Warum eine israelische Waffenfirma Holocaust-Verfälschung finanziert

Das israelische Unternehmen Elbit Systems unterstützt eine Publikation, die den Holocaust verzerrt und Täter zu Rettern stilisiert. Eine fatale Entwicklung.

Rodrigo Duterte, Präsident der Philippinen, entzündet die ewige Flamme im Rahmen einer Gedenkfeier an der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Duterte besucht als erster Präsident der Philippinen Israel.
Rodrigo Duterte, Präsident der Philippinen, entzündet die ewige Flamme im Rahmen einer Gedenkfeier an der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Duterte besucht als erster Präsident der Philippinen Israel.AP/Oded Balilty

Es ist eine der groteskesten Verfälschungen der Geschichte des Holocaust: wenn diejenigen, die im internationalen Waffenhandel involviert sind, ihn benutzen, um Krieg und Massengewalt zu legitimieren. Das vielleicht ungeheuerlichste Beispiel hierfür war der Besuch des philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte im weltberühmten israelischen Holocaust-Museum Yad Vashem im September 2018. Im Jahr 2016 erklärte Duterte seine Absicht, eine Massenmordkampagne gegen angebliche Drogendealer und Drogenabhängige in seinem Land durchzuführen, wobei er sich selbst mit Adolf Hitler verglich.

Bis 2018 hatte der philippinische Staat tatsächlich über 10.000 Menschen ermordet – die überwiegende Mehrheit von ihnen war erwiesen unschuldig. Waffen hierfür hatte Duette in Israel gekauft. Wie alle anderen Staatsoberhäupter bei offiziellen Israel-Besuchen musste Duterte bei dieser Gelegenheit auch Yad Vashem einen Besuch abstatten. Die abgründige Absurdität des Besuchs eines Massenmörders, der Adolf Hitler bewundert, in Yad Vashem – auf einer Waffeneinkaufstour in Israel – war kaum zu übersehen.

Geschichtsklitterung mit Unterstützung israelischer Waffenfirma

Das jüngste Beispiel für die Instrumentalisierung des Holocaust für den israelischen Waffenhandel ist ein Buch, das letztes Jahr mit finanzieller Unterstützung von Elbit Systems – dem größten Rüstungsunternehmen Israels – veröffentlicht wurde. Das Buch, das sogar mit dem Logo von Elbit Systems verziert und auf Englisch und Bulgarisch veröffentlicht wurde, lautet: „The Bulgarian Army and the Rescue of Bulgaria's Jews, 1941–1944“. Es stammt von Dimitar Nedialkov, einem Professor an der bulgarischen Militärakademie und pensionierten Oberstleutnant der bulgarischen Luftwaffe.

Das Buch beginnt mit dem bulgarischen Staatsnarrativ über die angebliche Rettung von Jüd:innen während des Zweiten Weltkriegs. Jenes Narrativ entstand unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, wobei die bulgarisch-orthodoxe Kirche, der bulgarische König Boris III. sowie eine Reihe Politiker die zentralen Protagonisten gewesen sein sollen. Nedialkov fügt dem in seiner Veröffentlichung nun noch ein weiteres Element hinzu. Er vertritt die Ansicht, in Wirklichkeit habe bei diesem Rettungsplan die bulgarische Armee die zentrale Rolle gespielt – nämlich, indem sie die Jüd:innen in Arbeitsbataillone zwang, damit der Staat sie nicht in die Todeslager der Nazis deportieren musste.

Demgegenüber stehen neuere Forschungen über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust in Bulgarien, welche das staatliche Rettungsnarrativ grundlegend infrage stellen: Dabei deutlich wird, dass der bulgarische Staat damals sehr wohl die Abschiebung der Jüd:innen aus Bulgarien anstrebte. Mehr noch, die bulgarischen Staatsorgane planten und leiteten sogar die Verhaftung, Plünderung und Massendeportation von rund 12.000 Jüd:innen aus den bulgarisch besetzten Gebieten Westthrakien, Ostmazedonien und Pirot (Südostserbien) in die NS-Todeslager im März 1943 – und dies mit großem Enthusiasmus und rigider Brutalität.

NS-Geschichte und das bulgarische Staatsnarrativ

Die Mehrheit von ihnen wurde ermordet. Die Praxis, jüdische Männer zum Eintritt in die Arbeitsbataillone der Armee zu zwingen, begann lange vor der sogenannten Endlösung. Sie war Teil eines Plans, der darauf abzielte, Juden wirtschaftlich zu ruinieren, sozial zu marginalisieren und ihnen keine Zukunft im Land zu lassen.

Anders als Nedialkov es darstellt, war es tatsächlich vor allem dem zivilen Protest von Jüd:innen sowie Nichtjüd:innen zu verdanken, dass Jüd:innen im Kerngebiet Bulgariens schließlich nicht in die Todeslager der Nazis deportiert wurden – wie es die bulgarische Regierung ursprünglich geplant hatte. In der Tat hatte der Staat in all seinen Gebieten, also sowohl im Kernland als auch in den besetzten Gebieten, eine harte antisemitische Politik verfolgt. Dazu gehörten auch Gesetze im Stil der Nürnberger Gesetze der Nazis. Und ab August 1942 auch die Verpflichtung für Jüd:innen, sich in der Öffentlichkeit mit einem gelben Abzeichen an der Kleidung zu kennzeichnen.

