In der Nacht zum Montag stehen wir dann in einer zu einem Club umgebauten Nudelküche in einem Hinterhof in der Nähe des Leninplatzes von Nowosibirsk und hören einer Hamburger Schallplattenauflegerin dabei zu, wie sie mit schroff schnarrenden Elektrobeats die sibirische Hipstergemeinde beglückt.

Vorher hat bereits ein libanesischer Laptopproduzent Brummtöne aus aller Welt aufgelegt und mit Free-Jazz-Motiven und ritualistischen Trommeln gemischt; später beendet ein Techno-DJ aus Moskau den Abend mit einem schnurstracks nach vorn strebenden Set. Und die Leute tanzen und tanzen; sie tanzen immer noch unbeirrt weiter, als der Morgen über der Taiga bereits wieder dämmert.

Zwei Wochen lang hat das Berliner CTM Festival seinen ersten Ableger in Sibirien gefeiert. CTM Siberia begann Anfang September in Krasnojarsk und ging mit einem fünftägigen Festival in Nowosibirsk nun zu Ende; beide Städte liegen lediglich 800 Kilometer auseinander, was in Sibirien ein Katzensprung ist.

Auftritte in Nudelküchen und auf Dachterrassen

Die auftretenden Musikerinnen und Musiker kamen vor allem aus Deutschland und Russland und insbesondere aus Sibirien und Berlin. Sie spielten Konzerte, gaben Seminare und Workshops und legten Schallplatten auf. In Nowosibirsk musizierten sie nicht nur in Nudelküchen, sondern auch im Theater, in der Philharmonie und in einem Panorama-Restaurant auf dem Dach eines Hochhauses. Der Berliner Techno-Pionier und Software-Erfinder Robert Henke bot eine ebenso komplexe wie unmittelbar überwältigende Laser-Klangkunst-Performance dar; ein karelisches Duo namens Love Cult spielte schön kühlen Minimal-Elektro-Pop; vier Kehlkopfsänger aus dem Altai-Gebirge, die sich als Huun-Huur-Tu vorstellten, knurrten klassisches Liedgut und klangen dabei, als kämen sie aus einer norwegischen Black-Metal-Band.

Dem Berliner Publikum ist das CTM Festival gut bekannt; seit Ende der Neunziger – anfangs unter dem Namen Club Transmediale – verbindet es avancierte Multimedia-Kunst mit geschmackvoll kuratierten Clubmusik-Abenden und krassem Krach jeglicher Art. In Sibirien gastierten die CTM-Macher zum ersten Mal, eingeladen vom Goethe-Institut.

Auf die Idee, ein Festival mit aktueller elektronischer Musik und artverwandten Stilen zu veranstalten, war die Institutsleiterin Stefanie Peter beim Besuch einiger kleiner Konzerte des örtlichen Labels Echotourist gekommen. Betrieben von dem Musiker und Videoregisseur Evgeny Gavrilov, erscheinen hier seit ein paar Jahren frei fließende, melancholisch gefärbte elektroakustische Experimente; beim CTM Siberia spielte Gavrilov unter dem Namen Dyad & the Sleepers Club mit Gitarre und Laptop ein süß schwebendes psychedelisches Solokonzert.

Bei den Künstlern von Echotourist wie von dem befreundeten, etwas rhythmischer orientierten Klammklang Label aus Krasnojarsk hat sich eine Art neuer sibirischer Schule herausgebildet, die in den Internet-Foren der globalen Pop-Avantgarde wachsende Aufmerksamkeit genießt. In der analogen Welt hingegen hat es die elektronische Musik aus Sibirien nicht so leicht; man könnte auch sagen, dass es in diesem Teil Russlands ein Festival dieser Art noch nie gegeben hat.

