Lichtenberg soll leuchten: Barbara und Axel Haubrok.
Foto: Berliner Zeitung/Carsten Koall

BerlinEine Vision für den Stadtbezirk Lichtenberg an der östlichen Peripherie wäre beinahe am lokalen Behörden-Hickhack gescheitert. Die Kunstsammler Barbara und Axel Haubrok durften ab 2018 bei Androhung einer exorbitanten Geldstrafe auf ihrem eigenen Atelier- und Gewerbehof namens Fahrbereitschaft in der Herzbergstraße nicht mehr die eigene Kollektion ausstellen. Obwohl dies die Seele ihres Gesamtprojektes ist. In dieses Areal steckten sie seit 2013 alle Energie und über vier Millionen Euro. „Man hat uns für verrückt erklärt, in unserem Alter noch so was anzufangen“, sagt Barbara Haubrok. „Aber nur sammeln und ausstellen, das war auf Dauer zu einförmig. Dieses Tür an Tür von Künstlern und Handwerkern, das war etwas Neues.“

Seit dem Warnschuss aus dem Rathaus dachte das Paar allerdings enttäuscht und resigniert ans Wegziehen. „Erst wollte Lichtenberg unsere Kunst haben. Dann haben wir die Welt nicht mehr verstanden“, so Axel Haubrok. Darum stellte vergangenen November die Stadt Nürnberg ihre Sammlung aus. Furore für die Dürer-Stadt, Schaden fürs Image von Berlin-Lichtenberg. Wegen des absurden Ausstellungsverbotes protestierte die Kulturszene, es gab Debatten, einen runden Tisch. Nicht einmal SPD-Genossen der unnachgiebigen Stadträtin Birgit Monteiro, die das Verbot verhängt hatte, konnten die Frau umstimmen. Und entsprechende Weisungen des dem Haubrok-Projekt zugetanen Bezirksbürgermeisters, des Kultursenators, gar des Regierenden Bürgermeisters sind in der speziellen Berliner Politik-Struktur nicht möglich.

Endlich lenken die Politiker ein

Die Medien, allen voran die Berliner Zeitung, berichteten über den nicht nachvollziehbaren Vorgang. Vergebens. Das Verbot bestand fort. Bis dieser Tage. Nun endlich lenkt die Stadtbezirks-Politik ein, erlaubt wieder temporäre Ausstellungen und will den Bauantrag für eine Ausstellungshalle wohlwollend bearbeiten. Das Licht für die Kunst soll wieder angehen. Monteiro-Nachfolger Kevin Hönicke, erst seit April Lichtenbergs SPD-Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung, Soziales, Wirtschaft und Arbeit, beendete am Dienstag zusammen mit Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Linke) das Rathaus-gemachte Dilemma. Es gab noch kein Papier mit Stempel und Unterschriften, aber die mündliche Zusage, dass in der Fahrbereitschaft das Projekt des Sammlerpaares weiterentwickelt werden kann, der Stadtbezirk dies künftig mit Rahmenbedingungen für Gewerbe und Kultur an der ganzen Herzbergstraße unterstützen will.

Wenn heute Abend die Sonne untergeht, wird über der Fahrbereitschaft quasi Sonnenaufgang sein. Und für die enorme Kunstsammlung der Haubroks, mit dem Who is Who internationaler Konzeptkunst der letzten 30 Jahre. Auch für die vielen Künstler, die auf dem Hof ihr Atelier haben und sich zu Recht von einer Allianz mit dieser Weltkunst mehr Aufmerksamkeit für ihre Arbeit erhoffen. Doch die Geschichte, die dem leidigen Ärger mit dem drastischen Ausstellungsverbot und Strafandrohung von einer halben Million Euro durch die inzwischen aus dem Amt geschiedene Birgit Monteiro vorangeht und über die fast ganz Berlin den Kopf schüttelte, ist geradezu ein Lehrstück für das, was in diesem Falle in der Berliner Lokalpolitik völlig unnötig war.

Ein Areal für die Kreativwirtschaft: die Fahrbereitschaft an der Herzbergstraße.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

„Wir hätten wenig Mühe, wenn wir niemals unnötige Mühe hätten“, besagt ein alter sarkastischer Spruch. Doch er passt eben auch in unsere moderne Zeit. Worum es hier geht, das geschah 2012, da boomte Berlin. Auf der Visitenkarte der Metropole stand ganz oben die Kunst. Es waren längst über zehntausend Bildkünstler von überallher in die Stadt gezogen, in den Zentren sorgte die Gentrifizierung auch der Atelierhäuser und Künstler-Studios jedoch bereits für Arbeitsraum-Mangel.

