Die Schriftstellerin Elke Erb.
Foto: Kulturamt Stadt Fellbach/Gerald Zoerner

Der mit 50.000 Euro dotierte Georg-Büchner-Preis gilt als die wichtigste Literaturauszeichnung in Deutschland. In diesem Jahr geht er an Elke Erb, wie die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung am Dienstag bekannt gab. Sie ehrt eine Schriftstellerin, deren Werk über die Jahrzehnte hinweg leuchtet. Sie würdigt mit dem Preis laut Jurybegründung, wie es ihr gelingt, „die Freiheit und Wendigkeit der Gedanken in der Sprache zu verwirklichen, indem sie sie herausfordert, auslockert, präzisiert, ja korrigiert“.

1938 in einem Eifeldorf geboren, kam Elke Erb kurz nach Gründung der DDR mit ihrer Familie nach Halle an der Saale, studierte, wurde Verlagslektorin, seit 1966 arbeitet sie freiberuflich als Lyrikerin, Gutachterin, Nachdichterin. Zehn Jahre war sie mit dem 2009 verstorbenen Dichter Adolf Endler verheiratet. Elke Erb lebt in Berlin und die Sommer über in einem Dorf in der Lausitz. Sie ist erst die elfte Frau, die den seit 1951 verliehenen Preis bekommt.

Man kann sie in Verwandtschaft sehen zu Sarah Kirsch, die 1996 im Namen Georg Büchners ausgezeichnet wurde, und mit Volker Braun, dem Preisträger von 2000. Gemeinsam wurden sie zur „Sächsischen Dichterschule“ gezählt, einem losen Kreis von Autoren wie auch Karl Mickel, Heinz Czechowski, Kito Lorenc und B. K. Tragelehn, die sich in den 60er- und 70er-Jahren im Osten im Gespräch über Lyrik aufeinander bezogen. Doch der 1962 geborene Büchnerpreisträger Durs Grünbein lässt sich ebenso mit Elke Erb in Verbindung bringen. Denn sie ist für viele der nachfolgenden Generation prägend und eine, die andere zusammenführt.

„Er fuhr die Kastanienallee entlang, die er bisher nur als Titel eines Gedichtbandes kannte“, heißt es in Lutz Seilers Roman „Stern 111“ aus diesem Frühjahr. Der Band von Elke Erb ist 1987 im Aufbau-Verlag erschienen, 1988 bekam sie dafür den Peter-Huchel-Preis. So spröde und schüchtern die Dichterin in ihrem Auftreten auf Fremde wirken mag, so vertraut ist sie jenen, die sich ein Leben im Rhythmus der Worte ausgesucht haben. „Ihre innere, meist unaufgeregt leuchtende, sich mehr und mehr gewisse Sprache war von Anfang an Haltung, war Würde“, sagt Uwe Kolbe, Jahrgang 1957, über sie.

In der DDR waren ihre Veröffentlichungen rar, weil man sie oft nicht haben wollte. Im vereinigten Deutschland erscheinen elf Bücher in Editionen des Schweizer Verlegers Urs Engeler. Gerade kündigt Suhrkamp an, eine für das Frühjahr 2021 geplante Ausgabe schon in diesem Herbst erscheinen zu lassen, dem Preis sei Dank.

Ihre Ausforschung durch die Staatssicherheit in der DDR setzte bereits Mitte der 70er-Jahre ein. Sie fiel auf durch die Unterschrift gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns, den Protest gegen den Ausschluss von Autoren wie Jurek Becker, Stefan Heym und Erich Loest aus dem Schriftstellerverband der DDR. Man versuchte, auch sie rauszuwerfen, das weist der kürzlich verstorbene Joachim Walther in seinem Buch „Sicherungsbereich Literatur“ nach. Da, 1985, befand sich bereits im Westen eine Anthologie im Druck: „Berührung ist nur eine Randerscheinung“. Elke Erb setzte darin die Arbeiten jüngerer Kollegen wie Jan Faktor, Katja Lange-Müller, Detlef Opitz und Michael Wüstefeld zusammen. Mitherausgeber war allerdings Sascha Anderson, der als Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi weiträumig in dem Umfeld Material sammelte.

„In zwanzig Jahren“ ist ein Gedicht von Elke Erb überschrieben, das gleich so weitergeht: „werde ich altgeworden sein, oder? Nämlich gebrechlich,/ geschwächt, habe mehr als gelegentlich dann,/ ja gewiß gleichermaßen systematisch/ Ausfälle des Gedächtnisses, des Wahrnehmens.“ Das Gedicht ist 1995 entstanden. 2018 hielt sie die Berliner Rede zur Poesie  und war immer noch nicht alt im eben beschriebenen Sinne. Die Jury der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt hätte Elke Erb den Preis allerdings ruhig eher geben können. Das Gedicht geht so weiter: „Seit ich denken kann, ein Geschrei jedesmal,/ wenn ich durchkomme irgendwo – von irgendwo nach/ (unvermutet) irgendwo.// Werde dies Durchkommen zeitlebens als Text/ aufgesetzt, gewebt haben, plusquamperfekt.“

Der Übergang vom Denken zum Schreiben fließt bei ihr, vom Notat zum Gedicht, vom Wort in seiner ursprünglichen Bedeutung zu einer neuen. „Freilich können Langsame auch schnell sein“ heißt es in einem Gedicht von 1998: „in syntaktischem Doppelsinn, nämlich so oder so,/ freilich niemals so schnell, wie die Schnellen“.

Das Dichten ist ein langsames Geschäft. Für Elke Erb ist es ein Prozess, in dem sie das Eigene überschreibt und prüft, immer nach der neuen, zeitgemäßen Form suchend, die Welt und das Selbst zu fassen. Nicht wenigen ihrer Gedichte sind Kommentare angefügt oder gar eingesetzt, und ihre Prosa wandelt sich nicht selten zur Lyrik. Deshalb muss man sie laut lesen, um sie zu begreifen, oder die Dichterin selbst hören, etwa auf Lyrikline.org. In einem Film, den das Haus für Poesie über sie erstellt hat, führt Elke Erb durch ihr Zimmer, zeigt die Bücherstapel, die überall sind, auch auf dem Bett. Schlaflos sei sie immer wieder, sagt sie da: „Jede Nacht habe ich freie Arbeitszeiten.“