Es war keineswegs verwunderlich, dass etwa 40.000 der 48.000 Jüd:innen, die während des Zweiten Weltkriegs in Bulgarien überlebt hatten, das Land bis Anfang der 1950er-Jahre verließen – meist ins britische Mandatsgebiet Palästina, das nach Mai 1948 zu Israel wurde. Kurz: Sowohl die bulgarische staatliche Darstellung der Rettung der Juden während des Zweiten Weltkriegs als auch Nedialkovs Buch sind eindeutige Formen der Geschichtsklitterung – einer Verzerrung der Geschichte des Holocaust in Europa.

Genozid wird verschwiegen, Wahrheit verzerrt

Neuere Forschungen zeigten außerdem, dass der bulgarische Staat im Zweiten Weltkrieg Jüd:innen verfolgte und deportierte, um ein ethno-nationales „Groß-Bulgarien“ zu schaffen, das unter anderem auch Griech:innen, Muslim:innen und Roma ausgrenzte und sie massiver Gewalt aussetzte. Die Behandlung ethnischer und religiöser Minderheiten durch den bulgarischen Staat war sogar so gewalttätig, dass Raphael Lemkin – der den Begriff „Genozid“ prägte und maßgeblich an der Ausarbeitung der UN-Genozidkonvention beteiligt war – den Angriff des bulgarischen Staates auf die Griechen in seinem einflussreichen Buch „Axis Rule in Occupied Europe“ als „echten Genozid“ bezeichnete.

Bulgariens Staatsnarrativ von der Rettung der Jüd:innen ist eine Verzerrung des Holocaust im Rahmen einer umfassenderen Verzerrung, die die staatliche Gewalt Bulgariens während des Zweiten Weltkriegs überhaupt verwischt. Nedialkovs Buch enthält dagegen keinerlei Beweise für die Behauptung, dass die bulgarische Armee sich die Rettung von Jüd:innen zum Ziel gesetzt habe. Es blendet die Beteiligung der bulgarischen Armee an Gräueltaten wie dem Massaker an rund 5000 Griech:innen in und um die Stadt Drama im besetzten Westthrakien im September 1941 schlicht aus.

In einem kürzlich erschienenen Artikel in Haaretz, Israels einziger linksliberaler Zeitung, haben der ehemalige Chefarchivar Israels Moshe Mossek und Shlomo Shealtiel, ein Wissenschaftler, der das Leben der bulgarischen Juden erforscht, die Verfälschung von Nedialkovs Buch scharf angeprangert und sich gefragt, wie „ein angesehenes israelisches Unternehmen wie Elbit Systems eigentlich dazu kam“, die Veröffentlichung zu finanzieren. Dr. Jacky Vidal, Vorsitzender des Bulgarian Jewry Heritage House in Jaffa, Israel, reagierte wütend: Es sei „unfassbar und verletzend, dass [...] Elbit Systems dabei geholfen hat, ein Buch zu veröffentlichen, das dieses halluzinatorische Narrativ fördert“. Das Unternehmen veröffentlichte später – in der Haaretz-Printausgabe – eine kurze, nur auf Hebräisch verfasste Erklärung, in der es sich entschuldigte, „falls jemand beleidigt wurde“.

Israels Waffenunternehmen fördert Geschichtsverfälschung

Warum hat Elbit Systems Nedialkovs Geschichtsverfälschung unterstützt? Und warum hat das Unternehmen kaum weiter reagiert, als es entlarvt wurde? Wie einst während des Zweiten Weltkriegs ist Bulgarien heute eines der Roma- und Islam-feindlichsten Länder Europas. Bulgarien ist ein Staat, in dem der stellvertretende Ministerpräsident Krasimir Karakachanov 2019 offen über „ein komplettes Programm zur Lösung des Zigeunerproblems“ sprechen konnte, unter Verwendung von Nazi-Sprache.

Und dies, obwohl Bulgarien ein Land ist, in dem, wie es in einem aktuellen Bericht von Human Rights Watch heißt, „bulgarische Behörden afghanische und andere Asylbewerber und Migranten schlagen, berauben, entkleiden und mit Polizeihunden angreifen, um sie dann ohne formale Befragung oder Asylverfahren in die Türkei abzuschieben.“

Wahrscheinlich ist dies der Punkt, an dem Elbit Systems in Bulgarien in die Geschichte eingreift. Das Unternehmen hat sich in den letzten 20 Jahren einen beträchtlichen Ruf für Überwachungsgeräte und Waffen erworben, die an und um Grenzmauern und Zäune herum gegen Geflüchtete eingesetzt werden. So hat Elbit Systems etwa bewaffnete, halb autonome Roboter an der Trennmauer in Israel/Palästina installiert, was laut einem Gutachten des Internationalen Gerichtshofs illegal ist. Das Unternehmen hat zudem Dutzende von Überwachungstürmen in Arizona an der Grenze zwischen den USA und Mexiko errichtet, die eine schwere Verletzung der Rechte der Tohono O'odham Nation in diesem Gebiet darstellen und gleichzeitig die Grenzgewalt des US-Staates vergrößern.

