BerlinMit dieser Kränkung müssen Theaterleiter wohl klarkommen: Wenn Stadttheater jenseits der Metropolen gut funktionieren, wenn sie spielen und besucht werden, wenn sie ihren kulturellen Beitrag zur Stärkung der bürgerlichen Gesellschaft und zur Demokratie leisten, wenn sie in strukturschwachen Gegenden dem zunehmenden Einfluss aus der rechtsradikalen Ecke Paroli bieten und zum Ort der Solidarität werden – wenn die Stadttheater also alles leisten, wofür sie zum Weltkulturerbe erhoben wurden, interessiert sich außerhalb der Region keiner für sie.

Das Theater brennt

Wenn nun aber von einer Kündigungswelle die Rede ist, wenn offene Briefe geschrieben und Petitionen aufgesetzt werden, wenn in wenigen Jahren immer wieder Brände die Theatergebäude in Mitleidenschaft gezogen haben – und all dies in einer Stadt wie Eisenach, in der vier von 39 Sitzen im Stadtrat von NPD-Politikern bestückt sind und weitere vier von der AfD, dann hat man sie auf einmal am Telefon, diese Journalisten aus den Großstädten, die nie auf den Gedanken kämen, hier eine Premiere zu besuchen. Was ist da los?

Für die künstlerischen Mitarbeiter eines Theaters, die in Deutschland mit dem jährlich kündbaren Normalvertrag Bühne angestellt werden, bedeutet ein Intendatenwechsel oft eine Zäsur, sie müssen sich neu bewerben und mit der Familie umziehen, wenn der kommende Intendant sie „aus künstlerischen Gründen“ kündigt, was er darf, weil es die Freiheit der Kunst so will. Mit Nichtverlängerungsbescheiden schafft er freie Stellen für die eigenen Leute, die er kennt und schätzt. Natürlich gibt es auch gute künstlerische Gründe, zunächst das in der Stadt etablierte Ensemble zu prüfen und dann mit neuen Kräften zu ergänzen. Aber das muss ein Neuer nicht. Was also ist das Besondere an der Krise in Eisenach?

In der hübschen thüringischen Stadt Eisenach steht ein Landestheater, das in den Neunzigern noch ein eigenständiger Vierspartenbetrieb war, heute sind Orchester und Kapelle mit Gotha zur Thüringischen Philharmonie fusioniert, das Musiktheater ist abgewickelt, ebenso das Schauspiel; dafür gibt es ein Ballett mit 17 und eine Kinder- und Jugendtheatersparte mit sechs Stellen. Der Spielplan wird mit Produktionen aus Meiningen, Gotha oder Rudolstadt ergänzt. Noch bis vor drei Jahren war der Intendant des Meininger Staatstheaters, Ansgar Haag, 65, auch Intendant des Landestheaters Eisenach, beide Häuser werden von derselben Stiftung getragen. Als Haag das Nebenamt 2018 ablegte, sprang der Eisenacher Ballettdirektor Andris Plucis, 61, als künstlerischer Leiter des Hauses ein, eher aus Pflichtgefühl denn aus Leidenschaft.

Foto: Landestheater Eisenach
Der künstlerische Leiter Andris Plucis.

Als der Leiter des Jungen Schauspiels wegen gesundheitlicher Gründe aus dem Vertrag schied, suchte Plucis zusammen mit Steffen Mensching, 61, dem kooperierenden Rudolstädter Intendanten, eine neue Leitung. Gefunden wurde Christine Hofer, 46, in den Neunzigern zur Schauspielerin ausgebildet, engagiert in Braunschweig, bevor sie in Berlin an der Ernst-Busch-Schule Regie studierte, hier lebte und arbeitete. Sie zog mit ihrem Mann, dem Bühnenbildner Dirk Seesemann, und ihren beiden Kindern nach Thüringen, es war ihre erste leitende Position in einem Theaterbetrieb.

Das Programm ihrer ersten Spielzeit ging noch auf die Planungen ihres Vorgängers zurück, die zweite Spielzeit endete im vergangenen Frühling im Corona-Lockdown, die dritte begann mit einem neuerlichen Theaterbrand, der die Bühne stilllegte, jetzt kommt der zweite Kulturlockdown dazu. Was sich wie ein albtraumhafter Start anhört, geht nun in ein abruptes Ende über. Christine Hofers Vertrag wird mit dem Ende der Spielzeit auslaufen. Sie nimmt das tapfer zur Kenntnis, sagt aber auch: „Es ist tragisch, es ist hier etwas angeschoben worden, und das wird jetzt vorzeitig einkassiert. Eigentlich waren die drei Jahre umsonst.“

