Es zirpte, nein, waberte. Erst gläsern, dann verzerrt. Vielleicht fiepte es auch. Oder waren das die fiesen Geräusche eines Modems, mit dem sich die Computer der Jahrtausendwende ins Internet einwählten? Man hatte keine Sprache mehr, um diese Musik zu beschreiben. Sie kam auf einmal aus Laptops und einer Software, die digital so viel konnte wie analog nur ein sauteures Studio. Es klang nach Computer, aber der Computer klang plötzlich nach allem.

Viele hielten Techno für tot, als in den späten Neunzigern eine elektronische Musik entstand, die nicht sofort die Tanzfläche euphorisieren wollte. Sie klang keimfrei, wie aus dem Labor. Und gefährlich, als entstünde  in der Zentrifuge ein Killervirus. Das Spaßjahrzehnt endete mit Angst vor dem Milleniumswechsel. Und die Musik des Labels Raster-Noton aus Chemnitz lieferte den Soundtrack dazu: „Archiv für Ton und Nichtton“, wie die Gründer Carsten Nicolai, Olaf Bender und Frank Bretschneider ihr Programm nannten. Nichtton für Lärm, aber auch für die minimalistisch designten Verpackungen, von denen es einige in die Sammlungen berühmter Museen geschafft haben.

Dunkel und post-humanoid

An diesem Wochenende feiert Raster-Noton im Berghain 20. Geburtstag. Die Linien reichen aber noch weiter zurück, zur Band AG Geige, die Bretschneider und andere betrieben, als Chemnitz Karl-Marx-Stadt hieß. Später gab es viele Namen für die neue Avantgarde aus Atari und Apple. Click&Cuts sagten die Kollegen von Mille Plateaux in Frankfurt/M., während man in Köln eher Minimal schrieb. Raster-Noton hat die Zeit am besten überstanden, vielleicht weil es nie um ein klar benennbares Programm ging.

In der Halle hinterm Berghain erfährt man wieder, wie dunkel und post-humanoid die Musik von Raster-Noton wirkt, dabei aber nie zu trauern scheint. Es geht voran, vielleicht nur ohne uns. Und manchmal erinnert die Installation „White Circle“ daran, wie die Moderne sich die Zukunft vorgestellt hat, als sie noch modern war.
Erst einmal sieht man genau das, was im Titel steht, einen weißen Kreis.

An die 100 vertikal aufgehängte Neonröhren markieren das Rund, in das die Zuschauer eintreten dürfen. 16 mittelgroße Lautsprecher stehen auf Ständern, 4 böse Bassboxen markieren die Himmelsrichtungen, 6 Hochtöner sitzen über dem Kreis, und einer hängt ganz in der Mitte. Eine Dreiviertelstunde dauert ein Durchgang, 5 Tracks der 3 Labelgründer Byetone (Bender), Alva Noto (Nicolai), Frank Bretschneider sowie von Kangding Ray (dem Franzosen David Letellier) steuern den Lichtkreis an, der in der Betonhalle schön glimmt, blitzt und auch mal irre Karussell fährt. Die meisten Zuschauer stehen konzentriert da. Man könnte auch weiße Kittel verteilen, um die Frage zu inszenieren, ob die ganze Anlage noch Wissenschaft oder schon Wahnsinn sei. Es ist nicht so klar, was man hier genau tut, und das ist großartig.

Zu den Rhythmen mitwippen

Die fünf Tracks fügen sich schön ineinander. Bretschneider beginnt mit vielen Höhen und Glockenartigem, aber schmerzfrei, bis Byetone die Bässe holt und in der Luft hängen lässt. Bei Kangding Ray gibt es mehr Mitten und Sounds, die an tiefe präparierte Klaviersaiten erinnern, bis Alva Noto am deutlichsten einen Puls einführt, der zu einem Beat wächst und am Ende zu einem Rauschen, das zu einem Rhythmus findet. Die Anlage wird wissenschaftlich getestet, denkt man.

Und dennoch: Am Ende beginnt man zu den Rhythmen auch mitzuwippen. Und wie seit 20 Jahren ringt man um Begriffe. War es ein Teilchenbeschleuniger, der mit analogen Mitteln nachgebaut wurde, eine retrofuturistische Fantasie, oder doch der Antrieb des ersten Enterprise-Raumschiffes, gar der Kreis von Stonehenge? Was es nicht war, ist das, was sich sonst leicht sagt über diese Musik: streng. Die Freitagnacht im Berghain wird das weiter beweisen, es soll gerüchteweise getanzt werden in diesem Etablissement.


Raster-Noton 20: „White Circle“: Halle am Berghain

Fr 14–24 Uhr, Sa 14–21 Uhr; Klubnacht mit Alva Noto, Byetone u.v.a.

Berghain + Panorama Bar, Fr ab 19 Uhr