Marina Palli und Agathe Bosch in Cristi Pulus Fim „Malmkrog“.
Foto: Mandragora

BerlinNach der Ernennung von Carlo Chatrian als künstlerischem Leiter der Berlinale hofften viele auf ein deutlicher konturiertes Festival-Profil. Die ersten Entscheidungen von ihm und der Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek machten auch Mut: Das Berlinale-Programm ist geschrumpft, einige Kosslick’sche Erfindungen gestrichen. Dafür ergänzte Chatrian das Festival um die Reihe Encounters, einen neuen Wettbewerb mit eigener Jury.   

Die Sektion solle „ästhetisch und strukturell wagemutigen Arbeiten von unabhängigen, innovativen Filmschaffenden eine Plattform“ bieten, erklärte Chatrian. 15 formal wie inhaltlich unterschiedliche Produktionen zeigt Encounters zu seinem Debüt, drei Berlinale-Plaketten – für den besten Film, die beste Regie und einen Spezialpreis der Jury – werden am Sonnabend von der chilenischen Regisseurin Dominga Sotomayor, ihrer deutschen Kollegin Eva Trobisch und dem Filmproduzenten und Festivaldirektoren Shozo Ichiyama aus Japan verliehen.

Letztes Zucken einer fast schon toten Klasse

Bei den Encounters finden sich dabei viele alte Berlinale-Bekannte - mit „Orphea“ meldet sich hier Alexander Kluge zurück, Essayist Heinz Emigholz inszeniert in „Die letzte Stadt“ urbane Begegnungen und skizziert persönliche wie auch gesellschaftliche Spannungsfelder. In seinem Film „Malmkrog“ verbindet Cristi Pulu gestalterische Extreme, dem durchaus opulenten Kostümbild und Dekor stellt der rumänische Regisseur konsequent statische Aufnahmen gegenüber. Der Spielort ist ein Landhaus irgendwo in Osteuropa zum Ende des 19. Jahrhunderts, in 200 Minuten und gegliedert in sechs Kapiteln lässt „Malmkrog“ Großbürger und Adlige zu Wort kommen. In langen, komplexen Monologen und kühl gehaltenen Diskussionen verhandeln sie, meist standesgerecht auf Französisch, moralphilosophische, theologische, ethische Grundsatzfragen. Pulus Film öffnet sich verschiedenen Interpretationsansätzen: „Malmkrog“ lässt sich als letztes, alltagsfernes Zucken einer sterbenden, vielleicht schon toten Klasse lesen.

Szene aus "Die letzte Stadt" von Heinz Emigholz: Young Sun Han, Dorothy Ko, Laurean Wagner.
Foto:  Heinz Emigholz/Filmgalerie 451

Film als Projektionsfläche, Antworten, die sich das Publikum selbst erarbeiten muss, das gibt es oft unter den Encounters. Nach einigen gefeierten Kurzfilmen gibt der kolumbianische Regisseur Camilo Restrepo mit „Los Conductos“ sein Spielfilm-Debüt in der mittleren Länge von 70 Minuten. In künstlich gealterten 16mm-Aufnahmen folgt er seinem Protagonisten Pinky (Louis Felipe Lozano) auf einem düsteren Trip voller Gewalt, Rausch und narrativer Sprünge; Arbeitsausbeutung, Revolution, (Alb-)Traumzustände. Eine Anklage bestehender Verhältnisse, Mut zur erzählerischen Lücke, das findet sich ähnlich auch in Sandra Wollners „The Trouble with being born“, einer konventioneller gestalteten, aber dennoch spröden Geschichte aus einer recht nahen Zukunft. Ein Mann lebt abgeschieden in einem komfortablen Bungalow mit jemanden, den man zunächst für ein kleines Mädchen und seine Tochter hält. Doch die zehnjährige Elli (Lena Watson) ist ein Android, eine Mensch-Maschine, die aus den Erzählungen ihres „Papa“ eine gemeinsame Vergangenheit konstruiert und ihm auch zur Triebabfuhr dient. Langsam, aber erbarmungslos wächst das Unwohlsein in dem Film der österreichischen Regisseurin: Später wird Elli gestohlen und als Emil Gesellschaft einer alten Frau, doch alle Regungen, jeder Satz ist nur programmiert und Fragment vergangener User.

Encounters deckt ein breites Spektrum ab

Carlo Chatrian zeigt mit diesem Programm in seiner ersten Ausgabe ein deutliches Binnenprofil. Bandbreit und anspruchsvoll deckt Encounters inhaltlich wie formal tatsächlich ein weites Spektrum ab. Doch die Stärken der hier gezeigten Werke werden gleichzeitig zu Schwächen des Festivals. Denn letztlich kannibalisiert Chatrian mit Encounters längst bestehende Sektionen, besonders das Forum, und wirft eine profane Sinnfrage auf: Warum laufen die Beiträge nicht im offiziellen, traditionellen Wettbewerb?

Dort hätten auch Arbeiten wie „Gunda“ des russischen Filmemachers Victor Kossakovsky, der in unkommentierten Schwarz-Weiß-Bildern Schönheit und Schrecken von Schlachtvieh darstellt, oder Josephine Deckers Filmbiografie „Shirley“ mit Elisabeth Moss eigentlich hingehört. So macht sich Chatrian in seiner Rolle als künstlerischer Direktor selber Konkurrenz. Die Encounters-Filme sind reizvoll und verdienen auf der Berlinale jede Aufmerksamkeit. Doch die Filmkunst braucht keine eigene Sektion, kein Avantgarde-Reservat und das Festival nicht noch mehr unklare Grenzen: Encounters ist kein Reinfall, aber doch ein Fehlstart.