Bob Dylan (l.) und Johnny Cash am 1. Mai 1969 bei der Aufzeichnung zu einer TV-Show im Ryman Auditorium von Nashville.
Foto: Sony Music

NashvilleDer schönste Moment ist hier ein Studiospaß, der es damals nie und nimmer auf ein reguläres Album geschafft hätte. Nachdem der Song „I Still Miss Someone“ im Kasten war, haben sich Bob Dylan und Johnny Cash noch etwas Zeit genommen und gemeinsam ein Lied gesungen, zu dem es zwei verschiedene Texte gibt. „Don’t Think Twice, It’s Allright“, ein Dylan-Original, das von Cash zur selben Melodie als „Understand Your Man“ eingespielt wurde. Es ist der 17. Februar 1967, als zwei Welten der Popmusik, nein, nicht kollidieren, sondern in einem denkwürdigen Duett auf eine ebenso rührende wie linkische Weise zusammenfinden.

Auf der einen Seite Johnny Cash, der unangefochtene Countrystar dieser Ära, der mit majestätischer Attitüde und seinem sonoren Bariton den Dylan-Text singt – und daneben etwas zappelig und giggelnd der größte Proteststar der Sechziger, der freilich die Protestierei und das Rockstarsein vor einer Weile schon zugunsten eines ausbalancierten Familienlebens in den Hügeln am Hudson aufgegeben hatte. Wie sich diese beiden Führungsfiguren der zu jener Zeit unversöhnlichen Kulturen von konservativer Countrymusic und revolutionärem Pop die Zeilen und Akkorde zuspielen, ist mehr als ein Spaß – es ist eine Offenbarung von Freiheit und Selbstbestimmung. Und das auf beiden Seiten.

15. Ausgabe von Bob Dylans Bootleg-Serie

Nach einem guten Jahr Ruhe und Rekonvaleszenz infolge eines Motorradunfalls war ein sichtlich erholter Dylan als Landmann mit Fusselbart in die Öffentlichkeit zurückgekehrt. Wie der Wolf im Märchen hatte er an der Kreide genascht und sang nun mit dem weichesten Timbre ever Liebeslieder und Countrysongs wie „I Threw It All Away“, „To Be Alone With You“, „Lay Lady Lay“ und „One More Night“ – versammelt auf den LPs „John Wesley Harding“ und „Nashville Skyline“, die in ihrer schlichten Instrumentierung dem psychedelischen Wahn des ausgehenden Jahrzehnts ein Konzept von innerer Ruhe und äußerem Frieden entgegenzusetzen suchten.

Die Sessions zu den beiden in Nashville aufgenommenen Alben werden auf der ersten von drei CDs/LPs der 15. Ausgabe von Dylans Bootleg-Serie dokumentiert. Die Herausgeber beschränken sich auf das Wesentliche und bieten – anders als bei früheren Editionen dieser im Pop beispiellosen Archivreihe – in diesem Fall nur je eine alternative Version bekannter Songs an, man muss sich nicht durch den gesamten Schaffensprozess hindurchhhören.

Triplealbum mit insgesamt 50 Songs

Den Kern des mit insgesamt 50 Songs vergleichsweise moderat bemessenen Triplealbums bilden die Aufnahmen vom 18. Februar 1967, als sich Bob Dylan und Johnny Cash bei einer Studioprobe in Nashville an ein gemeinsames Album herantasteten, aus dem dann nichts wurde, dessen Warm-up jedoch in mehr oder minder guter Qualität seit einer Ewigkeit unter Sammlern kursiert.

Nun endlich ist dieses tatsächlich einmalige Material mit Traditionals und Cash-Standards („Big River“) in einem adäquaten Sound zu hören. Als Zugabe gibt es die drei Songs, die Dylan zusammen mit Cash in dessen TV-Show vorgetragen hat, und einen Auftritt mit dem Bluegrass-Pionier Earl Scruggs. Danach war das Kapitel Nashville für Bob Dylan geschlossen.

Bob Dylan (featuring Johnny Cash) – Travelin’ Thru, 1967–1969 (Sony)