Für Generationen von jugendlichen Rock ’n’Rollern war es unmöglich, eine Woche ohne ihre Ausgabe des New Musical Express zu überstehen. Und nun dies: Nach 66 Jahren auf den Barrikaden der Jugend-Rebellion wird der NME am heutigen Freitag seine letzte physische Ausgabe drucken und danach nur noch digital existieren – der erste Schritt ins Grab für nahezu jedes Magazin, das letzte verzweifelte Aufbäumen und Zucken in einer Welt, die das Interesse am NME verloren hat. Alle, die den NME liebten, werden ihm dabei alles Gute wünschen.

Dennoch ist es erschütternd, die tintige Bibel der britischen Jugend so tief sinken zu sehen. Zu seinen besten Zeiten, als ich in den späten Siebzigern dort schrieb, verkaufte der NME 300 000 Exemplare in der Woche. NME-Leser (und jeder NME-Schreiber war ein früherer NME-Leser) waren besessen von dem Magazin.

Das Zentrum des Lebens

Viele Jahre bevor überhaupt daran zu denken war, dass ich jemals beim NME arbeiten würde, fuhr ich jede Woche aus Billericay in Essex ins Londoner West End, nur damit ich mein NME-Exemplar einen Tag früher kaufen konnte. Ich glaubte damals, dass ich der einzige Mensch auf der Welt war, der sich dem NME auf diese Weise verschrieben hatte. Doch später erzählte mir der Fernsehmoderator Jonathan Ross, dass auch er jede Woche eine solche Reise unternommen hatte, und ebenso Neil Tennant, lange bevor er die Pet Shop Boys gründete. Unzähligen jungen Menschen – von den 60er-Jahren bis ins neue Jahrtausend – bedeutete der NME dermaßen viel.

Der NME war ein zentraler Bestandteil unseres Lebens, zu einer Zeit, als Musik das Wesen dessen ausmachte, was es hieß, jung zu sein. Der NME wurde in den Sechzigern von Fans der Beatles und der Rolling Stones geliebt (beide Bands traten regelmäßig bei den jährlichen Leserumfrage-Konzerten des NME auf). In den frühen Siebzigern – also in jenen Jahren, in denen ich jede Woche jene 40-Kilometer meinem NME-Exemplar entgegen- und wieder zurückreiste – begleitete das Magazin David Bowie und Roxy Music und Dr Feelgood. Und in den späten Siebzigern, als manchmal Iggy Pop oder Debbie Harry auf meinem Schreibtisch saßen, wenn ich zur Arbeit kam, mischte er in der großen Punk- und New-Wave-Explosion mit – mit den Sex Pistols, The Jam, The Clash, Ian Dury, Blondie, Talking Heads und all den anderen. Und später schrieb der NME über den Aufstieg und Fall der Smiths und Stone Roses, von Oasis und Blur. Was also ist schief gelaufen?

An die Gegenwart geklammert

In gewisser Weise ist es bereits eine Leistung, dass es den NME überhaupt noch gibt. In den Siebzigern gab es eine ganze Palette wöchentlicher Musikmagazine – Sounds, der Record Mirror und der Melody Maker sind schon lange im Nebel der Geschichte verschwunden. Der NME klammert sich noch an die Gegenwart. Alle Zeitungen und Magazine der Welt wurde in den letzten Jahren gezwungen, sich mit dem neuen digitalen Zeitalter auseinanderzusetzen. Aber die Veränderungen aufgrund der neuen Technologien sind nur ein Grund für den Niedergang des NME. Eine größere Rolle spielt das, was mit der Musik passiert ist.

Der NME war immer dann am größten, wenn die Rockmusik blühte. Man kaufte den NME, um zu erfahren, was Mick und Keith diese Woche so trieben – oder Morrissey und Marr, oder Johnny Rotten und Joe Strummer. In den letzten vierzig Jahren des 20. Jahrhunderts konnte man das Gefühl haben, dass die Geschichte der Rockmusik niemals enden würde. Doch genau das tat sie – enden.

Absturz mit Keith Richards

Wer sind die größten Rockstars der Welt? Welche Bands schaffen es noch, eine Massenhysterie hervorzurufen? Nur alte Männer (und ein paar alte Frauen). Die Rolling Stones, Paul McCartney, Fleetwood Mac, Debbie Harry, The Who und Led Zeppelin sind alle schon über 70. Das heißt zwar nicht, dass es keine Rockmusik mehr gibt. Aber wer einmal „Meat is Murder“ oder „Sticky Fingers“ oder das erste Clash-Album gekauft hat, der hat Schwierigkeiten, für Florence and the Machine oder Ed Sheeran großen Enthusiasmus zu entwickeln.

Rockmusik – die lebendigste Kunstform des 20. Jahrhunderts – gehört jetzt ins Museum. Das ist auch gar nicht schlimm – alles muss einmal zu Ende gehen, wie George Harrison sagte. Aber es bedeutet, dass der wichtigste Grund für die Existenz des NME nicht mehr vorhanden ist – aus einem feuchten Keller zu berichten, den die Stones oder The Jam oder die Smiths gerade zerlegten. Es gibt immer noch große Stars der Popmusik, aber Taylor Swift, Rihanna und Beyonce sind doch weit jenseits dessen, wofür der NME stand.

Es war Liebe

An meinem ersten Tag beim NME erzählte mir einer meiner neuen Kollegen, dass er das Wochenende damit verbracht hatte, mit Keith Richards abzustürzen. Der NME schrieb nicht nur über Rockstars – wir machten mit ihnen die Nächte durch und trieben Blödsinn. Für diese Nähe zur Musik – und zu den Menschen, die die Musik machten – wurde das Magazin von Generationen junger Menschen von ganzem Herzen geliebt.

Wer weiß? Vielleicht funktioniert es, wenn man den NME nun gratis im Netz versendet. Ich würde gerne daran glauben. Der Tag, an dem der NME stirbt, wird jedenfalls ein trauriger Tag sein. Doch die bittere Wahrheit ist, dass die Musik, von der der NME lebte, schon längst tot ist.

Aus dem Englischen von Maria Seidl.