Elbit Systems ist auch in Deutschland tätig

Auch in Deutschland hat Elbit Systems kürzlich eine Niederlassung eröffnet, wo es unter anderem elektronische Kriegsausrüstung, Munition und Drohnen verkauft. Elbit Systems hatte bereits zuvor Verträge mit Deutschland abgeschlossen, vor allem für militärisch einsetzbare Nachtsichtgeräte für die Bundespolizei sowie für elektronische Kampfführung für CH-53-Hubschrauber der Bundeswehr.

Der Krieg in der Ukraine veranlasste Elbit Systems dazu, seine Marketingbemühungen in Deutschland zu verdoppeln. Sein Büro in Ulm nutzt das Unternehmen, um der Bundeswehr vorzuschlagen, die gleichen Waffen zu kaufen, mit denen das israelische Militär regelmäßig den Gazastreifen bombardiert. Damit sollen nun Nato-Streitkräfte gegen Russland bewaffnet werden. Im Mai kündigte Elbit Systems Verträge über 100 Millionen Dollar für Artilleriegranaten an, für „westeuropäische Länder, deren Armeen nach Ausbruch des Krieges Sonderbudgets erhalten haben“.

Es lässt sich mit sehr hoher Sicherheit sagen, dass bei dem jüngsten Angriff auf Gaza in diesem Jahr, wie bereits bei früheren israelischen Angriffen auf die Region, von Elbit Systems hergestellte Waffen erneut auch auf Zivilist:innen abgefeuert wurden – etwa auf den fünfjährigen Alaa Qaddoum. Seit 2008 hat Israel Tausende palästinensischer Zivilist:innen – darunter Hunderte von Kindern – bei derartigen Angriffen auf Gaza getötet. Bei diesen Einsätzen wurden auch Waffen von Elbit Systems verwendet.

Die bulgarische Regierung hatte 2007 ein Geschäft mit Elbit Systems über Militärhubschrauber aufgekündigt. Nun scheint es, als wolle sich Elbit Systems seinen Platz auf dem bulgarischen Rüstungsmarkt zurückerobern. Das Unternehmen könnte Dr. Nedialkovs revisionistisches Buch also auch deshalb unterstützt haben: um bei der bulgarischen Militärbeschaffung Fuß zu fassen. Der zunehmend militarisierte Grenzzaun zur Türkei könnte hierbei als möglicher Anreiz dienen. Auf eine förmliche Anfrage der Berliner Zeitung an die deutsche Niederlassung von Elbit Systems, zu den genannten Tatsachen und Annahmen Stellung zu beziehen, reagierte das Unternehmen nicht.

Staatliche Gewalt wird verschleiert

Dr. Mossek und Dr. Shealtiel schrieben, Elbit Systems sei ein „angesehenes“ Unternehmen. Doch angesehen ist Elbit Systems nur in den Augen von Behörden, die selbst staatliche Gewalt ausüben. Behörden wie die bulgarischen, die den Holocaust instrumentalisieren, um staatliche Gewalt zu verschleiern – mit finanzieller Unterstützung von Elbit Systems.

Zweifellos: Es ist eine schreckliche Ironie, dass die verzerrte Geschichtsschreibung heutzutage von einem Rüstungsunternehmen dazu genutzt wird, seine Zusammenarbeit mit einem gewalttätigen Staat potenziell zu vertiefen. Dieser Umstand macht auf eine tiefe Krise im Projekt der globalen Holocaust-Erinnerung und -Erziehung aufmerksam. Und er verdeutlicht wieder einmal das akute Versagen bei der Umsetzung des Schwurs „Nie wieder“. Der Fall kann uns in der Betrachtung allerdings auch helfen, die historischen und tagesaktuellen Verbindungen zwischen staatlicher Holocaust-Verzerrung und rassistischer Politik zu erkennen und zu verstehen. Diese Verbindungen zu sehen, kann uns im Kampf gegen genau jene Massengewalt helfen, die Elbit Systems ermöglicht und unterstützt.

Dieser Text ist eine überarbeitete und erweiterte Fassung eines Artikels, der am 26. Juli 2022 in der US-amerikanischen Zeitung The Nation veröffentlicht wurde.

Prof. Dr. Raz Segal, Professor für Holocaust- und Genozidstudien und Stiftungsprofessor für das Studium des modernen Genozids an der Stockton University.

Prof. Dr. Amos Goldberg ist Inhaber des Jonah-M.-Machover-Lehrstuhls für Holocaust-Studien an der Hebräischen Universität Jerusalem und einer der Initiatoren der Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus (JDA).