Ein Selfie in Paris? Klar, das darf nicht fehlen. Schließlich geht es in der Netflix-Serie Emily in Paris um reine Abziehbilder und Klischees.
Foto: Netflix/Stephanie Branchu

BerlinWer in der Kulturindustrie intellektuelle Schwerstarbeit leistet, braucht am Abend den Ausgleich. Für die einen ist es das Gala-Lesen beim Friseur, für die anderen Trash-TV, für wieder andere ein Spaziergang im Wald. Ich wiederum bin ein Freund der seichten Abend-Komödie, die mich zurück auf den Boden der Tatsachen holt. All das Zeug also, das Theodor W. Adorno im Grabe rotieren ließe.

Vor kurzem bin ich auf ein echtes Schmankerl gestoßen: die Serie „Emily in Paris“ auf Netflix, die neueste Produktion des „Sex and the City“-Erfinders Darren Star. Auf dem Papier klingt die Produktion wie das perfekte Abschaltprogramm im Geiste Woody Allens: Eine junge, bezaubernde Social-Media-Managerin aus Chicago wird von ihrer amerikanischen Partner-Agentur nach Paris geschickt, um den französischen Kollegen unter die Arme zu greifen und nebenbei Europa und die mythenumwobene Stadt der Liebe kennenzulernen. So weit, so erwartbar, so gut?!

Wie ein Unfall

„Non“, „non“ und nochmals „non“! Selten habe ich eine so klischeebeladene, dumme, sexistische, sich in ihren Frankreich-Klischees von Sekunde zu Sekunde überschlagende Serienproduktion gesehen wie „Emily in Paris“. Die Macher haben alles an Stumpfsinnigkeiten über Europa hineingerührt, die man sich als heimlicher Trump-Wähler nur so vorstellen kann: Die französischen Männer sind tolle Liebhaber, der Biss in ein nicht-genmanipuliertes Croissant gleicht einem Orgasmus, die Franzosen sind stylisch, sprechen aber kein Englisch und sind außerdem total arrogant. Und so weiter und so fort.

Diese Serie ist wie ein Unfall, bei dem man nicht wegschauen kann. Obwohl? Stimmt gar nicht! Das erste Mal seit fünfzehn Jahren musste ich wegen der sich radikal steigernden Fremdscham- und Peinlichkeitsmomente, die ich so wirklich noch nie erlebt habe, würgreizgeplagt abschalten. Nur aufgrund dieses Textes habe ich bei Folge 1, Minute 15, wieder fortgesetzt und festgestellt: Es wird noch schlimmer.

Trash TV will gelernt sein

Wie sind die Reaktionen? Gott sei Dank bin ich nicht der Einzige, der an die Grenze seiner Belastbarkeit kam. Das Internet tobt. Gerade die Franzosen kommen aus dem Meckern nicht mehr heraus. Pariser Journalisten fordern eine Entschuldigung vom amerikanischen Botschafter, Richtigstellungen, wenigstens eine Erklärung. Es wird gerätselt, ob die Serie so erfolgreich werden konnte, weil sie so schlecht ist, dass man sie vielleicht als Kulturphänomen studiert. Wie dem auch sei: Ich habe gelernt – Trash TV ist nicht gleich Trash TV. Seichte Unterhaltung will gelernt sein.