Emanzipierte Kunst in der Hamburger Kunsthalle: Wütende Frauen werden die Ausstellung mögen

Ob Madonna die Kunst Annegret Soltaus kannte, als sie sich für das Cover ihres neuen Albums entschied? Zeigt es doch ihr von Schnüren gefesseltes Gesicht, ganz ähnlich dem Selbstporträt Soltaus, die sich 1975 Kopf und Hals mit Garn umwickelte.

Die Motive ähneln sich frappierend und unterscheiden sich doch sehr. Und zwar weniger wegen der digitalen Bearbeitung von Madonnas Konterfei als in der Mimik beider Frauen: Hier die gestandene Popdiva mit leicht geöffneten Mund, die ihre Augen nach schräg-oben richtet. Dort die junge Künstlerin, die 40 Jahre zuvor direkt in die Kamera blickt. Während Madonnas Cover gerade jede zweite Plakatwand ziert, ist Soltaus Foto in der Hamburger Schau „Feministische Avantgarde der 70er-Jahre“ zu sehen, zusammen mit 150 Exponaten aus der Sammlung des österreichischen Stromkonzerns Verbund.

Manches des dort Gezeigten ist sehr bekannt, etwa Cindy Shermans Fotos oder Valie Exports „Tapp und Tastkino“ oder ihre „Aktionshose: Genitalpanik“, eine Jeans mit ausgeschnittenem Schritt. Es ist immer wieder schön zu sehen, wie sie darin mit gespreizten Beinen sitzt, eine Kalaschnikow auf dem Schoß. Noch schöner ist es, wie nachdrücklich diese Ausstellung klarmacht, dass nicht nur diese beiden prominenten Künstlerinnen, sondern viele Kolleginnen aus vielen Ländern von Polen bis Neuseeland die Männerdomäne Kunst aufmischten. Auf der Ausstellung sind 34 von ihnen vertreten. Die Leiterin der Sammlung Verbund Gabriele Schor prägte für sie den Begriff der „feministischen Avantgarde“, denn von diesen Frauen wurde „die Kunstgeschichte, der Kanon der Avantgarde umgeschrieben“. Ein „historisches Ereignis“, sagt sie. Denn in den 70er-Jahren ließen immer mehr Frauen die Rolle der Muse oder des Modells hinter sich und suchten nach Wegen, nicht nur zum anderen Sujet, sondern zur künstlerischen Akteurin zu werden. Sie nutzen vor allem die noch jungen Medien der Fotografie, des Videos, der Performance.

Manche von ihnen entlarvten unsere Sehgewohnheiten mit hintersinnigen Arbeiten, wie Lili Dujourie, die einen Mann so fotografierte, dass er wie ein traditioneller weiblicher Akt wirkt. Manche provozierten mit Schockeffekten wie Gina Pane, die sich vor Publikum mit einer Rasierklinge schnitt. Viele nutzten den eigenen Körper als Medium – gegen die Idealisierung und Instrumentalisierung der Frau.

Einige waren dabei ziemlich lustig: Renate Eisenegger bügelte bei einer Performance den endlosen Flur eines Hochhauses, Penny Slinger verwandelte Bräute in aufklappbare Torten. Was sich bei allen ähnelt, egal ob eine „Messer-Schnuller-Hände“ kreierte wie Renate Bertlmann oder Küsse verkaufte wie die Body Art-Ikone ORLAN, ist die Haltung. Eisenegger drückte es so aus: „Ich wusste, dass ich etwas Wichtiges, etwas Neues mache.“

Wer durch diese Ausstellung geht, kommt ins Grübeln. Darüber, dass viele der Exponate jahrzehntelang auf Dachböden verstaubten. Darüber, dass Madonnas Rebel-Heart-Cover im Vergleich zu Soltaus Bild so langweilig wirkt. Darüber, dass junge Frauen neuerdings eine Wut wiederentdecken, die seit 30 Jahren aus der Mode war. Sie werden diese Ausstellung mögen, weil die Themen sich längst noch nicht erledigt haben. Und weil sie zeigt, dass diese Vertreterinnen eines gern als ideologisch und hausbacken diffamierten Feminismus faszinierend radikal, zuweilen sehr witzig und vor allem hochinteressante Künstlerinnen waren. Höchste Zeit, das endlich zu bemerken.

Hamburg, Kunsthalle, Glockengießerwall Bis 31. Mai, Di–So 10–18 /Do bis 21 Uhr.