Berlin - Ein letztes Mal sieht es so aus, als wäre alles wie damals im Jahr 2004. Internationale Kunst aus der Sammlung Friedrich Christian Flick und den Sammlungen der Nationalgalerie spiegelt die Welt und den Zeitgeist wider. Sie erzählt, mahnt und ermuntert, das Möglichste zu tun für unseren blauen Planeten, der den Nachkommen noch guten Lebensraum bieten soll. Für die nachhaltige Schonung der Natur, den Artenschutz, gegen die zerstörerische Ausbeutung der Ressourcen, den Plastikmüll, die abschmelzenden Gletscher.

„Scratching the Surface“ packt uns bei allen Sinnen. Nicht alarmistisch, aber doch dringlich, emotional, aufklärend. Jeder Ausstellungsteil in den 250 Meter langen Rieck-Hallen am Hamburger Bahnhof hätte wegen seines politischen Inhalts und des Appells an unsere Mitverantwortung eine eigene Besprechung verdient.

Doch gerade eine lakonische Videoarbeit aus dem Fundus der bald unwiderruflich aus Berlin entschwindenden Flick-Sammlung bringt auf den Punkt, wie sehr unsere Welt aus den Fugen geraten ist. Und wie rücksichtslos Menschen mit dem Geschenk des Lebens, der Natur und den Möglichkeiten des Fortschritts umgehen: Die Russin Anna Jermoalewa bietet uns ein Gleichnis vom Sein oder Nichtsein an. Man sieht nur den Lichtschalter: on/off, hell, dunkel. Rettung oder Untergang. Der Homo sapiens hat es in der Hand.

Schmucklose Hallen, die ganz der Kunst dienen

Noch stehen die Rieck-Hallen am Hamburger Bahnhof unangetastet da, mit all ihren an Wänden, Decken, auf dem Fußboden ausgebreiteten existenziellen Fragen, welche das Publikum sensibilisieren sollen. Hier erweist sich wieder das einzigartige Potenzial der schmucklosen, ganz der Kunst dienenden Hallen.

Doch der Besitzer des Grundstücks will die von ihm ans Museum Hamburger Bahnhof vermieteten Hallen abreißen lassen. Sie stehen auf seinem Boden, kostbar wie Goldstaub. Rundum entstanden Luxus-Wohnblöcke und Büros, nun soll noch mehr gebaut werden. Die Hallen sind im Weg.

Bekannt wurde der radikale Plan vor einem Jahr: Mitten hinein in die ohnehin dystopischen Pandemie-Nachrichten platzte die Meldung, Friedrich Christian Flick gehe mit seiner im Jahr 2004 in den Rieck-Hallen etablierten Kollektion hochkarätiger Gegenwartskunst zurück in die Schweiz. Er ließ verlauten, die Werke dort wohl an drei renommierte Privatmuseen zu geben.

Flicks Entschluss ist unwiderruflich. Entnervt und enttäuscht lehnte er eine Verlängerung des Dauer-Leihvertrages mit der Nationalgalerie ab, als er erfuhr, dass die Wiener CA Immo, Besitzerin des Grundstücks um den Hamburger Bahnhof herum, sein Domizil abzureißen gedenkt. „Ohne die Rieck-Hallen bin ich an einer Verlängerung des Leihvertrags nicht mehr interessiert“, sagte der Sammler. Selbst den verzweifelten Versuch der Preußen-Stiftung,  ihm einen Neubau anzubieten, der direkt am Übergang zum Hamburger Bahnhof auf kleiner Grundfläche vier Hallen übereinander stapeln würde, lehnte er ab.

smb/Nationalgalerie/ Mathias Völzke
„Anthropocentrism Series: I am a Technocrat“ von Rhonda Roland Shearer – eine Öko-Skulptur aus der sich von Berlin  verabschiedenden Flick- Collection, vor Gemälden aus der Nationalgalerie, zu sehen in den Rieck-Hallen.

