DJ Ellen Allien legt seit den Neunzigern in Berlin auf.
Foto: 7 days is a weekend

BerlinBoom, ts, boom, ts, boom. Wer wissen will, wie Berlin klingt, muss nur einmal durch die Stadt gehen: Aus den Kopfhörern von Passanten, aus den Boxen in Parks, aus Restaurants, Läden und vor allem aus den Clubs dröhnt ein Sound, der einem Herzschlag gleicht: elektronisch, schwirrend, impulsiv – so wie die Stadt. Und immer mit boom, ts, boom, ts, boom.

Eine, die diesen Sound geprägt hat, ist Ellen Allien. Kurz nach der Wende in einem Berlin, das sich erst einmal wieder finden musste, legte die 1968 in West-Berlin geborene Ellen Fraatz erstmals Platten vor Publikum auf: Im Fischlabor, im Tresor, später im E-Werk. Sie gestaltete die Veranstaltungen wie die Loveparade und den Mayday mit, gründete 1995 die Plattenfirma Brain Candy, vier Jahre später folgte dann BPitch – mit Künstlern wie Paul Kalkbrenner, Moderat und Dillon war sie immer am Puls der Zeit. Sie hat mehrere Alben veröffentlicht, ein weiteres Label gegründet und zahlreiche Events organisiert – auf dem gesamten Planeten legt sie ohnehin auf, von Europa über Asien bis Australien.

Ellen Allien sollte auf dem Coachella Festival in Kalifornien spielen

In diesem Jahr sollte sie auch erstmals auf dem weltweit beachteten Coachella Festival in Kalifornien spielen. Ihr neues Album „AurAA“ ist mit Stilen wie Acid House, Neo-Trance und Minimal Techno für die umtriebige Veranstaltung wie gemacht. Doch dann kam Covid-19: Das Coachella und auch andere Auftritte fielen aus, das Album erscheint erst jetzt als handfestes Produkt – zwei Monate nach der digitalen Veröffentlichung. Ob sie das alles trübt?

Ellen Allien schüttelt den Kopf. Sie sitzt in dem Büro ihrer Plattenfirma BPitch in Prenzlauer Berg. Hinter ihr reihen sich Regale voller Schallplatten, an der Wand hängen einige ihrer Plattencover. Ein Mitarbeiter tippt eifrig in den PC, aus seinen Kopfhörern dröhnt: boom, ts, boom, ts, boom. Ellen Allien sagt, sie sei ein positiver Mensch, eine, die mit Spontanität und plötzlich hereinbrechenden Ereignissen umgehen könne. Dieses Jahr sei zwar schon ziemlich verplant gewesen, aber „es ist nun Mal wie es ist“.

Ellen Allien wuchs in West-Berlin auf, ihre Plattenfirma sitzt heute in Ost-Berlin.
Foto: I Am Johannes

Kurz vor dem Berliner Lockdown war sie in Mexiko im Urlaub. Als sie zurückkam, war sie zunächst mit der Verlegung des Berliner Clubs Griessmuehle beschäftigt, wo sie zuletzt regelmäßig die Veranstaltung „We Are Not Alone“ durchführte – und dann fing es mit Corona und der Schließung der Eventstätten an. „Das war wirklich ein Schlag ins Gesicht“, sagt sie. „Ich war schon sehr depressiv, drei Wochen lang, weil keiner wusste, wie es weitergeht.“ Ganz so spontan und positiv konnte sie damit dann doch nicht umgehen. Dennoch habe Ellen Allien dann wieder angefangen, Musik zu machen, aufzulegen und ihre Sets zu streamen. Einen letzten Track stellte sie noch für ihr Album fertig, um es vorab digital zu veröffentlichen. „Warum auch nicht?“, ruft Ellen Allien. „Alle haben ihre Alben verschoben, aber gerade in Krisenzeiten brauchen die Leute doch Musik.“ 

Das neue Album „AurAA“ ist eine kraftvolle Platte

Ellen Alliens neues Album „AurAA“ ist verglichen mit ihren Vorgängerplatten eines ihrer kraftvolleren Werke. Die neun gut ausproduzierten Tracks sind von hohem Tempo getrieben. „Confusion“ bietet sich mit seinen pumpenden Bässen und verträumt-sphärischen Synth-Sounds als Begleiter für die sommerliche Afterhour an, während das Neo-Trance-Stück „Traum“ die Beschallung für jene Tanzfläche bietet, auf der man sich in den 2000er-Jahren in Ektase tanzte. Boom, ts, boom, ts, boom. 

Inspiriert fühlte sie sich diesmal jedoch nicht durch Berlin oder eine andere Stadt. Es ist das Zwischenmenschliche, das Ellen Allien auf „AurAA“ beschäftig. Deswegen finde sie es schade, dass vielen DJs der Zugang zum Publikum derzeit fehle. „Man braucht die Verbindung zu den Menschen“, sagt sie. Zwar öffnen allmählich einige Clubs ihre Außenbereiche, doch das ist ihr nicht genug. „Ich verstehe nicht, warum es nicht möglich ist, darin mit den nötigen Hygienevorschriften zu tanzen. Die Clubs können doch kontrollieren, wer da war. Wie soll man denn etwa in der Hasenheide bei einem illegalen Rave einen Superspreader finden? Und hat jemand schon mal daran gedacht, dass den Frauen dort auch etwas passieren kann, wenn sie Betrunkenen im Park begegnen?“

Um die Akteure der Szene macht sich Ellen Allien hingegen weniger Sorgen. Sie weiß von einigen, die sich jetzt in der Krise Neues aufbauen wollen. Die hätten es nun leichter als die bereits Etablierten, die durchkommen müssen. Und wie ist das bei Ellen Allien und ihren namhaften Labels? „Wir müssen nun schon genauer kalkulieren, was wir machen. Das digitale Geschäfte läuft aber bereits gut an“, sagt sie. Erste Auftritte, etwa vor zwei Wochen in Paris, hätte es auch schon wieder gegeben.

Bis sie wieder in Berlin auflegt, dauert es aber wohl noch etwas. Sie bleibt dennoch zuversichtlich. Ihr Album erscheine nun in den Plattenläden, und Musik könne man ohnehin überall hören. Wenn Ellen Allien Zeit in Berlin hat, wie jetzt, wo das Reisen noch immer eingeschränkt ist, setzt sie sich mit ihrem Freund in ein Boot oder aufs Fahrrad. Von dort aus tönt es dann: Boom, ts, boom, ts, boom. 

Ellen Allien - „Auraa“ (BPitch)