Was ist ein Bühnenessay? Kein Essay, der sich mit der Bühne beschäftigt, sondern einer, mit dem sie sich beschäftigt. Ein Text also, der aufgeführt werden soll. Elfriede Jelinek hat „rein Gold“ geschrieben. Sie hat es so geschrieben und darunter gesetzt „ein bühnenessay“. Ich habe ihn – oder doch Teile daraus – aufgeführt im Gaumentheater meines Mundes (Ginka Steinwachs). Ostern war Zeit dazu. Darüber möchte ich etwas schreiben. Vor dem Text steht: B: Brünnhilde und W: Wotan, der Wanderer. Dann kommt ein fettes B und danach geht es bis Seite 48 absatzlos weiter. Auf Seite 49 dann ein dickes W. Der redet bis Seite 76. Sein erster Satz: „Ich. Kind. Soviel hast Du ja noch nie gesagt.“ Also doch ein Dialog. Aber über riesige Entfernungen hinweg. Brünnhilde antwortet dann unten auf Seite 76: „Vater, was sagen dem Kind, das sich selbst nicht versteht?“.

Schon Seite 80 ist Wotan wieder dran. Inklusive einer Regieanweisung! „W: (macht sich über sie lustig) Wäh wäh, walla, walla, jammer, wie deine Mama.“ Er redet bis Seite 136. Da fragt ihn Brünnhilde: „Soll ich wirklich weg von hier? Soll ich scheiden, nicht mehr mit dir schlafen, ich meine, nicht mehr mit dir schaffen und walten, Vater?“ Seite 186 antwortet W., als knüpfe er direkt an die erste Frage an: „Weg von mir, ja!“. Seite 199 antwortet ihm die Tochter: „Papa, geh nicht fort!“ Schon auf Seite 201 antwortet der Vater freundlich: „Ich muss weiter, Kind. Ich muss als Gespenst weiter umgehen, als Untoter.“ Das letzte Wort hat dann Wotan: „Mal sehn, was draus wird.“

Der Text wurde aufgeführt. Ich sah das nicht. Ich fürchte, er übersteigt die Kapazitäten unserer Bühnen, wie Wagners Ring es bis heute tut. Aber er tut es ganz anders. Er überhöht nichts. Er redet wie wir alle es tun. Darum gehen wir ihm leicht auf den Leim. Plötzlich sind wir - und wissen nicht wie wir dorthin kamen - mitten in einer Passage, da heißt es, die Deutschen seien Helden, aus Menschenmaterial zu Helden geschweißt, wie Metall zu einer Dose. So redet Brünnhilde und selbst wenn man ihren Text spricht, begreift man nicht, wie sie auf das Heldengerede kam, mitten in der Epoche des postheroischen Managements.

Der Deutsche, der ein Held ist, in seinen eigenen Augen, sagt Brünnhilde, ist es, weil er immer zahlt. „Alle wollen das Geld der Deutschen, den Hort der Niegelungenen, es hat immer ein Haar gefehlt, sonst hätten sie uns gerettet.“ Man ist mitten in der Aktualität, im ewigen Stammtischgerede und zugleich im wollüstigen Gewebe der Sätze der Elfriede Jelinek. Sie führt uns vor, dass die Kunst kein Ausweg ist, sondern hineingehört in den auf die Katastrophe zu jagenden Walkürenritt der Realität. Aus dieser Bewegung gibt es keine Befreiung. Man kann ihr nur ihre eigene Melodie entgegenschreien in der Hoffnung, sie wenn schon nicht zum Tanzen so doch wenigstens aus dem Tritt zu bringen.
Hier im Buch besteht der Text aus an einander gereihten Sätzen, in Wahrheit aber sind es Gedanken, die gleichzeitig im Kopf umher irren. Jeder Leser muss sie selbst auf die Stimmen verteilen. Wenn er allein ist, dann muss er es tun wie Sybil es tat: sich aufspalten in Haupt- und Nebenstimmen, die kämpfen um ihre Anteile am Stück, manchmal die Verhältnisse umstülpen. Er muss… Nein, nein, er muss natürlich nicht. Aber wenn er den Text nicht als Partitur liest, dann wird er ihn klein machen. Er liest ihn dann als Erörterung. Das ist er aber an keiner Stelle. Er klagt und klagt an. Er wütet und beruhigt. Viele, viele Ausrufezeichen. Und so viele Kommata. Aber nie nach vielen, vielen Kommata ein Ausrufezeichen.

Wenn Wotan über die Arbeit spricht, dann stürzen die Gedanken - jeder im Text vom nächsten penibel durch ein Komma getrennt – zu einem nicht mehr zu entwirrenden Knäuel zusammen, fallen übereinander wie die massigen Spieler im american football. Wie das zu sprechen, zu singen ist – wer weiß das? Wer kann das? Aber hier, bei der Lektüre von „rein Gold“ bekommt man eine Ahnung von einer neuen Kunst, einer Zukunftsmusik, in der die Gedanken endlich so schnell auf der Bühne sind, wie wir sie in unseren Köpfen erleben. So schnell, so verrückt und so rein. Oder unrein.

Jedenfalls nicht kontrolliert von einer erörternden Vernunft, die glaubt, sie könne der Wirklichkeit im Schritttempo habhaft werden. Zum Schluss dieses Hinweises noch ein Brünnhilde-Zitat: „…die ist trotzdem irgendwie so hingeflossen, so wie die Menschenmengen fließen, bei der Loveparade oder wie immer, wo sie einander zertreten. Alles fließt, die Menschen fließen herum und zertreten einander gegenseitig, im Takt der Musik, ich bin leider taktlos, deshalb schreibe ich dies, deshalb: dauernd schreiben!, nur nicht aufhören!“´

Nein, doch noch etwas. Am Ende des Theateressays ein kleines Literaturverzeichnis: Richard Wagner, „Etwas Sigmund Freud, weiß aber nicht mehr was. Felix Doeleke: Analyse einer Getränkedose zur Abschätzung des Energiebedarfs bei ihrer Herstellung (Facharbeit). Hermann Jellinek: Kritische Geschichte der Wiener Revolution, vom 13. März bis zum konstituierenden Reichstag (Wien 1848). Sonst nichts. Ein paar Zeitungen. Alles nichts.“

Elfriede Jelinek: rein Gold, Rowohlt Verlag, Hamburg 2013, 223 Seiten, 19,95 Euro.

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