Das schon 2007 aus Düsseldorf nach Berlin gekommene Kunstsammlerpaar hatte vom Stadtbezirk Lichtenberg den rumpeligen Gewerbehof mit viel DDR-Patina gekauft und in kurzer Zeit zum Kunstort mit Handwerkeranschluss gemacht. „Der Ort muss geradezu auf mich gewartet haben“, sagte mir Axel Haubrok damals bei einem Rundgang auf dem Gelände. Da hielt er den riesigen Schlüsselbund zu allen Türen der Gebäude, der Garagen, des trutzigen Wachhäuschens und sogar der einstigen Tankstelle in der Hand. Der vormalige Leiter einer Kommunikationsagentur erzählte, dass er in einer Autoreparaturwerkstatt groß geworden sei und mitgeschraubt habe, ehe er Betriebswirtschaft studierte. Er war begeistert vom 30er-Jahre-Stil der Industriebauten auf dem Gelände. Alles Funktionalismus: verglaste Hausfronten, unverwüstlicher Graupelputz. Und von der Bar im Haupthaus der ministeriellen Fahrbereitschaft, den Ornament-Leuchten, wie im geschleiften Palast der Republik, den Barhockern mit knallrotem Kunstleder. Treppauf, treppab eine Reise in die DDR-Vergangenheit.

Areal entwickelte sich zu einem lebhaften Arbeitsort

Er und seine Frau wollten schon nach einem ersten Besuch auf dem Gelände an diesem DDR-geschichtsträchtigen Ort mit ihrer Sammlung, mit Künstlern und Handwerkern arbeiten. „Jeder Zentimeter Boden, jeder alte Stuhl oder Tisch“, so Haubrok, „erzählt politische Vergangenheit, jeder Fetzen Ölsockel in den Fluren, die Ornament-Tapeten, das Linoleum, die Lampen und Türgriffe, die roten Kunststoffhocker in der Kasino-Bar.“ Das Paar hat das Areal von einem Privatmann gekauft, der es vorher von der Treuhand erworben hatte, dann jedoch die Lust verlor. Die Investoren-Begehrlichkeiten hielten sich um 2012/13 noch in Grenzen in dieser Gegend. Die nachts verheißungsvoll illuminierte alte Backfabrik, ein paar Hundert Meter Luftlinie entfernt, wurde zur gleichen Zeit ebenfalls von privaten Betreibern gekauft.

Die Kunst-&-Gewerbehof-Idee fand Zuspruch; die Bezirkspolitiker empfingen die Haubroks mit offenen Armen. Seither haben die beiden das charmant-ruppige Areal in der zwei Kilometer langen Herzbergstraße mit ihren damals noch mit Brettern vernagelten und wüst besprühten Fabriken à la Detroit zu einem lebhaften Arbeitsort entwickelt. An die 75 Ateliers und Werkstätten sind zu niedrigen Preisen vermietet, 85 Prozent  ans produzierende Gewerbe, 15 Prozent an Künstler. Vom Architekten Arno Brandlhuber ließ das Paar eine transparente Leichtbauhalle errichten, Mieter sind die Bilderrahmenwerkstatt Neumann und junge Malerinnen.

Ruppig, charmant und so viel Potenzial: die ehemalige Fahrbereitschaft des DDR-Ministerrates.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

In den Gebäuden des Geländes, auf dem sich einst die Fahrbereitschaft des DDR-Ministerrates befand, wo unter dieser betriebsamen Tarnung einst auch dubiose Ko-Ko-Figuren wie Alexander Schalck-Golodkowski ein- und ausgingen und Devisen-Geschäfte für die SED regelten, lebt illustre Geschichte. Die Haubroks haben darüber sogar ein Buch gemacht. Heute arbeiten hier Kfz-Handwerker, Lackierer, Schreiner, Fräser, Modellbauer, Bootsbauer, Architekten Tür an Tür mit Bildhauern, Malern sowie Installationskünstlern. Auf dem Hof hat auch der Arbeiter-Samariter-Bund seinen Sitz.

