Elvis. Der King of Rock’n’Roll. Der erfolgreichste Solo-Musiker aller Zeiten. Über lange Jahre der bestverdienende Schauspieler in Hollywood. Elvis Presley war und ist vieles, doch dass er – zumal verglichen mit anderen verstorbenen Popstars – noch als cool und angesagt gilt, lässt sich nicht unbedingt behaupten. Daran will nun, passend zum 45. Todestag Presleys im August, Baz Luhrmann mit seinem Film „Elvis“ etwas ändern. „Ich bin ja bekannt dafür, totgesagten Marken neues Leben einzuhauchen“, lachte der Regisseur kürzlich beim Interviewtermin in Cannes mit Blick auf seine Adaptionen von Shakespeares „Romeo und Julia“ oder „The Great Gatsby“ von F. Scott Fitzgerald. „Warum also nicht auch Elvis? Zumal es mir ja gar nicht nur um seine Musik geht, sondern um die Themen, die in seiner Lebensgeschichte stecken.“

Was der 1935 in Mississippi geborene Presley neben musikalischem Talent und blendendem Aussehen mitbrachte, das ihn in ungeahnte Ruhmessphären katapultierte, bringt „Elvis“ recht schnell auf den Punkt. „Er löst bei seinem Publikum Gefühle aus, von denen es nicht weiß, ob man die eigentlich genießen darf“. So bringt es Colonel Tom Parker (Tom Hanks) auf den Punkt, jener Musikmanager, der Elvis (Austin Butler) Mitte der 50er-Jahre bei einem kleinen Auftritt in Tennessee entdeckt und sofort erkennt, welches Potential in diesem jungen Mann mit dem geradezu anrüchigen Hüftschwung steckt.

1955 nimmt Parker Elvis unter Vertrag, baut ihn in Windeseile zum Teenie-Star auf, vermittelt Radio-Einsätze, Fernsehauftritte und schließlich Filmrollen und erkennt früher als vielleicht irgendwer sonst, wie viel Geld sich mit dem Verkauf von Fan-Artikeln machen lässt. Bei all dem steckt er selbst stets 25 Prozent ein, doch auch bei Elvis bleibt genug hängen. Schon mit 22 Jahren kauft er für sich und die Familie das bis heute legendäre Graceland-Anwesen in Memphis, und nicht nur seine Angebetete Priscilla (Olivia DeJonge), sondern auch sich selbst beschenkt er mit üppigstem Schmuck und anderem Luxus.

Recht wahrheitsgetreu zeichnet Luhrmann in „Elvis“ alle wichtigen familiären und beruflichen Ereignisse in Presleys Biografie nach, vom frühen Tod der Mutter und dem ihn auch nach Deutschland führenden Militärdienst über die Talphasen, in denen das Geld knapper wird, bis hin zum großen Comeback mit den Las-Vegas-Show und TV-Specials, der Medikamenten- und Alkoholsucht, der Scheidung, dem vergeblichen Versuch eines Bruches mit Parker und dem frühen Tod im Alter von 42 Jahren.

Dass der Regisseur hier und da Ereignisse kombiniert oder verkürzt – er selbst spricht von „Verdichtungen“ –, sieht man ihm im Biopic-Kontext gerne nach. Und natürlich kratzt „Elvis“ nicht wirklich am Denkmal dieser Ikone, schließlich hat der Film den Segen von Priscilla und den Nachlassverwaltern. Potential für kritisches Hinterfragen hätte es durchaus gegeben, nicht nur was das Privatleben angeht, sondern auch bei Presleys Verhältnis zu afroamerikanischen Kollegen. Mit denen war er, der jahrelang überwiegend mit schwarzen Kindern aufwuchs und später mit der Bürgerrechtsbewegung sympathisierte, zwar teilweise befreundet, machte sich aber gleichzeitig ihre musikalischen Einflüsse schamlos zu eigen und ist einigen sogar als Rassist in Erinnerung. Auch seine späte Hinwendung zu Nixon und dessen konservativer Politik wäre einen zweiten Blick wert gewesen.

Doch für solche Analysen ist Luhrmann der verkehrte Filmemacher, wie jeder weiß, der sein Werk von „Strictly Ballroom“ über „Moulin Rouge“ bis hin zur Serie „The Get Down“ nur ein wenig verfolgt hat. Als Regisseur zielt der Australier nicht aufs Hirn und auch nicht aufs Herz, sondern auf die Augen und immer auch die Lendengegend. Luhrmann ist ein Regisseur der Oberflächen, der sich eher weniger fürs Schürfen in der Tiefe interessiert als für Rasanz, Glamour und Sex-Appeal. Was Schauwerte und Tempo angeht, überzeugt „Elvis“ dann auch wie kein Luhrmann-Werk seit „Moulin Rouge!“. Der Film ist in Gold und Glitzer gegossenes Adrenalin für alle Sinne, rastlos und prunkvoll inszeniert, in Kulissen und Kostümen prächtigst ausgestattet von Catherine Martin, der Ehefrau des Regisseurs, und über zweieinhalb Stunden keine Minute langweilig. Dass Luhrmann ausgerechnet den Ausbeuter Parker zum Erzähler dieser Geschichte über Ruhm als goldenen Käfig macht, ist dabei ein geschickter Kniff. Denn auch der, so scheint es, interessierte sich stets mehr für den Showman Elvis als für die Psychologie des Menschen dahinter.

Solch Überwältigungskino kann schnell öde sein, und dass es das hier nicht ist, hat neben all der Optik zwei Gründe. Zum einen legt Austin Butler, der bislang vor allem als Teenie-Star bekannt war und für die Titelrolle sogar Harry Styles ausstach, eine Tour de Force hin, die auch stimmlich und tänzerisch überzeugt. Und zum anderen geht es Luhrmann, auch wenn er anderes behauptet, eben doch auch um die Musik. Nicht zuletzt die diversen Konzertauftritte und Showeinlagen sind in „Elvis“ so mitreißend, dass man auch das Rock’n’Roll-Vermächtnis des Kings plötzlich ganz neu  schätzen lernt.