Spanferkel in der „deutschen Schutzzone“

Steffen Mensching hatte, wie sich Hofer erinnert, im Bewerbungsgespräch von einem langen Atem gesprochen, den es brauche, um in Eisenach ein Jugendtheater zu etablieren, in einer Stadt, in der viele Jugendliche das Freizeitangebot des von dem NPD-Stadtrat Patrick Wieschke geführten Volkshauses Flieder nutzen: Familienfeste mit Tanz, Spanferkel und frischen Getränken oder Vorträge über Rudolf Hess in einer selbst ausgewiesenen „deutschen Schutzzone“. „So einen Job“, sagt Mensching auch heute am Telefon, „kann man nicht machen, wenn man mit einem Bein noch in Berlin steht. Klar muss man dann umziehen.“ Und er sagt auch: „Da musste ich Christine Hofer nicht lange überreden, sie war selbst dieser Ansicht. Dass es dann so schnell wieder endet, gehört zum Risiko.“ Sie warf sich engagiert und furchtlos in ihre Aufgabe, stieß in ihrem Kampf gegen Rechts aber nicht zuletzt auch immer wieder mit Plucis zusammen, der zwar selbst Mitglied der Linken ist, aber schon sehr viel länger in Eisenach lebt.

Foto: Landestheater Eisenach
Die Leiterin des Jungen Schauspiels Christine Hofer.

Plucis sitzt für die Partei sogar im Stadtrat und beschreibt die politische Arbeit am Telefon als produktiv, in Abgrenzung zu den undemokratischen Parteien, versteht sich. „Man muss wach bleiben, was die Rechten und jetzt auch die Querdenker angeht“, sagt Plucis. „Aber wir müssen auch immer wieder das Positive in der Gesellschaft, das, was eine Stadt zusammenhält, betonen. Wir müssen die Leute, die sich für etwas Gutes engagieren, bestärken, anstatt uns immer wieder nur mit den bösen Nazis zu beschäftigen.“ Christine Hofer indessen möchte die Stadtgesellschaft lieber aufmischen und mit ihren Problemen konfrontieren. „Dabei geht es gar nicht darum, dass ich die Stadt in ein schlechtes Licht rücken will“, so Hofer. „In Eisenach bin ich viel mehr Tapferkeit im Kampf gegen Rechts begegnet als in der liberalen Berliner Blase.“

Beide bemühen vernünftige Argumente und haben es offensichtlich nicht geschafft, die Nebenwidersprüche zu überwinden und an einem Strang zu ziehen. Auch wenn sie am Telefon vorsichtig übereinander reden, scheint das Verhältnis zerrüttet zu sein. Plucis spricht Hofer vor der Presse unnötig deutlich die künstlerische Eignung für ihren Posten ab. Hofer lässt durchblicken, dass Plucis Probleme und Kritik aus Imagegründen lieber vom Tisch wische.

Während dieser Konflikt vor sich hin schwelte, fielen auf Landesebene kulturpolitische Entscheidungen. Weil Ansgar Haag im Sommer 2021 in den Ruhestand geht, hat man einen neuen Intendanten für Meiningen gesucht und gefunden: den in Ilmenau gebürtigen, derzeit noch in Regensburg tätigen Theaterleiter Jens Neundorff von Enzberg, 54. Im Juni wurde bekannt, dass er bereit ist, auch das Theater Eisenach mit zu übernehmen. Er will das eigene Profil des Hauses, das von den Kooperationen zerpflückt ist, stärken und redet sich am Telefon in Schwung: „Die Busse fahren in Scharen auf die Wartburg, und die Leute suchen den legendären Fleck an der Wand, der von Luthers Wurf mit dem Tintenfass nach dem Teufel stammen soll, und dann fahren sie weiter. Die fahren weiter, obwohl Eisenach eine der schönstens thüringischen Städte ist! Es ist extrem, was da an Architektur und Geschichte herumsteht. Hier wurde Bach geboren!“

Zerstören und gestalten

Aber was ist mit der Gegenwart? Es gab eine Vollversammlung, bei der sich Neundorff von Enzberg der Eisenacher Belegschaft vorstellte und bekundete, an der Ballettsparte nicht rütteln zu wollen. Fast noch wichtiger scheint ihm heute am Telefon das Junge Schauspiel zu sein, umso entschiedener der Gestaltungswille. Und wenn der ins Spiel kommt, wird es brenzlich für die Beschäftigten.

Zu ersten Kontakten kam es mit den Betreffenden erst im Oktober, bei den Nichtverlängerungsgesprächen. Neundorff von Enzberg teilte Christine Hofer mit, dass es für sie nach dieser Saison in Eisenach nicht weitergehen würde. Auch das gesamte Ensemble sowie die Dramaturgin des Jungen Schauspiels, eine Pressereferentin und eine aus der Elternzeit zurückkehrende Maskenbildnerin werden nicht verlängert.

