Einstürzende Neubauten Konzert in Berlin: Der Klang der Schützengräben

Das nächste Stück heißt flämisch ‚In de Loopgraaf‘, also im Schützengraben“, sagt Blixa Bargeld auf der weiten Bühne des Tempodroms. Er ist umgeben von der Instrumenteninstallation der Einstürzenden Neubauten, von der ein sturer Rhythmus angeschlagen wird. Klatschen in den vorderen Reihen. Bargeld meint, mit sacht sardonischer Nachsicht: „Sind Sie sicher, dass Sie zum Klang der Schützengräben mitklatschen wollen?“

Interessant – auch jenseits der Frage, ob der Neubauten-Sound grundsätzlich durch patschende Hände an Atmosphäre gewinnen könnte – wie sich manche Begehren nicht abstellen lassen. Auch dann nicht, wenn es um eine Konzeptarbeit zum Ersten Weltkrieg und kein herkömmliches Konzert geht, worauf Bargeld immer mal verhalten seufzend hinweist.

„Lament“, Klagelied, heißt die Performance, ein Auftrag der belgischen Stadt Diksmuide, wo es am vergangenen Wochenende uraufgeführt wurde. Das zugehörige Album wiederum erschien am Tag des Berliner Konzerts – dem 96. Jahrestag des kriegsbeendenden Waffenstillstands.

Das Album ist schon eindrucksvoll, aber es entfaltet seine enorme Wirkung erst in der großartigen Aufführung, mit den Metall- und Plastikbaumaterialien, den Kesseln und Blechtafeln, die bestrichen, bekratzt und betrommelt werden, durch Jochen Arbeits Gitarrendrone mit einem vibrierenden Dildo, Alex Hackes zerfender Krücke mit Tonabnehmer und Bogen, durch N. U. Unruhs schauerlich-zarte Stacheldrahtharfe, die wie ein rostiges, schiefgelegtes Stehpult aussieht.

Wie Bargeld auch im Interview mit der Berliner Zeitung erklärte, hat die Band fast ganz auf die naheliegende Vertonung des Kriegs verzichtet. Nur selten hört man so etwas wie die Onomatopoesis der Schlacht, zum Beispiel als sehr vereinzelte, zischende Einschläge mit grellem Weißlicht in einer sonst leisen, strahlend blauen Umgebung.

Stattdessen gestalten die Neubauten sozusagen die innere Bewegung und Gestalt dieses Kriegs, aus feinsten Kontrasten, oft geisterhaft leise, mitunter zerklüftet quietschend, rummsend, dröhnend. Nach einer schwellend abstrakten Ouvertüre singt die ganze Band die britische Nationalmelodie – in einer mehrsprachigen, absurden Textcollage, weil sie unter anderem auch von den kämpfenden Nationen Deutschland und Kanada benutzt wurde. Die bizarren Verwandtschaften der damaligen Monarchien erhellen die „Willy-Nicky-Telegramme“, die Bargeld und Hacke sprechen. Darin versichern sich die kriegsvorbereitenden Cousin-Kumpels Kaiser Wilhelm und Zar Nikolaus ihre Friedenswilligkeit derart abgefeimt, dass man fast froh ist, von vergleichbaren NSA-Veröffentlichungen verschont zu sein. In einem irrwitzigen Höhepunkt trommeln Hacke, Unruh und Drummer Rudolf Moser gemeinsam dreizehn Minuten lang ein tribalistisch unruhiges, hohles, vielstimmiges Getrappel auf zwei Schichten meterlanger Plastikrohre, während eine freundliche Damenstimme abwechselnd mit Bargeld die endlose Zahl der Kriegsnationen der Reihe nach auftreten lässt – der „Weltkrieg in Percussion, mit 120 Beats pro Minute“, erklärt Bargeld.

Bargeld hält immer wieder inne, um einen Kontext zu erläutern oder von Recherche und Quellen zu berichten. Ganz wunderbar und klug wird man dabei in die musikalische Aufführung gezogen, ohne ins Geschehen getaucht zu werden. Noch der ungefähre Neubauten-Pop von „How Did I Die“ und der „Macht Politik“-Zweiworttext im dreiteiligen Herzstück „Lament“, mit seinen sakralen Motiven in fahlgelbem Licht und dem Pärt-artigen, schmerzvollen Strom aus Streichquartett und Stimmcollagen lässt einen in respektvoller Distanz.

Die Band war sogar umsichtig genug, als eine Art Sollrisstelle fürs Publikum den letzten Konzertteil als Zugabe zu tarnen. Bargeld kommt zurück auf eine blutrote Bühne in einer weißen Federweste, um „Sag mir, wo die Blumen sind“ zu singen. Angelehnt an Marlene Dietrichs Version, aber trügerisch zart, gespenstisch kühl, schließlich schnarrend, wird daraus ein Abgesang auf alle ferne Hoffnung – Bargeld als Engel der Geschichte in Drag. Und auch wenn es noch ein bisschen weiter und sogar in zwei ältere Stücke geht, hat man hier den eindrucksvollen Abschluss dieser tollen, inspirierten, drückenden Performance, in der die Schützengräben kein historisches Event umreißen, sondern die Wege des Weltenlaufs selbst kartographieren.