einfluss. Der wichtigste Stichwortgeber ist aber zweifellos Hendrix. Nicht, übrigens, im Sound. Klangeffekte, Gitarrengeräusche, Rhythmus und Lead – das kann ja heute jeder. Calvi knüpft, diesmal noch deutlicher als auch zuvor schon zu hören, dort an, wo Hendrix am Ende seines Werkes nach einer Öffnung suchte.

Ihre neuen Tracks bewegen sich in die verschiedensten Richtungen zugleich. Immer, wenn eine Kadenz naheliegt, fallen ihr zwei, drei, vier Harmonien ein, die wieder die Fenster aufreißen. Noch entschlossener diffundieren die Stimmungen und Temperaturen, sie baut transparente, karge Strecken zu mächtigem, schwerem Soundmulm auf, spielt mit den widersprüchlichsten Zärtlichkeiten, und zieht die entrücktesten Melodien über musikalischen Wolken wie aus dem Zerstäuber.

Oh ja, Sie haben recht: Ganz ohne Kitsch und Pathos kam Anna Calvi vermutlich nicht über uns. Aber warum darüber nachdenken, wenn man sich stattdessen einfach in den endlosen Weiten ihrer wunderbaren Welt auflösen kann? Anna Calvi: Hunter ab 31. August