Zwar ist Nowosibirsk mit knapp zwei Millionen Einwohnern nach Moskau und St. Petersburg die drittgrößte russische Stadt. Doch findet man, abgesehen von ein paar hoch kommerziellen und geschmacklich fragwürdig ausgestatteten Bars mit einer kleinen Tanzfläche dran, keine Clubs und schon gar keine Bühnen für elektronische Experimentalmusik. „Das größte Problem bei der Planung“, sagt CTM-Veranstalter Jan Rohlf, „lag darin, überhaupt geeignete Räumlichkeiten zu organisieren.“ Darum war man froh, dass etwa die Betreiber des Panorama-Restaurants „Ragu Bar“ ihren Saal für zwei Techno- und Noise-Nächte zur Verfügung stellten. Ob die Betreiber am Ende auch noch so froh darüber waren, konnte man an ihren versteinerten Mienen insbesondere während der Noise-Abschnitte der Nächte nicht wirklich ablesen.

Völlig offen, sagt Jan Rohlf, war vorher auch, ob zu einem solchen Festival überhaupt jemand kommen würde. Denn es gibt in Nowosibirsk bislang gar kein Publikum, das den Besuch von Popkonzerten gewöhnt wäre. Um regelmäßig in den Tourneeplänen selbst großer Mainstream-Acts aufzutauchen, ist die Stadt – auf halbem Weg zwischen Moskau und Peking – schlichtweg zu abgelegen.

Und die kunstfeindliche Repression durch die Kirche tut ein übriges zur musikalischen Ödnis. Kürzlich erst wurde ein geplanter Auftritt von Marilyn Manson auf christlichen Druck abgesetzt; bei kleineren Konzerten hindern auch schon mal Schlägertrupps die Leute am Zutritt, wenn sie Blasphemie oder sonstwelche Arten von Unsittlichkeit auf der Bühne vermuten.

Das Klima sei so repressiv wie seit Jahrzehnten nicht mehr, klagt denn auch ein Journalist, mit dem wir am Freitagnachmittag durch die Stadt spazieren. Was dazu führe, dass immer mehr Menschen, aus denen eine kritische oder künstlerisch interessierte Öffentlichkeit sich herausbilden könnte, die Stadt verlassen, um nach Moskau, St. Petersburg oder ins Ausland zu gehen.

Die Leninstraße zieht Hipster an

Es gibt aber auch andere, bessere Zeichen: zum Beispiel die Hipstermeile, die seit kurzer Zeit in der Leninstraße zwischen Leninplatz und dem Bahnhof der Transsibirischen Eisenbahn entsteht. Der Coffeeshop, in dem sich die urbane Jugend hier trifft, könnte direkt aus Berlin-Mitte oder Neukölln herübergebeamt sein; in den Restaurants wird aktuelle Clubmusik gespielt; in der schon erwähnten Nudelküche prangt ein großes Graffiti-Porträt des Berliner Techno-DJs Ricardo Villalobos an der Wand, mit einem Zitat darunter, das die beglückende, freiheitsstiftende Kraft des musikalischen Rausches preist.

Niemand von den Menschen, mit denen wir hier ins Gespräch kommen, ist jemals in Berlin oder anderswo zuvor auf einem Techno-Rave gewesen; auch für sie ist das Internet die wesentliche, wenn nicht einzige Quelle der ästhetischen und stilistischen Inspiration.

Umso begieriger nehmen die Leute jedoch die Konzerte und besonders die DJ-Sets des CTM-Siberia-Festivals auf – und wenn man sich im Morgengrauen dann in der Mitte dieser tanzenden sibirischen Menge bewegt, dann fühlt es sich allerdings so an, als ob eine ortlose Jugend hier gerade zu einer musikalischen Sprache findet, die sie zu einem Kollektiv einen könnte. Das ist ein sehr schönes Gefühl; mehr kann man mit einem Festival an solch einem Ort für den Moment nicht erreichen. Es ist ein Anfang, von dem man sich wünscht, dass es bei diesem Anfang nicht bleibt.