Es gibt Erlebnisse, die sich viele Menschen wünschen, die für die meisten Sterblichen aber immer Träume bleiben. Wer für das Fernsehen arbeitet und dabei nicht unter dem Motto „Für die doofen Zuschauer reicht das!“ komplett ohne Ambitionen unterwegs ist, träumt von der Emmy-Verleihung. Den bedeutendsten Fernsehpreis der Vereinigten Staaten gibt es auch in einer internationalen Version, die so ziemlich jeder in der Branche gern in seiner Angebervitrine stehen hätte.

Regisseur Anno Saul war diesem Ziel am Montagabend ganz nah. Die zweite Staffel der Serie „Charité“, bei der er Regie geführt hatte, war für den International Emmy Award nominiert. Für ihn und alle aus seinem Team war das Glück der Nominierung allerdings mit unglücklichen Begleiterscheinungen verbunden: „Unter normalen Umständen wären wir jetzt in New York …“

Stattdessen durfte er den Abend gemeinsam mit den Vertretern der produzierenden Ufa und den Auftraggebern vom MDR in einem Berliner Hotel verbringen: „Wir sitzen auf Abstand und wurden vorher auf Corona getestet.“ Der Preis ging schließlich an die indische Produktion „Delhi Crime“ (auch Emma Bading, die einzige sonst noch nominierte Deutsche, ging in der Kategorie „Beste Schauspielerin“ leer aus). Anno Saul antwortete auf die Frage, was er jetzt mit dem angebrochenen Abend anstellt: „Saufen!“

Eine Dankesrede hatte Saul sich sowieso nicht zurechtlegen müssen: „Nominiert ist die Ufa.“ Für ihn war die Arbeit an „Charité 2“ im Prager Studio Barrandov ein Langstreckenlauf. „Alle waren auf dieser Langstrecke von einer tollen Arbeit beseelt. Vielleicht ist es genau das, was die internationale Jury gespürt hat.“ Diese Zeit wird er nie vergessen: „Dieses Wahnsinns-Ensemble öffnet mir jetzt noch das Herz!“

Die zweite „Charité“-Serienstaffel, die im titelgebenden Berliner Krankenhaus zur Zeit des Nationalsozialismus spielt, war für den Regisseur eine ganz besondere Arbeit. „Obwohl wir ja eine historische Geschichte gedreht haben, ist die hochaktuell. Es geht um die Entgrenzung von Sprache. Darum, dass die Entgrenzung von Sprache das Werkzeug dazu ist, Handlungen zu entgrenzen. Und es gleichzeitig aussehen zu lassen als wären diese Handlungen normal. Dazu ist eine manipulativ entgrenzte Sprache wichtig.“ Anno Saul entdeckt in den sozialen Netzwerken immer wieder Hinweise auf die Aktualität dieser alten Geschichte: „Wir müssen aufpassen, dass die Gesellschaft nicht auf diesem Weg brutalisiert und darauf vorbereitet wird, wieder Verbrechen zu begehen.“

Was er in der Nacht vor der Preisverleihung geträumt hat, daran kann Anno Saul sich nicht erinnern: „Ich kann mich an meine Träume nie erinnern. Ich habe allerdings gut geschlafen.“ Es gibt wilde Geschichten darüber, dass Schauspieler, die in Barrandov drehen und nach Drehschluss noch etwas erleben wollen, bei Tinder als Aufenthaltsort das Filmstudio eingeben. Weil die Trefferchancen für Leute aus der Filmbranche steigen. Regisseur Anno Saul kann von solchen Erlebnissen nicht berichten: „Ich hatte so viel zu tun, dass ich für Tinder nicht wirklich Zeit hatte. Ich bin 5.50 Uhr aufgestanden und 6.50 Uhr abgeholt worden. Und gegen 21.30 wurde ich vor der Tür wieder abgesetzt und musste dann sehen, dass ich noch was esse und den nächste Drehtag vorbereite. Da tinderst du nicht!“ Er wirkt nachdenklich, so als ob er innerlich eine Liste durchgeht: „Ich weiß überhaupt nicht, wer das kann, ich kann das nicht. Schon kräftemäßig.“

Immer wieder muss Anno Saul beteuern, dass er keinen Künstlernamen trägt, sondern genau diesen Vor- und Nachnamen von seinen Eltern mit auf den Weg bekam. Für den Vornamen ist er besonders dankbar, denn in seinem Geburtsjahrgang 1963 waren Thomas, Michael, Andreas, Frank und Stefan die häufigsten: „Ich bin meinen Eltern wahnsinnig dankbar, dass sie dieser Versuchung widerstanden haben. Meine Eltern haben wirklich Geschmack bewiesen.“

Dafür würde er ihnen gern mal wieder persönlich danken, sein Wunsch angesichts der aktuellen Diskussionen zur Corona-Eindämmung vor dem Fest lautet also: „Ich würde gern Weihnachten mit meinen Eltern feiern.“