Die Tribünen sind voll, es herrscht eine aufgeregte Stimmung in der Halle. Jetzt geben die Preisrichter ihre Bewertungen bekannt. Marina Kielmann gewinnt! Erstmals wird die Dortmunderin deutsche Meisterin im Eiskunstlauf!“ Wer im Weddinger Eisstadion steht und die Augen schließt, kann diesen Moment leicht in Gedanken herbeizaubern. 1991 war es, als Kielmann hier, im Erika-Heß-Stadion, erstmals die deutsche Meisterschaft gewann. Die Halle hat sich seitdem nicht verändert – und Marina Kielmann ist auch noch da.

Heute allerdings nicht im kurzen Röckchen, sondern in der orangefarbenen Jacke der Eislaufschule, bei der sie gelegentlich als Trainerin arbeitet und bei der ich ein Probetraining machen will. Kielmann führt einen Schüler übers Eis und lächelt ihm aufmunternd zu. Ich werde sie später sprechen. Mein Trainer ist Dirk Beyer, der Leiter der Schule. Er unterrichtet seit vier Jahrzehnten und hat die Ruhe weg, und das sollte auch beim Eislaufen die Grundhaltung sein.

Kerzengerade vorbeiwehen

Nachdem ich meine Füße mit Gewalt in schwarze Schlittschuhe gezwängt habe, stehe ich halbwegs wackelig auf dem Eis und möchte gleich losdüsen. Nichts da. „Vorsicht bei der Haltung“, ist Beyers erster Rat. Ich soll mir vor Augen führen, wie ich übers Eis fahren will. Ich sehe mich kerzengrade vorbeiwehen à la Aljona Savchenko. Die Kür, die sie dieses Jahr mit Bruno Massot bei den Olympischen Winterspielen in Südkorea fuhr, hat wieder gezeigt, wie faszinierend dieser Sport ist.

Aber zurück zu meinen Knien. Ich soll sie beugen, sagt Beyer, und es stimmt ja: Beim Eishockey und beim Eisschnelllauf bewegen sich die Läufer stets geduckt. „Gerade zu stehen, ist eine Pose beim Eiskunstlauf“, klärt Beyer mich auf. Also runter. Dann soll ich die Arme nach vorne strecken, als säße ich auf einem Fahrrad. Ich folge den Anleitungen und hebe gerade an mich abzustoßen, als Beyer „Stopp, stopp, stopp!“ ruft. So nicht.

Hart wie Holzpantinen

Die Bewegung geht – anders als man denkt. Nicht nach vorne, sondern von links nach rechts. Ich muss das Gewicht verlagern, so nehme ich Schwung. Beyer greift mit seiner rechten Hand meine rechte und mit der linken meine linke. Auf diese Weise miteinander verzahnt, verlagern wir gemeinsam das Gewicht von der einen zur anderen Seite und fahren los.

Die Schlittschuhe sind hart wie Holzpantinen, aber sie bieten festen Halt. „Jetzt ausgleiten lassen“, sagt Beyer, wir halten an. „Was passiert, wenn ich die Fußspitzen nach innen drehe?“, fragt er. Ich probiere herum und stelle fest: Es geht rückwärts. „Der Schlittschuh reagiert intensiv“, sagt Beyer. Jede Veränderung der Haltung wirkt sich sofort aus. Verlagere ich meinen Schwerpunkt zu weit nach vorn oder nach hinten, ist der Sturz nicht fern.

„Fahren Sie nur so schnell, wie Sie auch bremsen können“

Und immer wieder mahnt Beyer: „Nicht stoßen! Die Bewegung kommt aus den Knien – es ist eher ein Schunkeln, ein Schweben.“ Je länger er mir sein Mantra vorspricht, desto besser reagieren meine Beine darauf. Der Trainer lässt sogar meine Hände los, um mir zu zeigen, dass ich es allein schaffe, übers Eis zu gleiten.

Am liebsten würde ich jetzt richtig Gas geben, aber Beyer bremst. „Schön festhalten“, sagt er. Ich soll wieder die Hände auf den imaginären Fahrradlenker legen. Es ist etwas merkwürdig, sich an der Luft festzuhalten, aber es geht. Der Stand wird fester. „Fahren Sie nur so schnell, wie Sie auch bremsen können“, lautet eine Regel. Also richtig langsam.

Wir ziehen gleichmäßig einige Runden, und mehr passiert in der ersten Stunde nicht. Beyer entlässt mich mit minimalem Lob: Meine Eislauffähigkeiten seien entwicklungsfähig. Ich verstehe. Die Biellmann-Pirouette muss warten. Ich habe ja nicht einmal das Bremsen gelernt. Ich weiß aber von früheren Versuchen, dass es schwerer ist, als man denkt. Dafür muss man die Schlittschuhe weitgehend beherrschen.

Was ich auch feststelle: Eislaufen ist kein Fahrradfahren. Man verlernt es, sobald man die Halle verlässt. Marina Kielmann schmunzelt, als ich mich beklage. „Das Gefühl geht verloren“, sagt sie. Das berühmte Schunkeln in den Knien muss wiederholt werden, bevor es in Fleisch und Blut übergeht. „Für mich ist es, als würde ich in einer Wiege leicht hin und her geschaukelt“, so beschreibt es eine Läuferin in der Halle. Das ziehe sie so an dem Sport an.

Vielleicht liegt es an diesem Ur-Gefühl, dass so viele Erwachsene wieder den Weg aufs Eis suchen. Am Morgen gleiten rund ein Dutzend mit glücklichen Gesichtern zu leichter Popmusik durch die Halle. Kielmann erklärt, dass es ein Sport ist, der die Gelenke schont und den Körper kräftigt. Als sie eine Fahrerin in raschem Tempo an uns vorbeifahren sieht, fügt sie hinzu, dass es auch ein Ausdauersport sei.

Ausnahme und Highlight

Kielmann war in den Jahren aktiv, als Katarina Witt weltweit keine Goldmedaille ausließ. Die 50-Jährige erreichte nie die Prominenz von Witt. Doch auch ihre Leistung ist beachtlich: mehrere deutsche Meisterschaften, Silber- und Bronzemedaillen auf Europaebene. Heute hat sie die höchste Trainerlizenz. Sie an diesem besonderen Ort ihrer Karriere zu treffen, ist für sie und für ihre Schüler eine Ausnahme und ein Highlight. Es gibt schließlich nicht viele so tolle Läuferinnen. Auf die Frage, ob sie manchmal richtig loslege, wenn die Schüler nach Hause gegangen sind, lacht Kielmann.

„Ich warte nicht, bis sie weg sind“, sagt sie. Wenn sie Lust habe, fahre sie gleich los. Am schönsten sei es aber, wenn sie die Halle ganz für sich habe und niemand zugucke. „Heute Morgen kam ich aufs Eis und habe mich sofort daran erinnert, wie es war, als ich hier zum ersten Mal deutsche Meisterin wurde“, sagt sie. In ihren Augen ist ein Leuchten. Heute sind die Tribünen leer, aber damals haben ihr Tausende zugejubelt. Dreht sie allein ihre Pirouetten, ist das alles wieder ganz nah.