Berlin - Zu einem Höhepunkt der aktuellen Erinnerungssaison ist es am Montagmorgen in der Hauptstraße 155 in Berlin-Schöneberg gekommen. Hier wurde eine von den Berliner Gaswerken gestiftete Gedenktafel für den Musiker David Bowie enthüllt, der im vergangenen Januar im Alter von 69 Jahren gestorben ist und zwischen 1976 und 1978 ein Appartement unter nämlicher Adresse bewohnte; in dieser Zeit nahm er in den Hansa Studios nahe der Mauer die Alben „Low“ und „Heroes“ auf, die heute gemeinsam mit dem nicht in Berlin entstandenen Album „Lodger“ als „Berliner Trilogie“ von David Bowie bezeichnet werden.

Müller über Bowies falsche Berlin-Vorstellungen

Zunächst hielt der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, eine Ansprache. Er trug einen blauen Anzug und ein weißes Hemd ohne Schlips und lobte David Bowie als einen „Künstler, der unser Zusammenleben seit Jahren sehr bereichert“.

Berlin scheine in Bowies Lebensweg von ganz besonderer Bedeutung gewesen zu sein, obwohl er die Stadt am Anfang offenbar nicht gut kannte: „Ich hab das nachgelesen, er hat gesagt, er sei nach Berlin gezogen, um von den Drogen herunterzukommen. Darauf muss man erst einmal kommen! Berlin war ja nun echt nicht als Entzugsklinik bekannt“, sagte der Regierende Bürgermeister mit einem Schmunzeln und schloss mit einer Betrachtung über die Siebzigerjahre als solche: „Dass Berlin heute so kreativ ist, hat in der Zeit begonnen und auch damit zu tun, dass David Bowie da war. Ich hoffe, das stimmt alles so, was ich   jetzt sage.“

Anschließend beklagte sich die Vorstandsvorsitzende der Berliner Gaswerke, Vera Gäde-Butzlaff, in einer kurzen Rede darüber, dass die Anbringung einer durch sie gesponserten Bowie-Tafel vorab für Spott gesorgt habe. „Von den Berliner Unternehmen wird doch immer kulturelles und soziales Engagement eingefordert!“

Darum lasse man sich auch künftig in der Förderung des Gedenktafelprogramms nicht beirren, zumal die Zusammenarbeit mit dem Senat, der Historischen Kommission und der für die Verfertigung der Gedenktafeln zuständigen Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin so hervorragend funktioniere.

Anwohner unbeeindruckt von Zeremonie

Im Anschluss an die beiden Ansprachen spielte die Berliner Band Chuckamuck das Stück „Heroes“ in der deutschsprachigen Version. Interessant war, dass, während die Menschentraube auf dem abgesperrten Straßenstück vor der Hausnummer 155 immer größer wurde, weder aus den Wohnungen darüber noch aus den Fenstern auf der gegenüberliegenden Straßenseite jemand herausschaute. Nur einmal war im Dachgeschoss in der Hauptstraße 9 ein splitterfasernackter Mann zu erkennen, der offenbar gerade aufgestanden war.

Die dritte Festrede hielt Eduard Meyer, der in den Siebzigerjahren in den Hansa Studios als Toningenieur wirkte. Er trug einen blauen Anzug, ein weißes Hemd und einen Schlips, auf dem musikalische Motive wie zum Beispiel ein Cello und Klaviertasten aufgedruckt waren. Meyer war wesentlich an der Entstehung des Albums „Low“ beteiligt, in dem Stück „Art Decade“ ist er auch als Cellist zu hören.

In seiner Ansprache erinnerte er sich unter anderem an ein Weihnachtsgansessen mit David Bowie in der „voll ausgestatteten Küche“ in der Hauptstraße 155 –„Es wurde fröhlich gespeist“ – und schloss mit den Worten „David Bowie hat sich mir gegenüber immer korrekt und freundlich verhalten“.

In der letzten Ansprache  des Tages wies der Autor des Standardwerks „Helden“ über Bowies Berliner Jahre, Tobias Rüther, darauf hin, dass Bowie während seiner Berliner Zeit kaum jemals in Berlin gewesen sei, „er hatte ja auch ständig was anderes zu tun, Fernsehauftritte, Filmprojekte, eine Tournee durch Amerika, eine Safari in Afrika, dann wieder ins Studio nach New York und immer so weiter“. Dennoch: Als er 1978 weiterzog in die Schweiz, „hat er seine Wohnungsschlüssel für die Hauptstraße 155 mitgenommen. Als könnte er jederzeit wiederkommen. Als sei er nie weggewesen.“

Gedenken neben der Zahnarztpraxis

Die anschließend enthüllte Gedenktafel passt mit ihrer Farbgebung – blaue Schrift auf hellblauem Grund – gut zu der ähnlich gestalteten Reklametafel „Physiotherapie & Massage“ darüber und zu dem auf eine Zahnarztpraxis verweisenden Schild im danebenliegenden Eingang. Da die Gedenktafel sich aber gerade nicht in diesem Eingang befindet, sondern zwischen zwei zugehängten Fenstern des Massagesalons, kann man sie beim flüchtigen Vorbeigehen auch leicht mit einem  Praxisschild  verwechseln: „Zahnarzt Dr. Bowie“.  „Ich finde, der hätte was aus Messing verdient gehabt“, klagte denn auch einer der Gäste des Festakts, der Tresor-Klub-Betreiber Dimitri Hegemann.

Zum Abschluss des Vormittags gab es dann noch ein Stehrumchen im Café  Neues Ufer in der Hauptstraße 157; an einem Tisch in  der vordersten Reihe posierten Michael Müller und die Fraktionsvorsitzende seiner designierten Lieblingskoalitionspartner Bündnis 90/Die Grünen, Ramona Pop, während aus einem Lautsprecher vor dem benachbarten „Restaurant & Grill Imren“ in der Hauptstraße 156 in einer Endlosschleife „Heroes“ erschall und auf dem abgesperrten Straßenstück davor mehrere alte, zum Teil sehr verwittert wirkende Männer in schwarzer Rockerbekleidung jungen Frauen Interviews geben.