Der Flick-Coup versetzte die Kunstwelt in helle Aufregung

Der heute 76 Jahre alte Flick hatte 2004, nach Abschluss des von der Politik gefeierten Dauerleihvertrages mit den Staatlichen Museen, die einstigen Speditionshallen für acht Millionen Euro aus eigener Tasche umbauen lassen – mit einem extra Übergang zum historischen Hamburger Bahnhof, das 1996 als Museum für Gegenwart eröffnet worden war.

In Berlin hatte man damals noch den euphorischen Traum, Weltstadt der Kunst zu werden. Der Flick-Coup versetzte die Kunstwelt in helle Aufregung. Er spaltete allerdings auch, weil der Mann aus der NS-belasteten Industriellen-Dynastie, ein Enkel des Patriarchen Friedrich Flick, den Weg der Kunst suchte, um Berlin Gutes zu tun. Mit Werkgruppen berühmter Avantgardisten aus den USA und Europa, so Bruce Nauman, Carl Andre, Martin Kippenberger, Wolfgang Tillmans oder Roman Signer. Flicks auf 300 Millionen Dollar geschätzte Kollektion war über Nacht zu einem Berliner Kunstmagneten geworden.

Noch größer wurde der Hype, als der Sammler, wohl auf Nachruhm hoffend, 2008 und 2014 der Nationalgalerie in zwei großzügigen Schenkungen 268 wichtige Werke überließ. Dazu gehören ikonische Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern wie Stan Douglas, Dan Graham, Rodney Graham, Candida Höfer, Paul McCarthy, Jason Rhoades, Pipilotti Rist, Thomas Schütte, Franz West, Cindy Sherman und Katharina Fritsch.

Doch inzwischen hat das einst glänzende Renommee Berlins als Kunststadt hässliche Flecken bekommen. Was ist passiert? 2007 hatte die bundeseigene Vivico das Gelände aus dem Besitz der Bundesbahn (vormals Reichsbahn) an die CA Immo verkauft. Diese warb mit dem Slogan „Wohnen und Arbeiten am Kunstcampus“. Mit der Kunst konnte sich der österreichische Immobilienkonzern schmücken. Inzwischen stören die Ausstellungshallen mit den Keller-Depots die geplante gewinnträchtige Verdichtung.

Die Kulturpolitik hat versagt

In Museums- und Kunstkreisen herrscht Entsetzen, seit bekannt geworden ist, dass Flick Berlin verlässt. Es entbrannte eine Debatte über das Versagen der Kulturpolitik, aber auch über die Macht privater Sammler, auf deren Kollektionen die öffentlichen Museen heutzutage bei gekürzten Ankaufetats immer stärker angewiesen sind. In der Stadtgesellschaft jedoch verhallte die Empörung. Die Pandemie scheint die Sorge um das Schicksal der Rieck-Hallen und des damit verbundenen Museums Hamburger Bahnhof in den Hintergrund gedrängt zu haben. Womöglich glaubte man auch, so schlimm werde es schon nicht kommen.

Seit die Kunst- und Kulturstätten wieder öffnen dürfen, sind die berechtigten Ängste um das Kopfbahnhof-Gebäude wieder präsent. Immerhin zählt das der Nationalgalerie zugehörige Ensemble weltweit zu den größten und bedeutendsten öffentlichen Sammlungen für zeitgenössische Kunst. Das Haus ist allerdings renovierungsbedürftig. Und der Besitzer, die CA Immo, hat keinerlei Garantie abgegeben, dass der Museumsbestrieb in der Zukunft tatsächlich gesichert sei. Auch wenn im Vertrag ausschließlich „eine kulturelle Nutzung“ vorgesehen ist.

Kann ein Museum allein im guten Glauben in die Zukunft planen? Eine fatale Situation. Der Berliner Senat unter dem damaligen Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit hat es seinerzeit in unverzeihlicher Nachlässigkeit versäumt, den Bau, in den das Land bereits 100 Millionen D-Mark  investiert hatte, für die Kommune zu sichern. Berlin verbaselte sein Vorkaufsrecht.

