Berlin - Was für ein Theater. Vor der Deutschen Oper skandieren Ballett-Mütter gemeinsam mit ihren Kindern „Sasha weg! Malakhov back!“

Drinnen begrüßt der Choreograf und Intendant Nacho Duato, bevor sich der Vorhang zu seiner Version von Tschaikowskys „Nussknacker“ hebt, das Publikum und den Regierenden Bürgermeister und Kultursenator Michael Müller. Worauf sich eine Welle wilder Buhrufe gegen den im Ersten Rang sitzenden Müller erhebt.

Eine der Ballett-Mütter, mit Malakhovs Konterfei auf ihrem T-Shirt, beginnt hysterisch zu schreien und reißt andere mit sich. Der Protest gegen die Berufung von Sasha Waltz und Johannes Öhmann als neue Doppelspitze für das Jahr 2019 hatte schon vorher unschöne, bornierte Züge. Aber was sich an diesem Abend in der Deutschen Oper abspielt, ist schlicht unwürdig.

Duato ist zuvor noch nie vor einer Premiere vor das Publikum getreten, und der Auftritt hatte nur den einen Zweck: lautstarken Protest gegen Müller hervorzurufen.

Graue Eminenz

Dass der spanische Choreograf selbst auf diese Idee gekommen ist, darf stark bezweifelt werden. Als graue Eminenz im Hintergrund agiert die Stellvertretende Intendantin Christiane Theobald. Die Intendanten kommen und gehen, sie bleibt. Seit Jahrzehnten. Das dürfte sich 2019 ändern.

Theobald würde man durchaus zutrauen, die hysterisierten Tänzer zu beruhigen und den Dialog mit Sasha Waltz einzuleiten. Stattdessen wird ein in seinem Duktus Pegida-artiger Kulturkampf betrieben, bei dem das Staatsballett, wenn es so weitergeht, ernsthaften, langfristigen Schaden nimmt.

Dabei ist der auf die Unmutsbekundungen folgende „Nussknacker“ gar nicht so schlecht geraten. Duato hat den Ballettklassiker entschlackt und in eine poppige Show verwandelt. Behutsam. So, dass er das Ballettpublikum nicht verprellt. Aber so, dass die Geschichte um das Mädchen Clara, das in der Weihnachtsnacht mit zum Leben erwachten Figuren einige Abenteuer zu bestehen hat, deutlich Fahrt aufnimmt.

Vor allem im ersten Akt klappt das ganz gut. Recht naturalistisch ist der Beginn. Duato hat die Szenerie in das frühe 20. Jahrhundert verlegt. Erlesen sind die Kostüme der Weihnachtsgäste. Drosselmeyer, gegeben von Rishat Yulbarisov, ist anders als in E.T.A. Hoffmanns Märchen keine ambivalent-unheimliche Figur, sondern eher ein Jonny-Depp-Verschnitt.

Immer an Claras Seite im Konflikt gegen Bruder Fritz und von ihr ein wenig angehimmelt. All die Großartigkeiten und Streitereien des Fests, bei dem als besondere Attraktion mechanische Puppen auftreten, werden in der Nacht in Claras Traum wie in einer Spiegelwelt lebendig.

Der böse Mäusekönig, sonst die Verkörperung der unheimlichen Seite des Paten Drosselmeyer, ist bei Duato eine freakige Figur, etwas lazy, etwas crazy. Dass die Mäuse dem Mädchen Clara ihren Nussknacker wegnehmen wollen, erscheint mehr als Spiel denn als Ernst.

Auch die daraufhin zum Leben erwachte Soldatenarmee hat also eher schön zu marschieren als hart zu kämpfen. Im Hintergrund wächst der Weihnachtsbaum in den Himmel, Claras Nussknacker wird größer und steht schließlich als super schöner Prinz vor ihr. Ein kleines Duett, und schon liegen die beiden sich in den Armen.

Das Triumphale fehlt

Iana Salenko und Marian Walter, auch im wirklichen Leben verheiratet, machen das natürlich ganz hervorragend. Aber es zeigen sich schon hier die Schwächen, an denen dann der zweite Akt doch deutlich leidet. Duato vermischt klassischen mit modernem Tanz.

Aber das Triumphale der Virtuosität, das die klassisch-romantische Erzählweise bestimmt, fehlt bei ihm, und nichts anderes füllt die Leerstelle.„Der Nussknacker“: Das hatte in leuchtender Varieté-Sternchenschrift schon zu Beginn auf dem Vorhang gestanden.

Der zweite Teil ist dann eben genau das – eine knallige Revue. Auf die mühsame Konstruktion des Librettos, nach dem Clara und ihr Nussknacker-Prinz durch das Land der Schneeflocken, der Süßigkeiten und anderer Großartigkeiten reisen, hat Duato einfach verzichtet. Durchaus zu recht.

Nur sind die einzelnen Nummern selbst, mit Ausnahme des arabischen Tanzes mit einer tollen Julia Golitsina, zwar durchaus nett, aber nicht wirklich sensationell. Vor allem bei den von Duato zu Sternen verwandelten Schneeflocken hätte es dringend ein paar Wunder mehr gebraucht. Am Ende kommen Iana Salenko und der sprunggewaltige Marian Walter dann aber doch noch zu ihrem großen, virtuosen Duett. Anders darf ein „Nussknacker“ auch einfach nicht zu Ende gehen.

Schlechte Spielplanpolitik

Hätte Duatos Fassung den grausam biederen „Nussknacker“ von Patrice Bart abgelöst, der von 1999 an vierzehn Jahre auf dem Programm stand, man wäre durchaus zufrieden gewesen.

Aber dass er dafür eine gerade mal zwei Jahre alte, sehr teure und bei vielen Längen doch beeindruckende Fassung aus dem Programm geworfen hat, ist nicht zu rechtfertigen. Überhaupt hat sich Duato mit seiner Spielplanpolitik selbst ein Bein gestellt.

Würde er nur nicht so viele seiner eigenen Stücke ins Programm heben, er könnte durchaus ein ziemlich guter Intendant für das Staatsballett sein.