Kurz vor neun Uhr morgens hängt noch rosa Licht in den kargen, grauen Bäumen über der Abteibrücke in Alt-Treptow, darunter das dunkle Wasser der Spree.  Das Gras auf der Insel der Jugend ist von Raureif bedeckt. Die Lufttemperatur beträgt laut meinem Handy 1 Grad. Roland Pretz ist gerade von seinem Rennrad gestiegen und die letzten Meter zu Fuß gelaufen. Später zeigt er mir, dass er Schuhe trägt, die unten dünne Netze statt Sohlen haben.

Pretz, 33 Jahre  alt und gebürtiger Schwabe, leitet im Winter zweimal in der Woche eine Eisbaden-Gruppe. Wir setzen uns auf die Bänke am Ufer, langsam treffen auch die anderen ein. Heute sind es nur Frauen, das ist aber Zufall, meist ist die Gruppe durchmischt. Am Ende  sind wir zu fünft, die Stimmung ist freundlich, aber konzentriert. Denn die Kälte der Spree wartet auf uns.

Und um die Kälte geht es. Ich hatte gehofft, das eisige Geschehen mit meinem Reporterheft  in der Hand und in meinen warmen Wintermantel gehüllt vom Ufer aus zu verfolgen. Dann schrieb mir Pretz, die Voraussetzung für meine Berichterstattung sei, dass auch ich den Schritt in das kalte Wasser wage. „Sonst schreibst du über uns, und es geht nicht um uns. Es geht um die Kälte.“ Eisbaden sei weder Ice-Bucket-Challenge noch Instagram-Stunt.

Erst atmen, dann baden

Pretz und seine Gruppe orientieren sich am Niederländer Wim Hof. Der „Ice Man“, wie er genannt wird, ist für seine extreme Kälteresistenz bekannt. Er ist  schon mal einen Halbmarathon am Polarkreis gelaufen, barfuß, und er hält es fast zwei Stunden in einem Container mit Eiswürfeln aus. Ein Wunder der Natur, könnte man denken. Aber zur Wim-Hof-Methode gehört auch eine bestimmte Atemtechnik, die man übt, bevor man sich der Kälte  aussetzt. Die Anhänger versprechen sich davon ein gestärktes Immunsystem, gesteigert Konzentrationsfähigkeit, mehr Willenskraft und Kältetoleranz.

Als Vorbereitung  soll ich eine Woche lang kalt duschen, jeden Tag ein wenig länger. Am Anfang kostet es mich Überwindung, ich frage mich, warum ich das eigentlich mache, bekomme schon bei dem Gedanken an die Dusche schlechte Laune. Zwischendurch kommt unter dem kalten Wasserstrahl Wut auf. Irgendwann fühle ich mich entspannt und glücklich. Ich bin aufgeregt: Wenn ich die Dusche schaffe, kann ich mich dann  auch in die eiskalte Spree tunken?

Auf der Insel der Jugend fangen wir mit Wim Hofs Atemübungen an, einatmen, dann stoßartig durch den Mund ausatmen. Dann machen wir mit den Händen auf den Bänken halbe Liegestütze, und halten dabei den Atem an. Danach ist mir leicht schwindelig, aber ich fühle mich entspannt.   „Man will ruhig sein und trotzdem bereit“, erklärt Pretz das Ziel der Übung.

Wie eine Falle schnappt die Kälte zu

Wir bewegen uns zum mit Frost bedeckten Steg. Malou, die mit zwanzig Jahren die Jüngste der Gruppe ist, hat eine Isomatte mitgebracht, um sich darauf auszuziehen. Neben dem Steg liegt das Wasser, in der Ferne hört man Motoren von Booten, vor uns schwimmen Enten. Ich habe kalte Füße, dabei habe ich meine Stiefel noch nicht einmal ausgezogen.

Entschlossenheit. Ich ziehe meine Kleider trotzdem aus, stehe im Badeanzug da. Neben dem Steg geht es ohne Stufen ins Wasser. Ich mache einen großen Schritt und stehe bis über die Knie im Wasser. Wie eine Falle schnappt die Kälte zu. Der Mittelpunkt der Hölle in Dantes Inferno ist eisig. Die Kälte verschluckt meine Beine, ich spüre nichts mehr. Das Wasser ist dickflüssig, als würde es gleich gefrieren. Einen Schritt schaffe ich noch, bis zur Hüfte reicht das Wasser jetzt. Roland Pretz steht neben mir. Er wird heute wegen seiner Erkältung nicht ganz hineingehen. Die drei Frauen sind mehrere Schritte ins Wasser gewatet,  so weit, bis es über ihre Schultern schwappt. Sie werden mehr als eine Minute drinbleiben. Dabei sind sie vollkommen still. Mittelfristiges Ziel ist es, irgendwann  zwei bis drei Minuten im Wasser zu bleiben.

Nach 30 Sekunden  halte ich es nicht mehr aus, ich werde wütend und muss raus aus dem Wasser. Aber es fällt mir schwer, mich zu bewegen, weil ich meinen Unterkörper kaum mehr spüre. Malou hilft mir, zurück auf den Steg zu klettern. Danach schaffe ich es mehrere Minuten nicht, meine Sachen wieder anzuziehen. Meine Beine fühlen sich taub an. Während sie sich langsam aufwärmen, schießt ein Schmerz durch sie wie Schnitte von Tausenden kleinen Messern. Am schlimmsten ist es in den Füßen. Es wird fast zwei Stunden dauern, bis mein Körper sich wieder normal anfühlt.