Kein Anlass zur Sorge? Das war falsch

Die wackelige Situation der Eigentumsverhältnisse war anscheinend weder dem Landesparlament noch den Staatlichen Museen und auch nicht dem Kunstsammler Flick bewusst, als der Dauer-Leihvertrag samt künftigen Schenkungen und teurem Umbau realisiert wurde. Das Berliner Landesparlament immerhin forderte im Jahr 2008 den rot-roten Senat besorgt auf, „alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um den Hamburger Bahnhof als Standort des Museums für Gegenwartskunst der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu sichern“.

Der Staatssekretär für Kultur, André Schmitz, zerstreute damals jedoch Bedenken, sagte, Berlin habe den Hamburger Bahnhof 1987 durch eine Vereinbarung des Landes Berlin mit der Reichsbahnvermögensverwaltung gewissermaßen erhalten und dann den Staatlichen Museen überlassen. Also gebe der Verkauf an CA Immo keinen Anlass zur Sorge. Der neue Eigentümer sei an einer Aufwertung interessiert, die das Museum für den Standort brächte.

Ist das Blauäugigkeit gewesen? Oder Fahrlässigkeit? Oder hasardeurartige Lust am berlintypischen Zustand der Improvisation? Für ein Museum, das planen muss und zudem den Anspruch hat, internationaler Leuchtturm zu sein, auf jeden Fall eine Unmöglichkeit. Einzige Lösung wäre ein Rückkauf des Gebäudes samt Grundstück, auf dem auch die Rieck-Hallen stehen, durch den Bund.

Es gibt durchaus Hoffnung

Hoffen lässt ausgerechnet eine Lüge aus der Nachkriegsgeschichte des Hamburger Bahnhofs, der vor dem zweiten Weltkrieg Verkehrs- und Baumuseum gewesen war. Der Berliner Kunstkritiker Boris Pofalla entlarvte die Mär vom „Reichsbahnmuseum“, erfunden von der DDR-Regierung als Trick, die stark sanierungsbedürftige, für die DDR – als Reichsbahn-Erbe – nutzlose Immobilie im Niemandsland des Kalten Krieges gegen Devisen loszuwerden. Erst der Einigungsvertrag 1990 regelte den Umgang mit dem paradoxerweise von den Alliierten der DDR übertragenen Reichsbahnvermögen.

Diese Vermögenswerte fielen mit der Wiedervereinigung an den Bund. Ein Hoffnungsstrahl: Mehrere Gerichte haben seither geurteilt, dass nach 1945 Dritten überlassenes, umgewidmetes Reichsbahnvermögen an die Nutzer der Häuser und Grundstücke fällt. Das wären in diesem Falle Berlin und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Man sei, so ließ Kulturstaatsministerin Monika Grütters verlauten, im Gespräch mit der CA Immo. Der Rückkauf wäre die Lösung: Das Museum Hamburger Bahnhof würde rechtmäßiges öffentliches Eigentum. Die Rieck-Hallen würden bleiben – als wichtige Kunstherberge und Nachbarinnen der Wohnbauten sowie des inzwischen hochgewachsenen Birkenwäldchens. Gabriele Knappstein, Leiterin des Museums Hamburger Bahnhof, sagt: „Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wir sind zuversichtlich, der Immobilienkonzern verzichtet auf den Hallen-Abriss und vermietet sie uns weiter.“

Leider ohne Flicks Leihgaben. Die sind dann längst in Zürich.

Hamburger Bahnhof Berlin, Rieck-Hallen, Invalidenstraße 50–51: „Scratching the Surface“. Werke aus der Friedrich Christian Flick Collection, der Nationalgalerie und andere Leihgaben. Bis 7. November Di./Mi./Do./Fr. 10–18/Sa. + So. 11–18 Uhr. Besuch derzeit mit Negativtest und Zeitfenster. Infos unter: www.smb.museum/tickets