Wie gesagt, solche Komplettauswechslungen sind nicht unüblich, werden allerdings, unter anderem mit dem Erstarken der Ensemble-Netzwerks als Interessenvertretung der Schauspieler, zunehmend infrage gestellt. Auch in Eisenach rührt sich Widerstand. Das mit dem Jungen Schauspiel zusammenarbeitende Theater am Markt, eine freie Gründung von abgewickelten Theaterpädagogen aus dem Landestheater, schreibt einen offenen Brief, der großen Widerhall in der Stadt, in der Presse und jetzt sogar in der Stadtpolitik findet, die vielsagende Überschrift: „So etwas tut man nicht“.

Neundorff von Enzberg ist ziemlich aufgebracht am Telefon. Er konnte sich, schwer Covid-19-krank, wochenlang nicht zu Wort melden und sieht sich völlig falsch dargestellt. „Ich bin zu einer Zeit zum Intendanten berufen worden, als ich mir keinen von den Spielern auf der Bühne ansehen konnte. Leider kam die Corona-Pandemie hinzu, die wir uns alle nicht ausgesucht haben. Und dann folgten auch noch zwei Brände, nach denen die Bühne schließen musste. Der Normalvertrag Bühne gibt Fristen vor, bis zu denen man die Nichtverlängerungen ausgesprochen haben muss. Ich kann doch die künstlerisch Beschäftigten nicht blind für eine weitere Spielzeit unter Vertrag nehmen.“

Genau diese Kulanz aber fordert der offene Brief, denn auch das Ensemble hat ja Corona nicht erfunden. Die Pandemie und die Feuer, die laut letzten kriminalistischen Ermittlungen von einem Brandstifter mit theaterinternen Betriebsinformationen herrühren, haben den Spielern die Möglichkeit geraubt, sich auch anderen möglichen Intendanten zu zeigen. Die Theaterbetriebe sind überall in Corona-Starre, Entscheidungen und Projekte werden vertagt, die Spielpläne sind auf lange Zeit dicht. Jetzt eine neue Stelle zu finden, vielleicht sogar die Karriereleiter eine Sprosse höher zu steigen, ist ein hoffnungsloses Unterfangen.

Foto: Uwe Moosburger
Intendant in Regensburg und ab nächster Spielzeit in Meiningen und Eisenach: Jens Neundorff von Enzberg.

Dessen war sich auch Neundorff von Enzberg bewusst: „Ich habe jedem Spieler bei diesen Gesprächen im Beisein eines Personalrats und eines Protokollanten gesagt, sie könnten davon ausgehen, dass sie eine Möglichkeit kriegen, sich mit dem, was sie können, zu präsentieren. Dann bin ich auch in der Lage, diese Nichtverlängerungsmitteilung, die ich erst einmal tätigen muss, in neue Verträge umzuwandeln. Das habe ich mit allen konsensual und bilateral so abgestimmt.“ Offenbar haben die Gesprächspartner das eher als Floskel verstanden, da nun aber der politische Druck steigt und auch Stadträte, unter anderem Andris Plucis, die Stimme erheben und Kulanz fordern, dürfen sie wieder hoffen.

Was ist das gemeinsame Ziel?

Christine Hofer aber muss sich auf jeden Fall nach einer neuen Arbeit umsehen. Für ihre Stelle hat Neundorff von Enzberg schon eine Nachfolgerin vorgesehen. Gefragt, ob sie noch Lust habe, an kleineren Theatern jenseits der Metropolen zu arbeiten, sagt sie: „Ja, immer. Provinz schreckt mich nicht ab. Es sind die Geschichten von Einzelnen, die mir zeigen, was man ausrichten kann. Wenn nur ein junger Mensch gewonnen ist, ist viel gewonnen. Das klingt nach einer Sonntagspredigt, aber ich habe mindestens einen sehr konkreten Jugendlichen vor Augen, der bei uns seine Begeisterung für das Theater entdeckt hat und sich von den Kreisen distanziert, über die ich lieber nicht spreche, weil dieser Jugendliche dann vielleicht Schwierigkeiten bekommt.“

Viel Kraft, Energie und Aufmerksamkeit geht für das Gerangel der Interessen drauf, sodass das Wesentliche in dieser Geschichte, das gemeinsame Ziel aller Mühen und Kämpfe, aus dem Blick gerät. Vielleicht ist das Beispiel dieses Jugendlichen das Besondere von Eisenach.