"Meditation mit dem Vorschlaghammer"

Man könnte das Eisbaden und die Wim-Hof-Methode leicht als verrücktes, esoterisches Phänomen abtun. Vielleicht auch als etwas für Menschen, die sich ständig etwas beweisen müssen. Die Ruhe und Konzentration, die die Gruppe an diesem Morgen ausstrahlt, spricht aber ihre eigene Sprache.

Da ist zum Beispiel Tanja, eine schlanke blonde Frau, Ende vierzig. Sie geht seit anderthalb Jahren zum Eisbaden. „Nach so einem Start in den Tag kann dich nichts mehr aus der Bahn werfen“, sagt sie. Im Alltag sei sie nicht besonders geduldig, im kalten Wasser werde ihr Kopf frei.

Das sei erholsam, eine Art „Meditation mit dem Vorschlaghammer“.
Für Roland Pretz geht es um mehr. Er ist Trainer für eine Methode, die er „Total Attention Practice“, kurz TAP nennt. Das Ziel von TAP ist es, durch Bewegung, Atemtechnik und Eisbaden ein lebendigeres Leben zu führen.

Früher, erzählt Pretz, sei er jemand gewesen, der sich erst einige Minuten neben die Dusche gestellt hat, um zu warten, bis das Wasser warm  ist. Heute sagt er: „Die Kälte hat etwas extrem Handfestes. Man kann keine großen Ideen über sich selbst mehr haben, wenn man sich ihr aussetzt.“ Und das in einer Zeit, wo es immer mehr darum gehe, Widerstände im Alltag zu reduzieren: warm soll es sein, aber nicht zu warm; Abkühlung tut gut, nur nicht zu kalt. „Dabei brauchen wir Widerstand im Leben, sonst fallen wir sowohl physisch als auch emotional auseinander.“ Hinzu komme, dass die meisten Widerstände heute in unserem Kopf seien. Körperlichen Widerstand müssten wir uns selbst suchen. Beim Eisbaden zum Beispiel. Pretz sagt: Indem man sich der Kälte aussetze, gezielt und ohne wirklich in Gefahr zu sein, steigere man sein Lebensgefühl enorm.

Der "Ice Man" friert nicht

Und was sagt die Wissenschaft dazu? Anruf bei Benno Brinkhaus, Professor für Naturheilkunde an der Charité. Das Eisbaden, sagt er, zähle nicht zu den typischen naturheilkundlichen Methoden, weil es mit einem relativ hohen Reiz arbeite. Und ist dieser Reiz gesundheitlich unbedenklich? „Menschen mit stark erhöhtem Blutdruck, Gefäßerkrankungen und schweren Erkrankungen wie Krebs sollten diese Methode nicht anwenden“, sagt Brinkhaus. Es sei sinnvoll, vorher einen Arzt zu kontaktieren und einen Gesundheitscheck zu machen. Aber für gesunde Menschen, sagt er, könne Eisbaden durchaus einen  positiven Effekt haben.

Noch gibt es wenig empirische Forschung zur  Wim-Hof-Methode. Vaibhav Diwadkar, Professor für Psychiatrie und Verhaltensneurowissenschaft an der Wayne State University  in Detroit in den USA, hat untersucht, was beim „Ice Man“ im Körper passiert. In einer Studie haben Diwadkar und seine Kollegen Wim Hof in einen Anzug gesteckt, diesen mit kaltem Wasser geschwemmt und beobachtet, was dabei im Gehirn passiert.

Sie stellten fest, dass Wim Hofs Hauttemperatur nach seinen Atemübungen konstant bleibt, wenn er sich der Kälte aussetzt. Ohne Atemtechnik schwankte seine Hauttemperatur um 3 bis 3,5 Grad, genauso viel wie bei den anderen Teilnehmern. Die Daten der Studie deuten erstens darauf hin, dass kontrolliertes Hyperventilieren eine Stressreaktion hervorruft, die natürliche Schmerzmittel im Körper freisetzt. Zweitens aktiviert die Atemtechnik Gehirnregionen, die mit Selbstreflexion und höherer Konzentration assoziiert sind. Und drittens regt die Atemtechnik das sympathische Nervensystem an, was dazu führt, dass der Körper mehr Glukose verbrennt, er bleibt wärmer und ist so geschützter vor der Kälte. So erklären die Forscher Wim Hofs ungewöhnliche Kälteresistenz.

Auf der Insel der Jugend ist der Raureif geschmolzen. Roland Pretz läuft mit seinen offenen Schuhen über das Gras davon. Er trägt sie das ganze Jahr über. Er will die Welt spüren, sagt er.

Was bleibt? Bereits nach einer Woche kaltem Duschen und einmal Eisbaden habe ich eine größere Kältetoleranz bemerkt. Das Ganze war eine Grenzüberschreitung. Ich habe meinen Willen kennengelernt, bin mit ihm in Kontakt getreten. Und obwohl es schmerzvoll war, ist da der Wunsch, es zu wiederholen. Beim nächsten Mal dann bis zu den Schultern.