Man stelle sich vor, ein schreckliches Kind unserer Kunstwelt steigt in eine Zeitmaschine, um in eine Epoche zurückzureisen, in der die Menschen noch leichter zu schockieren sind. Im Gefühl des sicheren Triumphs springt es 1580 finsteren Blicks in einen römischen Palast, schwängert die Luft mit glühendem Pathos und schlägt den Exzellenzen vor, Michelangelos Meisterwerk „Das Jüngste Gericht“ in einer seinem biblischen Gegenstand angemesseneren Weise zu übermalen. Atemlos vergnügt erwartet der Zeitreisende einen Sturm der Entrüstung – und erntet Schulterzucken. Alles schon mal dagewesen, guter Mann, hier gibt´s nichts mehr zu holen. Wussten Sie nicht: El Greco war in der Stadt.

Unter allen Künstlern, die ihrer Zeit voraus waren, eilte der 1541 auf Kreta geborene und überall nur als El Greco, der Grieche, bekannte Dominikos Theotokópoulos der seinen am hurtigsten davon. Anfang des 20. Jahrhunderts schien man endlich in der Lage, seine fahlen Fieberträume und verzerrten Figuren wirklich zu verstehen – weshalb ihn die Moderne begeistert als einen der ihren reklamierte.

Dabei ist das Erstaunlichste an El Grecos Karriere nicht, dass er 300 Jahre nach seinem Tod eine triumphale Rückkehr auf die Bühne der Kunstwelt erlebte, sondern, dass er zu Lebzeiten ein erfolgreicher und geachteter Maler war, der sich nach Studienjahren in Venedig und Rom in der spanischen Provinzstadt Toledo niederließ und die Kauflust seiner zahlreichen Kunden nur mit Hilfe einer stattlichen Gehilfenschar befriedigen konnte. Erst spätere Generationen hielten sein irrlichterndes Pathos für Stümperei und hätten sein Werk am liebsten aus der Kunstgeschichte aussortiert.

Im Museum Kunstpalast in Düsseldorf wird nun die alte Liebe zwischen El Greco und der Moderne aufgefrischt. Kunstpalast-Direktor Beat Wismer ist es gelungen, 41 Gemälde des weltlichen Mystikers auszuleihen. Darunter zwei Gemeinschaftsarbeiten mit seinem unehelichen Sohn Jorge Manuel sowie acht nicht genau zuzuordnende Gemälde aus seiner Werkstatt, die er 110 Werken der frühen Moderne gegenüber stellt. Trotz andächtiger Beleuchtung ist es ein Wiedersehensfest: Pablo Picasso teilt seine Bewunderung für El Grecos „wunderbare Häupter“ schon im Titel von „Porträt eines Unbekannten im Stil von El Greco“ (1899) mit, und im zentralen Raum der Ausstellung steigt ein anmutiger Jüngling von Wilhelm Lehmbruck zu El Grecos allem Materiellen entsagenden Vorbildern empor.

Wie ein Erlöser begrüßt

Gerade in Deutschland wurde El Greco wie ein Erlöser begrüßt. Seine düstere Weltsicht, seine nervöse Pinselführung und seine selbst für heutige Augen gewagten Farbkombinationen trafen das Lebensgefühl der Expressionisten. „Dieses Zittern suchen wir“, schrieb der Schriftsteller Julius Meier-Graefe 1910 in seiner „Spanischen Reise“ und prägte den inbrünstigen Ton der deutschen El- Greco-Rezeption. Schon zwei Jahre später, bei der Sonderbundausstellung in Köln, war seine Ansicht ein Gemeinplatz.

In Düsseldorf wird diese kunsthistorisch gut dokumentierte Liaison einer nachträglichen Beweisführung unterzogen. Man sieht Gemälde von Max Beckmann bis Gert Wollheim, Galerien des Blauen Reiter und des Rheinischen Expressionismus, und bekommt den Einfluss El Grecos im Idealfall spiegelbildlich vorgeführt. Allerdings stellt sich im Laufe der Indiziensuche ein seltsamer Effekt ein: Gelingt der Nachweis zu gut, wirken die Arbeiten epigonal. Bleibt die Verwandtschaft im Ungefähren, könnte die Auswahl auch willkürlich entstanden sein.

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