Ausstellungen waren seither immer besondere Höhepunkte, gerade zum Gallery Weekend und zur Art Week. Auch für den von den Kunstmuseen und Galerien Berlins so weit entfernten Stadtbezirk. Teile der Haubrok-Kollektion mischten sich spannend mit Werken junger Künstler aus den Hof-Ateliers. Publikum aus ganz Berlin und auch von Ferne machte sich auf den Weg zum Stadtrand. Sogar die Londoner „Times“ und die „New York Times“ schwärmten von diesem außergewöhnlichen Ort der Allianz von Künstlern und Gewerbetreibenden. In dem einstigen DDR-Industriehof, der 2012 als Filmkulisse für „Russendisco“ nach Wladimir Kaminers Roman diente, lebt quasi Andy Warhols Factory-Idee wieder auf. Die Fahrbereitschaft wurde gleichsam zur Blaupause für die Belebung halbverlassener Industriegebiete an den Peripherien. Politiker aus dem Stadtbezirk und dem Senat gaben sich die Klinke in die Hand, trafen hier zusammen mit Museumsleuten, mit Dichtern und Denkern. „Gut, was ihr macht“, haben die Haubroks immer wieder gehört. Ihr Projekt schmücke den Bezirk. Lichtenberg war im Gespräch – ein Vorzeigeprojekt. Wohl zu sehr, seit Gewerberäume immer knapper werden. Doch die Fahrbereitschaft gentrifiziert nicht, sie bietet geschützten und bezahlbaren Arbeitsraum. Und die Wartelisten der Bewerber sind lang.

Blick auf die Bar des Casinos im ehemaligen Fuhrpark des DDR-Ministerrates.
Foto: Markus Wächter/Berliner Zeitung

In satirischer Umkehr eines Bibelspruchs lässt sich über das, was die Sammler über sich ergehen lassen mussten, sagen: Tue nichts Gutes, dann wird dir auch nichts Schlechtes widerfahren. Plötzlich, kurz vor dem Gallery Weekend im Mai 2018, lehnte die damalige Stadträtin Monteiro – sie hatte in der Fahrbereitschaft wenige Jahre zuvor sogar noch eine Ausstellungs-Laudatio gehalten – kategorisch den Haubrok’schen Bauantrag auf eine zweite Leichtbauhalle auf deren eigenem Gelände ab. Dann folgte das Verbot. Begründung: Das sei eine „Nutzungsänderung“. Das Gewerbewesen auf dem Hof und an der Herzbergstraße sei durch Ausstellungen und Publikumsverkehr bedroht. Ein Interessenskonflikt. Argwöhnische witterten Gentrifizierungsgefahr.

Die Kulturszene in Aufruhr

Die Strafandrohung war ein heftiger Schlag in die Magengrube. Die Politikerin bestand auf dem uralten Gewerbegesetz. Dass dieses auch Ausnahmen und Sondergenehmigungen zulässt, focht sie nicht an. Da könne ja jeder kommen. Haubrok hatte und hat für seine Sammlung keine merkantile Absicht. Es wird nichts verkauft. Und wenn die Künstler ihre Ateliers öffnen, ist das nicht vergleichbar mit einem kommerziellen Betrieb. Das Paar war schockiert, die Berliner Kulturszene in Aufruhr. Wer sollte verstehen, dass Handwerker und freischaffende Künstler so gegeneinander ausgespielt wurden? Was sich wie eine Posse ausnimmt, müsste eigentlich Malaise der Berliner Politik heißen. Weil es überhaupt zu diesen Verteilungskämpfen kommen konnte. Kunst kontra Gewerbe. Künstler gegen Handwerker. Gleiche gegen Gleiche, bei immer knapper werdendem Arbeitsraum. Angst vor Verdrängung. Des einen Recht wird des anderen Unrecht.

„Lichtenberg wird leuchten“, daran glaubten die Haubroks vor sieben Jahren, ihr Kunst-&-Gewerbe-Projekt sollte viel Licht beitragen. Sie glauben noch immer daran. Seit dem letzten runden Tisch suchten Stadtbezirkspolitiker nach einer Lösung, für die Fahrbereitschaft und die ganze Herzbergstraße. Der neue SPD-Stadtrat, ein gelernter KfZ-Schlosser, hält die Allianz aus Kunst und Handwerk für goldrichtig und fruchtbar. Sein unverstellter Blick auf die verfahrene Gemengelage entwirrt den Knoten. Politik bedeutet auch Kompromisse. Kevin Hönicke ist jung. Man hat den Eindruck, er versteht, wie wertvoll die Kunst in der industriearmen Hauptstadt und im Stadtbezirk, in dem immer mehr junge Leute leben, ist. Künstler gehören auch zum produzierenden Gewerbe, zur Kreativwirtschaft. Er hält es für an der Zeit, für Kunst und Gewerbe neue Rahmenbedingungen zu schaffen. Das geht nicht über Nacht, aber im Rathaus wird daran gearbeitet.

Tage der offenen Tür geben mit den nötigen Corona-Abstandsregeln Einblick in die Haubrok-Sammlung. Dazu stellen Künstler der Fahrbereitschaft Fotografie aus Afrika und Europa zum Thema Pandemie vor, Herzbergstraße 40-43 vom 2. bis 4. Oktober. www.haubrok.org