Die Darsteller Annika Schlicht (Fricka) und Thomas Blondelle (Loge) während der Aufführung „Das Rheingold auf dem Parkdeck“ auf dem Parkdeck der Deutschen Oper.  
Foto: imago images/Martin Müller

BerlinDass wir das in dieser Spielzeit noch erleben dürfen! Oper, wirkliche Oper, mit hier und jetzt singenden, hier und jetzt spielenden Menschen! Das Parkdeck der Deutschen Oper macht es möglich: Hier gibt es Platz für 200 mit Abstand gesetzten Zuschauern, hier gibt es eine erstaunliche Akustik; lediglich eine Spielfläche gibt es nicht so recht, aber das fällt bei dieser Aufführung des „Rheingolds“, gekürzt und für ein Orchester von 22 Spielern, bearbeitet von dem englischen Komponisten Jonathan Dove, kaum auf. Denn man merkt den Sängern am Freitag Abend an: Sie wollen wieder auf die Bühne – und die schaffen sie sich, wo immer ein Plätzchen ist.

Eigentlich sollte an diesem Abend im Haus ein neuer „Ring des Nibelungen“ beginnen, der vorgesehene Regisseur Stefan Herheim saß auch im Publikum. Jetzt ist noch immer nicht klar, ob in der nächsten Saison mit dem zweiten Stück der Tetralogie, der „Walküre“, gestartet werden kann, die Premiere ist für den 27. September vorgesehen. Dieses Krisen-„Rheingold“ ist kurzfristig zustandegekommen. Dove hatte seine Fassung für die Birmingham Opera Company angefertigt, die eine Aufführung durch ein anderes Ensemble genehmigen muss; diese Genehmigung wurde zehn Tage vor der ersten Berliner Aufführung erteilt.

Klanglich hat Dove die Aufgabe, Wagners orchestrale Hundertschaft auf weniger als ein Fünftel einzudampfen, beeindruckend gelöst – und Donald Runnicles und das Orchester der Deutschen Oper haben das nach kleinen anfänglichen Koordinationsproblemen ebenso beeindruckend dargestellt: Nur zwei statt acht Hörner und keine Wagner-Tuben, nur sechs statt 64 Streicher – und dennoch entsteht der weiche, volle Walhall-Klang, entsteht genug Gewirbel für Donners Unwetter und genug Schimmer für die Regenbogenbrücke. Nur selten fehlt dem Hörer etwas, etwa beim Abstieg nach Nibelheim, in der die in Terzentürme gepresste Orchestermasse auch für die Unterdrückung eines ganzen Volks durch den Ausbeuter Alberich steht. Aber diese Passage kürzt Dove ohnehin drastisch, indem der ganze Auftritt Mimes wegfällt.

Die Absicht dieser Kürzungen ist nicht immer klar, viele wirken pragmatisch und sinnlos zugleich. Wagner hatte angeblich eine Aufführungsdauer von zwei Stunden im Sinn und schalt seine Dirigenten der Temperamentsarmut, dass sie immer eine halbe Stunde mehr bräuchten. Doves Fassung dauert 110 Minuten – das ist zwar deutlich weniger, aber dadurch wird das Stück nicht wirklich schlanker.

Mag sein, dass manche Textpassagen entbehrlich ist, aber sie enthält eventuell die Vorstellung eines wichtigen Motivs. So ist durch die Kürzung des Mime-Auftritts die Exposition des Tarnhelm-Motivs weggefallen; kehrt es wieder, fällt es nicht mehr auf, der musikalische Eindruck ist ein ganz anderer. Mancher Sprung bringt nur wenige Sekunden, stört aber das periodische Gleichgewicht der Gesangsphrasen empfindlich: So merkt man dann immerhin, dass Wagners Musik keineswegs so formlos ist, wie es ihr oft vorgeworfen wurde, dass es Proportionen gibt, die man nicht durcheinanderbringen sollte.

Der verkleinerte Klang gibt den Sängern die Möglichkeit zu klarster Artikulation. Thomas Blondelle als Loge übt sich mit überschäumender Spiellaune in dämonischer Überdeutlichkeit, der Wotan Derek Weltons bleibt darstellerisch etwas behäbig, überzeugt aber durch eine reiche dynamische Spannweite und großen Klang, wie auch Annika Schlicht als Fricka – beide bilden ein musikalisch glänzend dargestelltes Ehepaar im Streit.

Philipp Jekals Alberich funktioniert vielleicht nur mit dieser Besetzung: Der junge Bariton singt mit schlankem Ton und viel Sprache, muss an Volumen noch gewinnen, vermittelt aber den Umschwung der Komödien in die Tragödie, die Verfluchung des Rings bereits mit großer Wucht. Dagegen wirkte Judit Kutasis Erda bei wuchtigem Klang eher konventionell, auch in dem, was solch großen Altstimmen an Intonation oft misslingt. Zauberhaft harmoniert das Rheintöchter-Trio mit Elena Tsallgova, Irene Roberts und Karis Tucker.

Die von Neil Barry Moss erarbeitete „Szenische Einrichtung“ spielt mit dem Charakter einer Not-Inszenierung: Weiß verhüllte Kostümpuppen erinnern an den Anfang des Götz-Friedrich-Rings im Tunnel, Wotan nimmt in einem Drehstuhl mit der Aufschrift „Regie“ Platz, Alberich betritt die Bühne mit Rudolf Moshammer-Perücke und mit zu viel Blumen am Jeansanzug, das Rheingold selbst besteht aus goldenen Brustpanzern, die aus einem Haufen überflüssiger Requisiten ausgewählt werden.

Zum Einzug aus Walhall fallen aus dem angrenzenden Gebäude die Banner verschiedener Produktionen – Walhall als das Opernhaus selbst, das sehnsüchtig des Einzugs der Gäste harrt. Die Riesen erscheinen als Bauunternehmer im Nadelstreifen-Anzug, und vielleicht wirkte kein Fafner je so gnadenlos und furchterregend wie der entsprechend nüchtern singende Tobias Kehrer, der mit dem Klemmbrett in der Hand und mit der kalten Leidenschaft der Pedanterie registriert, ob da auch genug Gold aufgehäuft wird – hier wird aus der szenischen Einrichtung eine Inszenierung mit Ausdruckskraft.

Weitere Aufführungen am 16., 18., 19., 20. und 21. Juni. Deutsche Oper Berlin, Bismarckstr. 35, Tel. 030 34384343