Berlin - Um Krieg ging es bei den Einstürzenden Neubauten schon immer, frühe Songs heißen „Vorm Krieg“ oder „Krieg in den Städten“. Am Anfang scheint mir die Beschäftigung mit dem Thema von einer gewissen Faszination getragen gewesen zu sein, fürs Kaputte, für Ruinen, Zerstörung. Auf „Lament“ klagen Sie nun um die Opfer des Krieges. Hat sich Ihr Verhältnis zu dem Thema im Alter gewandelt?

Ich bin Jahrgang 1959, aufgewachsen in Westberlin. Das heißt, in meiner Kindheit und Jugend war der sogenannte Kalte Krieg immer präsent. Wobei die Tatsache, dass es die Mauer gab, gar keine so große Rolle spielte. Wichtiger war dieses generelle Gefühl, dass man in einer Zwischensituation lebt und aus dem Kalten Krieg schnell ein heißer werden kann.

Wir wohnten in der Nähe des Flughafens Tempelhofs; wenn die Geräusche von den Flugzeugen lauter waren oder länger dauerten als sonst, dachte man sofort an Krieg. Die flogen so dicht über den Häusern herunter, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.

Kommt daher der Hang der Neubauten zum Krach?

Früher hätte ich gesagt, dass die Einstürzenden Neubauten überall in der westlichen Welt hätten entstehen können, so lange es genug wiederverwertbaren metallischen Abfall gibt. Retrospektiv würde ich sagen: Nein, das war eine sehr spezifische Westberliner Situation, die das damals hervorgebracht hat. Ob sich seither mein Verhältnis zum Krieg geändert hat… wie ich schon sagte, ich bin Jahrgang 59, ich hab keinen Krieg erlebt, ich hab gar kein Verhältnis dazu.

Ich meinte auch eher die Faszination mit den Trümmern…

…die bekam man in Westberlin automatisch, und die hab ich auch immer noch. Aber nicht wegen der Kaputtheit, sondern wegen der Spuren der Geschichte, die man in Berlin überall sah, im Westen wie Osten. Mancherorts heute noch.

Früher also Kalter Krieg, heute Erster Weltkrieg: Wie kam es zu dem neuen Projekt?

Das ist eine Auftragsarbeit der Region Flandern, ein Teil der Feierlichkeiten zur Erinnerung an den Beginn des Ersten Weltkriegs. Uraufgeführt wird die Komposition am 8. November in Diksmuide, das ist der Ort, an dem die Erste Flandernschlacht geschlagen wurde. Die deutschen Truppen wollten ja, dem Schlieffenplan folgend, durch Belgien hindurch direkt auf Paris zustoßen, dann haben die Belgier aber die Schleusen der Yser geöffnet und das ganze Gelände geflutet. Dadurch kam es zu dieser großen Schlammschlacht, von der Flandern bis heute gezeichnet ist. Wir spielen in einer Halle, die auf der ehemaligen deutschen Frontseite liegt. Ich hätte ja lieber auf der belgischen Seite gespielt, aber das ging aus organisatorischen Gründen nicht.

Das heißt, „Lament“ wurde als Performance geplant, und das Album ist nur ein Nebenprodukt?

So ist es. In der Performance gibt es drei Sequenzen. Am Anfang stehen die Kriegsvorbereitungen, im zweiten Teil geht es um die Kriegshandlungen selbst, im dritten Teil um den Tod und die Opfer.