Vor knapp vier Jahren hatte sie ihren Führerschein abgegeben. Da war sie gerade 100 geworden. Bis dahin war sie mit ihrem Rollator stets langsam zu ihrem Auto gegangen, um mit hoher Geschwindigkeit davonzubrausen. So erzählte sie es jedenfalls der Bild-Zeitung, der sie vor zwei Jahren ihre zahlreichen Strafen wegen Übertretung der Höchstgeschwindigkeit gestand. Jetzt ist Elfriede Brüning, die letzte Vertreterin des berühmten Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller der Weimarer Republik, im Alter von 103 Jahren gestorben.

Sie war eine Draufgängerin, von Anfang an. Das in der Literaturgeschichte oft erwähnte Empfehlungsschreiben an den Chef des Tageblatts, Fred Hildenbrandt, hatte die Siebzehnjährige in Wahrheit selbst geschrieben, wie sie kürzlich verriet. Die Tochter eines Tischlers und einer Näherin wusste, dass ihr Chef, für den sie damals als Sekretärin arbeitete, mit dem angesehenen Feuilletonisten Hildenbrandt befreundet war.

Kaum war der Vorgesetzte in Urlaub, setzte sie in seinem Namen das Schreiben auf und bat den Zeitungsmann, sich das beiliegende Manuskript seiner „begabten Sekretärin“ mal anzuschauen. Der Coup klappte, die Selbsteinschätzung war nicht falsch. Elfriede Brünings gut gelauntes Stück über das Selbstwertgefühl eines jungen Mädchens, das sich nicht unter Wert weggeben will, wurde prompt gedruckt.

„Aus Ihnen wird etwas ganz Seltenes“, schrieb ihr Hildenbrandt, „wenn Sie weiter so behutsam das Letzte aus sich herausholen – und Sie unterwegs kein Schicksal stört.“ Ein frommer Wunsch, das Schicksal störte gewaltig. Ihr erster Roman wurde 1933 fertig, aber kein Verlag traute sich mehr, ihn zu drucken – seit 1930 war Brüning Mitglied der Kommunistischen Partei. Sie wurde im dritten Jahr des NS-Regimes verhaftet, aber wieder freigelassen. 1938 konnte sie sogar einen Roman über das harte Leben kurischer Fischer veröffentlichen.

In der DDR wurde sie überaus erfolgreich mit Romanen wie „Regine Haberkorn“ (1955), für den sie umfangreiche Studien im Lokomotivwerk Hennigsdorf betrieb. Es geht darin um eine Frau, deren Ehe scheitert, weil sie berufstätig werden will. Starke Frauen, wie Elfriede Brüning selbst eine war, standen oft im Mittelpunkt ihrer Bücher. Sie blieb sehr lange sehr jung. Sie unterhielt sogar eine eigene Internetseite, auf der man unter anderem Filmausschnitte aus ihrem Leben sehen kann.