Am Abend hat sie sich dann doch das erste Spiel der ukrainischen Nationalmannschaft angeschaut. Den großen Moment, als das eigene Team zum ersten Mal bei der Europameisterschaft in der Heimat auflief, den wollte Ivanna Kobernik nicht verpassen, auch wenn normalerweise ihr Mann der größere Fußballfan ist. „Wir haben die Hoffnung, dass die EM ein großes Sportfest wird“, sagt sie. Vielleicht könne die EM etwas zum Positiven bewegen in der Ukraine.

Ivanna Kobernik ist Journalistin, in Beiträgen für das Magazin Korrespondent, auflagenstärkste und politisch bedeutsamste Zeitschrift der Ukraine, schreibt sie über die Regierung Janukowitsch, in ihrem Blog rügt sie immer wieder deren Umgang mit der einstigen Regierungschefin Julia Timoschenko. Deren Misshandlungen im Gefängnis nennt sie in einem aktuellen Eintrag die Spitze eines Eisberges.

Sanktionen gegen Janukowitsch

Auf Einladung der Organisation Reporter ohne Grenzen ist Ivanna Kobernik kurz vor Beginn der Europameisterschaften nach Deutschland gekommen. Drei Tage, bevor in Warschau die EM eröffnet werden soll, spricht sie in Berlin vor deutschen Kollegen über die politische Lage in der Ukraine und über die Frage, was Westeuropa tun könne, um sie zu verbessern. Öffentliche Kritik und persönliche Sanktionen gegen Janukowitsch und seine Regierung könnten etwas bewirken, sagt sie. Dazu könne zum Beispiel die Sperrung von Auslandskonten von Politikern und ihrer Angehörigen gehören. Denn sie verstünden nur die Sprache der Macht. Großes Lob hat Kobernik für Philipp Lahm, den Kapitän der deutschen Nationalmannschaft. Der hatte die Menschenrechtssituation in der Ukraine kritisiert und die Uefa gleich mit, weil sie dazu noch nicht Position bezogen hatte. Uefa-Präsident Platini hat Lahm dafür heftig gescholten.

Bei einem Treffen in einem Berliner Café übt Ivanna Kobernik dagegen Kritik an dem zu lange zu zurückhaltenden Umgang des Westens mit dem Regime Janukowitsch. „Wenn die Proteste in Westeuropa gleich nach der Verhaftung von Timoschenko im August 2011 ertönt wären, wäre sie heute frei“, sagt sie. Der Korrespondent zählt zu den kritischen Stimmen in der Ukraine. Der Eigentümer nehme auf die Redakteure keinen politischen Einfluss. Sie hätten sich ausbedungen, weiter nach anerkannten journalistischen Standards zu arbeiten, als der Unternehmer das Blatt erwarb. Und die Behörden hielten sich zurück, was Zensur betrifft. „Der Korrespondent ist so etwas wie das Feigenblatt der Janukowitsch-Regierung“, sagt Kobernik. „Sieh her, Westeuropa, hier kann jeder Journalist schreiben, was er will“, solle die Existenz des Magazins – und die von Medien wie der Internetseite Ukrainska Prawda und den Zeitungen Den und Ukraina Moloda – signalisieren.

Und dennoch bekommt das Blatt gelegentlich Druck zu spüren, zum Beispiel, als es Luftbilder von Janukowitschs Anwesen in der Nähe von Kiew abdruckte, auf denen unter anderem ein Golfplatz und großzügige Garagen zu sehen waren. Vieles deutet darauf hin, dass sich Janukowitsch mittels Strohmännern das einst staatliche Areal angeeignet hat und nun für eigene Zwecke bebaut.

Presse und die Onlineportale weniger bedroht

Laut Verfassung unterliegen die Medien der Ukraine keiner Zensur. Und im Vergleich zu anderen osteuropäischen Staaten, sagt Ivanna Kobernik, sei die Pressefreiheit weit weniger bedroht. Besonders die Presse und die Onlineportale lasse die Regierung oft gewähren. Das Fernsehen als wichtigstes Medium in der Ukraine stehe unter strengerer Beobachtung, auch wenn die Einflussnahme verdeckt geschieht.

Die großen privaten Sender befinden sich im Besitz von Oligarchen, die es sich mit der Regierung Janukowitsch nicht verderben wollen. Der meist gesehene Kanal, Inter, gehört gar einem Vertrauten des amtierenden Präsidenten, dem Unternehmer Valerij Choroschkovskyj, der derzeit zugleich Erster Vizepremierminister des Landes ist. Kein Wunder, dass das Institut für Rundfunkökonomie an der Uni Köln vor knapp zwei Jahren über Inter festhielt: „In den Fernsehnachrichten werden die Maßnahmen des Präsidenten Viktor Janukowitsch und der Partei der Regionen ausschließlich positiv dargestellt. Kritik findet praktisch nicht statt. Dafür wird die Opposition häufig kritisiert.“ Ivanna Kobernik resümiert: „Wer nur die großen Kanäle schaut, erfährt nichts über die wahre Situation im Lande“. Als unabhängig gelten noch TVi und Kanal 5. Kobernik selbst arbeitete zwischen 2000 und 2009 für ICTV, davor für den Kanal STB. Sie gehören dem Unternehmer Viktor Pinchuk, der immerhin ausgewogen berichten lässt, wie die Uni Köln befand.

Die EM ist überall zu spüren

Die Ukraine, sagt Ivanna Kobernik, das sind nicht nur korrupte Politiker. Sie hofft, dass ihr Land nicht nur an ihnen gemessen wird. Zurück in Kiew schreibt sie in einer Mail, dass die EM jetzt überall in der Stadt zu spüren sei und selbst Freunde, die sich sonst wenig für Fußball interessieren, zur Fanzone pilgern. Am Montag seien Tausende schwedischer Fans durch die Straßen gezogen.

Viele von ihnen seien auf einer Insel im Dnepr untergekommen. Als heftiger Regen das Zelten dort nahezu unmöglich machte, seien Kiewer Bürger aufgebrochen und hätten den Schweden Unterschlupf angeboten. Das sind Geschichten, die Ivanna Kobernik eigentlich viel lieber erzählt als solche von Übergriffen der Regierung.

Ihre eigenen frühesten Erinnerungen an den Fußball reichen bis in ihre Kindheit zurück. Da hat sie ihren Vater zu den Spielen von Dynamo Kiew begleitet. Einer der Stars hieß damals Oleg Blochin. Er ist heute ukrainischer Nationaltrainer.