Fabrik- und Garagenhof (An der Choriner Straße), 1977, Tempera/Öl/Lw.
Foto: Be.Bra.Verlag/Konrad Knebel/VG BIldkunst Bonn 2020

Berlin-Konrad Knebel ist viel zu bescheiden für diesen Vergleich: „Canaletto vom Prenzlauer Berg“. Der Venezianer Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, war der grandiose Veduten-Maler des barocken Dresdens.

Der Maler Knebel, 88, gebürtiger Leipziger, aber schon seit 1951 passionierter Berliner und seit 50 Jahren im Bötzow-Viertel, malt seit 60 Jahren vor allem das Preußische im Prenzlauer Berg: Fassaden der Gründerzeit, Häuser mit Gesichtern und Biografien, die dem Zahn der Zeit irgendwie trotzen, die Krieg, Vernachlässigung und Verwahrlosung überstanden haben.

Eckhaus Hufeland-, Ecke Esmarchstraße (I.), 1998, Tempera/Öl/Lw.
Foto: Be.Bra.Verlag/Konrad Knebel/VG BIldkunst Bonn 2020

Diese Motive, soeben in einem Bildband des be.bra-Verlags versammelt und von dem Berliner Filmkritiker Knut Elstermann liebevoll besprochen, fragen danach, ob wir begreifen, was vor sich geht und was da Neues kommt. Wie surreale Skulpturen, ja Monumente, modelliert Knebel die alten Häuser aus dem milchig-silbrigen Berliner Licht.

Alte Häuser haben Gesichter

Solche Motive sind inzwischen rar geworden. Berlin ist Sanierungshauptstadt der Welt. Alles strahlt im neuen tadellosen Putz. Seit der Wiedervereinigung werden aus Ruinen Paläste. Knebel, einst Schüler des Zeichners Arno Mohr an der Kunsthochschule Weißensee, hat sich die gründerzeitliche Architektur zum Thema gemacht. Jedes Bild ist immer auch ein Geschichtsexkurs. Akribie, zugleich herbe Poesie. „Chronistentum indes“, betont er, „steckt nicht hinter diesen Fassaden, Hinterhöfen, Brandmauern.“

Besetztes Haus (Palisadenstraße), 2009, Tempera/Öl.
Foto: Be.Bra.Verlag/Konrad Knebel/VG BIldkunst Bonn 2020

Auch nicht hinter den wie skelettierten Fabrikwänden. Dies hier ist eine hochkultivierte Malerei, die aus genauester Beobachtung entsteht. Und um die Physiognomien verlassener Außen- und Innenräume, die Spuren dahinter gelebten Lebens tragen. Knebels alte Häuser haben Gesichter, hohlwangig oft, mit tiefliegenden matten Augen. Sie tragen Pflaster und Schminke, Risse und Runzeln. Manchmal sind es Häuser vor dem Abriss.

Fabrikraum, 1992/93 , Öl/Lw.
Foto: Be.Bra.Verlag/Konrad Knebel/VG BIldkunst Bonn 2020

„Von dieser Spezies hatte ich zu DDR-Zeiten mehr Motive, als ich malen konnte“, erzählt er. Oder es ist die „Zwischenzeit“, die er in seinen dunkel-romantischen Farben festhält, Fenster und Durchbrüche, durch die Licht strömt. Es schlägt sich auf dem Fußboden mitunter als milchiges Raster nieder, streng, zugleich gespenstisch .

Das Ende und der Anfang

Diese porösen Fassaden, die nackten Stellen, unter denen Ziegel erscheinen, das verwaschene, fast zärtlich-wehmütige Kolor sind die Bildsprache eines malenden Ästheten. Bei ihm spannt sich der verwitterte Putz wie alte pergamentene Haut, sodass man darunter gleichsam das vor über hundert Jahren gemauerte Hausgerippe zu sehen glaubt.

Aber die Stadt verändert sich rasant ins Neue, Schicke. Für Melancholie ist keine Zeit. Weder Nostalgie noch Sozialkritik legt Knebel in seine Bilder, eher die immer wieder von neuem begonnene Suche nach der Würde des Alten, nach Bewahrenswertem im Vergehenden. Jedes Haus ist ein Stillleben vom Ende, das eines neuen Anfangs harrt.

„Der Canaletto vom Prenzlauer Berg – der Maler Konrad Knebel“

Erschienen im be.bra.verlag, Texte: Knut Elstermann, 112 Seiten mit Abbildungen, 22 Euro.