Draußen vor dem Haus der Berliner Festspiele ist eine mondäne Zeltburg aufgebaut. Sie sieht aus wie bei mittelalterlichen Tournierspielen, aber gedacht ist sie für die illustren Premierengäste des Zukunftstheaters von einst. Altbundespräsident Horst Köhler ist gekommen, Kulturstaatsministerin Monika Grütters und der Regierende Bürgermeister der Stadt. Für so viel Prominenz ist das gute alte Glasfoyer des Bornemann-Baus offenbar zu alltäglich. Und als Appetithäppchen lässt sich ein eigens engagierter Fernseh-Sternekoch mit roter Schürze schon mal vor dem ersten Klingeln kurz im Foyer blicken, um auf die Vorstellung nach der Vorstellung hinzuweisen.

Nein, hier findet kein normaler Theaterabend statt, ein Sterne-Ereignis unter dem Decknamen Theater hat sich angekündigt: Robert Wilsons „Einstein on the Beach“ aus dem Jahr 1976 ist vor zwei Jahren zum dritten Mal wiederbelebt worden und nach zweijähriger Welttournee nun abschließend in Berlin gelandet. Die Spende einer Versandhaus-Erbin machte es möglich.

Abgehobene Reklame-Ufos

Schon bei der Pressekonferenz am Vormittag konnte man meinen, es habe nie eine andere Zeitrechnung gegeben, als die vor und nach 1976 und „Einstein on the Beach“. Da war es fast schon rührend, wie der mittlerweile 73-jährige Robert Wilson selbst die abgehobenen Reklame-Ufos um sich herum zu erden bemüht war und betonte, dass auch 1976, als er zusammen mit Philip Glass und der Choreografin Lucinda Childs den „Einstein“ beim Festival in Avignon herausbrachte, dieses Theater nicht vom Himmel fiel. Überhaupt, so Wilson, kämen sie ja alle aus den 1960er und 1970er Jahren: New York damals – das waren die Happenings!, so Wilson. „Nicht mehr erzählen, sondern Erfahrungen suchen!“ Das Living Theatre spielte auf den Straßen, John Cage lauschte dem Alltag die Musik ab, Andy Warhol verschob den Glamour in die Küche, und Susan Sontag schrieb gegen die Verkrustungen der „Interpretation“. Die bis dahin verachtete Oberfläche der Dinge bekam plötzlich Tiefe und sogar subversiven Sinn. Und „Einstein on the Beach“ wuchs mitten aus dieser befreiend brodelnden Oberfläche.

Ja, es herrschte Aufbruch damals, darin war New York Europa weit voraus. Vielleicht konnte auch deshalb das effektsichere Wilson-Werk mit der neuartigen „minimal Music“ des Philip Glass und dem abstrakt modernen Tanz Luncinda Childs so kometenhaft einschlagen im traditionsverhangenen Europa: Alles Neue, unerhört Leichte kam von jenseits des Atlantiks. Und dieses Leichte ist auch 38 Jahre nach der Uraufführung noch unübersehbar. Ebenfalls unübersehbar ist, wie opak abgedichtet, reflexiv unterernährt dieses Leichte heute wirkt.

Sie rollen wie stürmische Wellen

Robert Wilson selbst nennt das Werk „Oper“, tatsächlich ist es so etwas wie ein rein formales Arrangement aus Tönen, Licht, Raum und Zeit. Die Dramaturgie von „Einstein on the Beach“ ist ein Zahlenspiel und darin dem Titelgeber sicher nicht fern. Albert Einstein wird nicht zum Strandläufer darin, wohl aber werden seine revolutionären Erkenntnisse zur Relativität von Raum-Zeit-Gefügen in vielschichtige Stimmungen gebracht.

Wahrscheinlich ist das überhaupt die zentrale Erzählung dieses gut vierstündigen Abends (der 1976 eher fünf lang war): die Versinnlichung der Zeit, ihre Befreiung von absoluten Maßstäben. Dafür hat Glass in endlosen Tonwiederholungsschleifen mit Minimalvariationen in Höhe und Tempo ratternde Arpeggios komponiert, die das Rückgrat des Geschehens sind: Mal rollen sie voran wie stürmische Wellen, dann holpern sie kleinstufig abwärts, verzögern sich, scheinen hängen zu bleiben und schnellen dann wild, großspurig weiter. Gleich in der ersten Szene schiebt sich eine riesige Papplokomotive in kaum wahrnehmbarem Schneckentempo auf die Bühne, ein Pfeife rauchender Lokführer lacht comic-haft verschmitzt ins Publikum, während eine Tänzerin mit acht schnellen Hüpfschritten vor und zurück eine bewegliche Diagonale durch den Raum zieht – vielleicht 20 Minuten lang. Und irgendwann erscheint einem ihr Fußweg gegenüber der statischen Loktrasse wie ein schwereloser Lichtstrahl aus anderer Zeit.

Wortverweigerer und Zeitkiller

Aus solchen, sich entwickelnden Gegensätzen lebt das Stück. Die Wahrnehmung ist eine Frage, in welche Bewegung sich der Beobachter selbst bringen lässt − eine nur gedachte Bewegung natürlich, denn die alte Guckkastenbühne bleibt voll in Takt.

Es stimmt, die Form ist hier der Inhalt: gegeneinander verschobene Linien und Rhythmen erzählen vom Lauf der Welt, mehr als manches dekorative Setting, in das Wilson die Bewegungsabläufe setzt. „It could be“ ist der optimistische Refrain dazu, der aus den dadaistischen Textfragmenten des Autisten Christopher Knowles stammt. Am schwächsten sind daher jene Szenen, in denen Wilson die Welt dann doch irgendwie traumlogisch oder märchenhaft erklären will: Eine große Gerichtsszene gehört dazu sowie ein Tanz auf dem Wissenschaftsvulkan am Ende, in dem er sein lichtmalerisches Formeltheater direkt ins Bild einer explodierenden Atombombe münden lässt.

Aus dem Laienwerk von 1976 ist heute ein perfektioniertes, teures, zähes Spektakel geworden, das einen heute nicht weniger in die Kissen drückt, als es damals viele sicher befreite. Interessant aber ist, wenn man irgendwann in den unendlich sich wiederholenden, weißgesichtigen Bürgerkarikaturen in bunter Pappkulisse plötzlich die freundlichen Väter der heutigen, rotzfrecheren Bühnenstars erkennt, die Regisseure wie Vegard Vinge oder Herbert Fritsch in ihren Zombie-Opern radikalisieren. Diese sind wie jene Geistaustreiber, Wortverweigerer, Zeitkiller, die ihre Zuschauer lieber an eigener Sinnüberproduktion knabbern lassen, als Explizites zu liefern. Wiedergängertheater kann auch schön sein.

Vorstellungen 5.-7.3., 18.30 Uhr, Haus der Berliner Festspiele, Tel.: 25489100