Robert Anton, Bag Lady, early 1970s.
Foto: The Estate of Robert Anton, courtesy Capitain Petzel, Berlin

Berlin - Üblicherweise kommen uns in Berlin Kunstangebote aus allen Ecken und Ritzen entgegen. Diese Ausstellungsofferte hingegen muss man erst mal finden. Ausgerechnet das zukunftsweisende Baugeschehen für breite Fahrradwege an der Karl-Marx-Allee, Höhe Kino International, beschert der angesehenen Galerie Capitain Petzel ein rotweißes Zugangslabyrinth. Wer das bewältigt, wird belohnt.

Drinnen im gläsernen Pavillon aus den Endfünfzigern wartet als Deutschlandpremiere, das „Theatre“ des Robert Anton (1949-1984), genauer: die absurde Collection des Gründers eines surrealistischen Miniaturtheaters, das in den 1970er-Jahren in den USA und in Europa Kultstatus erlangte und wo „Aufführungen“ in Lofts mit   nur 18 Zuschauerinnen und Zuschauern über die Bühne gingen.Damals galten diese Darbietungen als New Yorker Geheimtipp. Heute ist es Kunstgeschichte, an die sich aber immer wieder aktuell anknüpfen lässt.

Kreaturen wie bei Bosch

Die Galerie hat aus dem Nachlass Antons eine politisch aufgeladene, auch teils queere Gruppenschau, mit Bildern und Skulpturen vor allem polnischer Künstler, arrangiert und auf der Empore und in Vitrinen haben die skurrilen Zeichnungen, Figurinen, Puppen und allerlei requisitisches wie textliches Zubehör des Anton-Theaters ihren Auftritt: Etwa Schriften von Artaud zum „Theater der Grausamkeiten“, dazu gesellschaftkritische, expressive und surreale Grosz-und Dix-Gestalten, Kreaturen aus Hieronymus Boschs  mittelaterlicher, aberglaubedurchdrungenen Himmel-Hölle-Motiven, ebenso Bildfetzen aus Fellini-Filmen oder aus der Hollywood-Traumfabrik  und der Disney-Kultur.

Robert Anton, Two Faced Creature, mid-late 1970s.
Foto: The Estate of Robert Anton, courtesy Capitain Petzel, Berlin

Kuratorin Anke Kempkes kontextualisiert mit ihrer Auswahl erstmals das Anton-Gesamtkunstwerk, stellt so originelle, witzige, skurrile wie denkwürdige Verbindungen her zwischen dessen alchemistischem Sammelsurium und, zum Beispiel, einer   dreiköpfigen Picasso-Persiflage der Malerin Stanislava Kovalcikova aus dem Jahr 2017 oder einer neo-dadaistischen Tanzperformances  von Michael Clark, 1989. Eine seltsam packende, anrührende Ausstellung ist gelungen, durchzogen von einer für Gedanken und Gefühle fruchtbaren Traurigkeit.

Galerie Capitain Petzel: „On the Politics of Delicacy“, Karl Marx-Allee 45, bis 20. Februar, Di-Sa 11-18 Uhr